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Café Nenninger_Kassel

September 21, 2017

Ich sei ja nur ein „Kasselaner“, scherzte mein Onkel mit mir, mit dem Stolz des „Kasseläners“, der freilich mit einer „Kasselerin“ verheiratet ist, als ich ihn im August wegen der documenta besuchte. Ich musste das jetzt bei Kasselwiki nachschauen, um nichts falsches zu bloggen. Ich bin einer, der in Kassel geboren wurde, aber weggezogen ist, während er mindestens in der zweiten Generation in der nordhessischen Stadt geboren wurde und mit einer zugezogenen Person verheiratet ist. Übrigens ist man „Kasselaner“ und „Kasseläner“ auf Lebenszeit, unabhängig vom tatsächlichen Wohnort, heisst es. Und dann gibt es ja noch den „Kassler“, aber das ist gepökeltes und leicht geräuchertes Schweinefleisch, das traditionell mit Sauerkraut gegessen wird und dessen Herkunft aus der Stadt an der Fulda sich nicht belegen lässt, wenngleich das im 19. Jahrhundert wohl einmal in Berlin behauptet worden ist. Angeblich ist dieses ganz eigentümlich schmeckende eingelegte Fleisch die Erfindung eines Berliner Fleischermeisters namens Cassel, weiß Wikipedia.

Sei’s drum. Als ich Karl, den Kasseläner, nach altehrwürdigen Cafés vor Ort fragte, nannte er sofort das Nenninger, während ihm das Stadtcafé nichts sagte, das ich am Nachmittag entdeckt hatte. Das Nenninger hatte ich tatsächlich schon gesehen: Es war mir durch seinen klassischen Schriftzug ins Auge gefallen, als ich am „Parthenon der verbotenen Bücher“ stand. Aber ich hatte keine Zeit, dort einen Espresso zu trinken. Die ergab sich erst letzte Woche am Mittwoch, als ich noch einmal für zwei Stunden in meiner Geburtsstadt war, um in den von der Nordsee kommenden ICE zu steigen, in dem meine jüngsten Söhne samt Mutter saßen, auf dass letztere in der Betreuung etwas entlastet wird.

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Das Äussere ernüchterte mich beim Nähertreten letzte Woche etwas: Das wirkte doch sehr neu, gar nicht wie ein Café mit über hundertjähriger Tradition. Aber diese riesige Eiswaffel in Kombination mit sehr modernen Stühlen war ein Blickfang.

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Ich bin dann erstmal hinten rum gegangen, etwas unschlüssig, ob ich mich da jetzt wirklich reinsetzen soll. Auf der Rückseite eine große Terrasse, auf der Leute zu Mittag aßen. Das Café ist also auch Eisdiele und Restaurant.

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Gut, ich bin dann also rein und habe es nicht bereut. Es hat etwas sehr edles, wie das Personal in roten Hemden und schwarzen Hosen durch das lang gezogene Lokal läuft. Die Stühle weisen ebenfalls diese Farbkombination auf: rotes Kunstleder über schwarzen Stuhlbeinen zu Tischen aus schwarzmeliertem Pseudomarmor. Es riecht betörend nach Kuchen. Nicht nur beim Vorbeigehen an der imposanten Kuchentheke. Aber es war auch brechend voll. Der Altersdurchschnitt lag – jetzt gegen 14.30 Uhr – deutlich über 60. Ich fand dann doch einen Platz und beschäftigte mich fotografisch mit den roten Lampen vor den Fenstern, tapfer den Kuchen und Pralinen widerstehend.

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Klar wurde aber auch, dass dies hier vor allem eine Konditorei ist und der Kaffeebetrieb eher nebenher läuft. Auf der Speisekarte wurde die Geschichte dieses Hauses beschrieben, das eines der ältesten familiengeführten Lokale vor Ort ist: 1900 gründte Siegfried Nenninger, nach Stationen bei den Hofkonditoreien in Dessau, Leipzig und Hannover  im Jahr 1900 die Conditorei Nenninger in der Wilhelmshöher Allee. 1935 übernimmt Willi Nenninger mit seiner Frau Thea den Betrieb in der Hohenzollernstraße am heutigen Ständeplatz. Im Krieg werden alle Geschäfte der Conditorei zerstört und nach Kriegsende 1948 zunächst in Bettenhausen am Forstbachweg wieder aufgebaut. 1955 entsteht die Milchbar Lido am Ständeplatz, 1957 erfolgt die Übernahme des ehemaligen Café Möller in der Garde-du-Corps Straße/ Ecke Wilhelmstraße. Ab 1976 übernehmen Konditormeister Klaus Nenninger und seine Frau Verena den Betrieb. 1996 erfolgt die Übernahme der Backstube des Café Paulus. 2002 eröffnet man mit neuem Konzept hier am Friedrichsplatz dieses Café. 2016 erfolgte dann noch die Neugestaltung der seit 2000 bestehenden Kaffeebar in einer Location namens DEZ durch Verena Nenninger. Ich wußte jetzt also gar nicht, ob ich wirklich in „dem“ Café Nenninger sitze oder nur in einer Filiale. Egal.

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Mein Espresso für 2 Euro war erstaunlicherweise „aus nachhaltig angebautem und fair gehandeltem Cerro Verde Kaffee“. Man bekommt hier im Lokal, das drinnen 100 Plätze und draußen noch einmal 100 aufweist, auch diverse Frühstücksvarianten ab 3,60 Euro, Eis für 1,60 Euro die Kugel und jede Menge Kuchen, z.B. den Nenninger Baumkuchen und Schnuckewerk (was wohl Pralinen sind). Während ich das erwartet hätte, wunderte ich mich doch, dass die Karte neben Fruchtschorlen auch Weine, Prosecco und Sekt anbot. Und eine breite Karte mit Speisen, die ich als Nur-Kasselaner nicht kannte: Nordhessische Schmeckewöhlerschen („Grüne Soße“ mit Ei und Kartoffeln, mit sieben Kräutern) für 8,50 Euro. Dazu Rindfleischscheiben für 4,50 Euro. Oder Kasseler Kochwurst für 7,90 Euro. Und schließlich der „Hessenteller“: Kleine Schmeckewöhlerschen – dies und das von allem was – von Ahler Wurscht bis Grüne Soße für 11 Euro.

Nach einer halben Stunde musste ich wieder los zum Bahnhof, nicht ohne den Versuch zu machen, den sich in den Fenstern des Nenninger spiegelnden Parthenon abzulichten.

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

Später wurde mir bewusst, dass ich hier, in einem der – laut „Feinschmecker“ von 2014 – besten Cafés in Deutschland auch hätte abends fotografieren sollen, wie mir durch ein Foto auf der früheren Homepage klar wurde: Diese Lichteffekte sieht man tagsüber nicht. Das trage ich dann spätestens zur nächsten documenta in fünf Jahren nach.

Adresse: Friedrichsplatz 8, 34117 Kassel, Tel: 0561-7661690, E-Mail: kontakt@cafe-nenninger.de, Homepage

Café Nenninger_Kassel © Ekkehart Schmidt

From → Cafés

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