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Bäckerei Dilmaç _Mannheim

Oktober 28, 2017

Satte 22 Jahre war ich nicht mehr hier. Und nichts ist mehr wie damals, im positiven, wie im negativen Sinne. Im Sommer 1995 schrieb ich über die Einweihung der damals größten Moschee Deutschlands. „Stein des Anstoßes, Prüfstein der Toleranz. Moscheebauprojekte – Ausdruck der Emanzipation der Muslime“ nannte ich meinen Text. Ja, so konnte man das damals, sechs Jahre vor dem 11. September, sehen: Nachdem bei den Muslimen in Deutschland in den 1970er-Jahren eine „abnehmende Tendenz in der praktizierten Frömmigkeit“ festzustellen war, zeigte sich nun ein neues Selbstvertrauen. Auch weil die von Deutschland seit einem Jahrzehnt angeworbenen türkischen, bosnischen, marokkanischen und tunesischen Arbeitsmigranten damals begannen, ihre Zukunft verstärkt in Deutschland zu sehen. Am 13. September 2017 nutzte ich eine Fahrt nach Kassel, um die Umsteigezeit in Mannheim um zwei Stunden zu verlängern und zum Viertel Jungbusch zu laufen, wo damals die Yavuz-Sultan-Selim-Moschee eingeweiht worden war.

Kurfürst Theodor hatte es noch leicht. Man möge im unweit von Mannheim gelegenen Schwetzinger Schlossgarten einen „Türkischen Garten“ mit Moschee errichten, dekretierte er. So entstand 1778 mit der „roten Moschee“ Deutschlands erstes voll funktionsgerechtes islamisches Gotteshaus und das weltweit einzige im Barockstil. Benutzt wurde sie freilich erst in diesem Jahrhundert und auch nur an Feiertagen. Einen ähnlichen Wunsch hatte Anfang der 1990er-Jahre auch Carl Theodors Nachfolger in der Mannheimer Stadtverwaltung. Das war weniger großherzig, denn pragmatisch gedacht. Zunächst ging es darum, im rahmen der Altstadtsanierung eine Lösung zu finden, wie die Hinterhöfe entkernt werden könnten: Denn was sollte mit der bis dahin wichtigsten muslimischen Gebetsstätte der Stadt in einem verwahrlost wirkenden Hinterhofs des Planquadrats G7 geschehen?

Den damals 18.000 Mannheimer Türken war ein eigenes, zentrales und vor allem würdigeres Gebäude als die bisherigen drei Hinterhofmoscheen nicht länger vorzuenthalten. Im Jahr 1373 der Hidschra nach islamischer Zeitrechnung wurde die 1209 Quadratmeter große Moschee, die über 2500 Gebetsplätze verfügt,  nach zweijähriger Bauzeit am 4. März 1995 eingeweiht. „Gott sei Dank, dass wir so einen Bürgermeister haben“, sagte damals ein Moscheebediensteter. Gerhard Widder hieß der so gepriesene Stadtvater, der im Verbund mit dem Mannheimer Ausländerbeauftragten (so nannte man damals die Integrationsbeauftragten) Helmut Schmitt im Gegensatz zu Entscheidungsträgern in anderen Städten nicht versuchte, die Religionsfreiheit mit Hilfe des Baurechts zu ersticken. Errichtet wurde sie gegenüber der Luisenkirche. Man bekam zwar die Erlaubnis, ein Minarett zu bauen, aber es durfte nur ein kleiner Stumpf von 35 m sein, um auf gar keinen Fall die Dominanz der Kirche in Frage zu stellen.

Bäckerei Dilmaç _Mannheim © Ekkehart Schmidt

Bäckerei Dilmaç _Mannheim © Ekkehart Schmidt

Ich erinnere mich daran, dass es damals ungewöhnlich wirkte, dass im Eingangsbereich der Moschee zwei bis drei Geschäfte einen Platz gefunden hatten, der stark auf die muslimische Kundschaft ausgerichtet war. Aber ich weiß nicht mehr, ob damals dort neben einem Reisebüro schon eine Bäckerei war. Nachdem ich – vom Bahnhof kommend – ein riesiges, von türkischen Migrantenbetrieben dominiertes Viertel durchlaufen hatte, fiel mir hier jetzt die Bäckerei Dilmaç auf. Ich war froh, dort einen Tee und etwas Gebäck zum verspäteten Frühstück zu bekommen.

Bäckerei Dilmaç _Mannheim © Ekkehart Schmidt

Seit etwa 10-15 Jahren besteht dieser Laden, meinte die freundliche Verkäuferin, die allerdings erst seit einem Monat hier ist. Und im Übrigen kein Kopftuch trägt und auch sonst modern wirkt. Der Chef backe selbst, unter anderem große Simmit, Börek, Trockengebäck oder Schokocroissants. Aber er backe nicht hier. Es handelt sich hier offenbar um eine Filiale der Bäckerei von Hayrettin Dilmaç die im nahen Hassloch entstanden ist. Geöffnet ist hier schon morgens ab 3 Uhr. Es gibt Tee und verschiedene Kaffeesorten von einer Tschibo-Maschine (alles je 1 Euro). Die Kundschaft ist deutsch und türkisch, wie das Schild „Coffee to go / Cay Var“ eindeutig signalisiert. Während der halben Stunde, die ich hier verbrachte, wurde jedoch nur Türkisch gesprochen.

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Bäckerei Dilmaç_Mannheim © Ekkehart Schmidt

Bäckerei Dilmaç_Mannheim © Ekkehart Schmidt

Bäckerei Dilmaç_Mannheim © Ekkehart Schmidt

Bäckerei Dilmaç_Mannheim © Ekkehart Schmidt

Die Moschee war mit ihrem Projekt „Offene Moschee“  eines der ersten muslimischen Gotteshäuser in Deutschland, das sich mit ihrem damaligen Leiter Bekim Alboga nach außen hin öffnete und das Ziel der interreligiösen Annäherung und der Aufklärung über den Islam praktisch umsetzte. Benannt ist sie nach Sultan Selim I., genannt „Yavuz“ (= der „Gestrenge“, der „Grausame“). Bis zur Eröffnung der Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh 2008 war sie die größte Moschee Deutschlands. Sie war damals erst die 18. oder 19. offizielle von gut 2000 Moscheen in Deutschland, das heißt ein von vornherein für sakrale Zwecke errichteter  bau, der über deutlich sichtbare Kuppeln und Minarette verfügt.

Der Kuppelbau mit seinem Minarett wird von zwei Gebäuden mit je drei Wohnungen eingerahmt, die den Bezug zur Nachbarbebauung herstellen. Die Architektur wirkt mit ihrer zurückhaltenden äußeren Ornamentik, postmodernen Elementen und relativ harmonischer Anpassung an die Bürgerhäuser der Umgebung, wenig fremdländisch. Von den Gebäuden leiten runde Treppenhäuser zur Moschee über. In Form von Säulen wiederholt sich das Motiv im Erdgeschoss, in dem die Läden angesiedelt sind. Darüber ist ein dreieckiger Erker angeordnet, der außen sichtbar die Gebetsnische nach Südosten in Richtung Mekka anzeigt. Klingt architektonisch gut angepasst. Der viel befahrene Innenstadtring tötet mit seiner Breite und dem Lärm jedoch jegliche angenehme Atmosphäre. Zudem hatte ich damals das Gefühl, dass die Moschee mitten in einem Migrantenviertel liegt. Heute wirkt sie eher etwas verloren und abseits im Osten des Viertels, in dem „die türkische Musik“ spielt.

Gegenüber, an der Liebfrauenkirche, steht ein Plakat: „Heimat ist …“. Es gibt mehrere Antworten, unter anderem „wo Glaube Platz hat“ bzw. „wo Dein Herz ist“. Letzteres wirkt hier, wo die Autos auf dem Luisenring an hässlichen Bauten vorbeilärmen, etwas deplatziert. Auf meinem Rückweg zum Bahnhof fallen mir Bundestags-Wahlplakate mit zwei türkischstämmigen Kanditaten auf: Ecevit Emre (Linke) und Gökay Akbulut (Linke). Und dann gab es am 12. September eine „Cem-Session“ mit Özdemir. Bei Emre heißt es: „1.050 Euro sanktionsfreie Mindestsicherung statt Hartz IV“ oder „Die teuren Flüchtlinge sind Steuerflüchtlinge. Steueroasen austrocknen“. Damals wie heute leben überwiegend einkommensschwache Familien im Jungbusch. Mit 72 Prozent ist der Jungbusch der Stadtteil in Mannheim mit der höchsten Arbeiterquote. Außerdem zog dieser Bezirk besonders viele Einwanderer an, zunächst Italiener, dann vor allem Türken. 69 Prozent der Einwohner dieses hafennahen Viertels haben einen Migrationshintergrund (Mannheim gesamt 44 Prozent). Trotz mancher sozialer Probleme ist die Kriminalität im Jungbusch jedoch nicht auffällig.

Vor 22 Jahren schrieb ich, dass die Moschee dadurch, dass die wichtigste muslimische Gebetsstätte der Mannheimer Muslime aus dem Hinterhof in die Mitte der Gesellschaft gerückt ist, auch eine neue Ära der Integration symbolisiere. Und dass sich die Mannheimer, wenn sie sich erst einmal an die neue Silhouette gewöhnt haben, sicherlich auch Stolz über ihre neue Sehenswürdigkeit als Symbol der Integration und religiöser Toleranz empfinden. AfD-Plakate habe ich hier dieses Jahr nicht gesehen. Aber ich nehme an, dass deren Propaganda im Jungbusch nicht wirkt. Auch weil manch potentieller Wähler schon viel zu oft bei Dilmaç leckeres Gebäck probiert hat und auch dadurch die muslimische Präsenz vor Ort akzeptiert hat. Und weil es sich bei den hiesigen Muslimen nicht um Flüchtlinge handelt, sondern um langjährige Kollegen und Nachbarn, die einem nichts wegzunehmen drohen.

Adresse: Luisenring 28, 68159 Mannheim,

Verwendete Quellen: Schmidt, Ekkehart: Stein des Anstoßes, Prüfstein der Toleranz. Moscheebauprojekte – Ausdruck der Emanzipaton der Muslime, in: Ausländer in Deutschland (AiD), Saarbrücken, 2/1995, S. 5-6; Wikipedia-Artikel Yavuz-Sultan-Selim Moschee

Bäckerei Dilmaç_Mannheim © Ekkehart Schmidt

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