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Karaköy Balık Pazarı_Istanbul

Oktober 29, 2017

Trifft das tatsächlich immer noch zu, dass die vor einem Jahrtausend aus Zentralasien nach Kleinasien eingewanderten Türken nie ein emotionales oder auch nur räumlich kommunikatives Verhältnis zur Meeresküste entwickelt haben? Ist ihnen, deren Land Millionen von Touristen gerade wegen der Küste bereisen, diese völlig schnuppe? Gestern stellte sich mir zum zweiten Mal in 35 Jahren, in denen ich die Türkei bereise und mich mit Blick auf Migrationsfragen mit dem fast rundum von Meeren umgebenen  Land beschäftige,  diese mich und mein Weltbild völlig auf den Kopf stellende Frage. In einer 2009 in Istanbul erschienenen urbanistischen Publikation   „Tracing Istanbul (from the air)“ mit ausgewählten und kommentierten Luftaufnahmen verschiedenster Viertel der wuchernden und sich stetig erneuernden Metropole,  fand ich dieses statement von Deniz Aslan:

“Something else we know by rote has to do with the seashore. The city has no inclination to bring the water into itself. It actually has no relationship with the water because it is perpendicular to it. It doesn’t have that kind of communication with it. It’s always parallel to the water, and it’s communication with it is only visual. It is limited to seeing the other side, the boats that go by, and to get on one to cross the water. At most the city uses the existence of water as a geographical line. I can say that Istanbul has no experience in using the water, or more accurately the shore.”

Eingangs des Goldenen Horns ist diese Aussage kaum nachvollziehbar. Wirkt die Stadt doch wunderbar dem Meer zugewandt. Im alten Pera (griech.: gegenüber), einem schon unter Justinian mit einer Stadtmauer befestigten Stadtteil, der in osmanischer Zeit Teil von Galata wurde, ehe Ende des 19. Jahrhunderts unterhalb der steilen, italienisch anmutenden Gassen, in der Uferebene zur Galata-Brücke hin steile, mittelalterliche Hausbauten und Banken entstanden. Die gut ein Jahrhundert bestehende Pontonbrücke, die mich bei meinem ersten Besuch 1981 faszinierte, wurde 1990 durch eine moderne Pfeilerbrücke ersetzt, was für mich ein unwiderruflicher Einschnitt in meine Erinnerung an diesen wohl eindrucksvollsten Ort der Stadt, mit einzigartigem Blick zum anderen Ufer, bedeutete.

2002 fotografierte ich Fischverkäufer an den Fähranlegestellen von Karaköy, die man dort heute kaum noch sieht, und den Abriss der ersten Häuserzeile jenseits der Brücke zum Meer hin, wo dann der heutige Fischmarkt entstand.

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

2013 waren wir im Fischlokal Furkan Balik Lokantasi essen und sind dann ans Goldene Horn, um in Richtung Galata-Brücke zu laufen.

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

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Am Bosporus-Ufer und hier rund um die Galata-Brücke wurden früher deutlich mehr Fische verkauft, als heute. Es hat wohl auch Versteigerungen der Fische gegeben, die fast alle aus dem Marmara Meer stammen. Zudem standen immer Angler auf und am Fuß der Galata-Brücke.

Was wir hier erkundeten, war nicht mehr der echte, alte Balıkçılar Çarşısı. Dieser ist etwa am 27.6.2015 durch städtische Institutionen zerstört worden ( mehr dazu hier und hier), entstand dann aber neu:

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Istanbul ist auch durch diesen Merkt eine Stadt am Wasser: Wenn auch die Fischerdörfer und Märkte längst überprägt und durch die Erfordernisse des Verkehrs brutal verändert wurden, ist das Meeresufer nicht nur die repräsentative Schauseite der Stadt, sondern weiterhin auch Lebensraum geblieben, wie dieser durchaus nicht nur durch die Hunde, Katzen und Möwen lebendige Balık Pazarı beweist.

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Neben Hunden, Katzen und Möwen wird die Szenerie beherrscht von Fischern, die in Booten Sandwichs mit gebratenem Fisch zubereiten. Garküchen versorgen auch anderswo das Publikum im Uferbereich, vor allem gegenüber in Eminönü, aber hier fühlt es sich sich so wirklich echt an. Es gibt andere Fischverkaufsorte in Istanbul, wie den Galatasaray Balık Pazarı in der Sahne Sokagi nahe der Cicek Pasagi, der Blumengasse am Galatasaray Platz, dem Markt in Kadiköy, dem in Besiktas und der Tersane Cad. in Azapkapi, sowie Wochenmärkten an bestimmten Tagen im Wechsel, aber nur hier in Karaköy fühlt es sich echt an.

Wir kamen später am Abend  nochmal zurück und ich konnte das eingangs genannte Zitat überhaupt nicht nachvollziehen: Die Bewohner der Stadt nehmen das Meer allein schon dadurch in ihr Leben auf, als sie dessen Früchte gerne, wenn auch nicht in Massen, zum Verzehr kaufen.

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

Adresse: Arap Cami Mahallesi, Fermeneciler Cd. No:35, 34421 Beyoğlu/İstanbul

Verwendete Quelle: Öner, Meric (Hg.): Tracing Istanbul (from the air)“, mit Fotos von Oguz Meric und Texten von Murat Güvenc, Deniz Aslan und Pelin Dervis, Istanbul 2009, S. 120

Karaköy Balık Pazarı_Istanbul © Ekkehart Schmidt

From → Istanbul, Märkte

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