Zum Inhalt springen

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog

September 6, 2017

Ich war Ende August in Friedrichskoog an der Nordsee zwar auf der Suche nach einem Lokal zum Mittagessen, aber zunächst interessierte mich vor allem der offenbar leer stehende Gebäudekomplex neben einer Landschlachterei, die für mich eigentlich nicht in Frage kam. Dann wurden mir aber einige Zusammenhänge klar, weshalb ich nun doch ganz bewusst dort essen ging.

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

„Holsana“? Nein: „Holsatia“. Es ist nicht mehr klar zu lesen, aber ich fand später online Spuren: Hier in der Hafenstraße 119 hatte eine Fischerei-Genossenschaft ihren Sitz, die heute „Holsatia Husum-Friedrichskoog“ heißt. Seit einer nötigen aber nicht umgesetzten Hafensanierung 2015 sind die Fischer offenbar mit ihren Kuttern gut 30 km nordwärts nach Büsum (wie mir jemand erzählte – oder doch Husum?) abgewandert. Seitdem gibt es in Friedrichskoog keine Fischverarbeitung mehr, höchstens in kleinem Stil noch die von Krabben.

Der Ort liegt in der Marsch Süderdithmarschens. Das Land, das erst im 19. und frühen 20. Jahrhundert eingedeicht wurde, ist ausnehmend fruchtbar. Nördlich der Elbmündung entwickelte es sich aus natürlicher Landgewinnung, die erst zum Entstehen der Dieksander Hallig – heute Friedrichskoog – dann zum Entstehen des Dieksanderkoogs und heute zu umfangreichen Salzwiesen vor der Küste führte. Ursprünglich durch Landwirtschaft, vor allem durch den Anbau von Kohl geprägt, kam Anfang des 20. Jahrhunderts die Fischerei als Wirtschaftsfaktor hinzu. Mittlerweile ist es vor allem ein Touristenort mit immerhin 2500 Einwohnern.

Friedrichskoog verfügt über einen 160 Jahre alten Hafen, dessen Betrieb durch das Land im Juni 2015 wegen des zu teuren Unterhalts und zu geringer Nutzung eingestellt wurde. Der Tidehafen versandete immer wieder stark. Die Ausbaggerungen erfolgten bis dato aus Landesmitteln. Den Gesamtunterhaltskosten des Hafens von bis zu 850.000 Euro standen Einnahmen aus dem Hafenbetrieb von nur rund 75.000 Euro gegenüber. Zudem wurde der Hafen immer weniger genutzt: im Jahr 2000 hatte Friedrichskoog noch rund 900 Anläufe von Krabbenkuttern, 2013 waren es nur noch 104. Es wurden auch nur 52 t Krabben angelandet – im Vergleich zu jährlich mehr als 4000 t in Büsum.

Auf Landesebene wurde daher beschlossen, den Hafen nicht mehr zu bewirtschaften, sondern ihn zum „Erlebnishafen“ mit jährlichen Kosten von 275.000 Euro umzugestalten. So die offizielle Info. Ich habe den Hafen als tot erlebt. Lediglich vor der Schleuse lagen noch zwei Motorboote, innen an der Seehundstation war kein Schiff mehr zu sehen. Dafür fanden sich wütende Plakate und Fahnen, die unter anderem den Umweltschutz als verantwortlich für das Ausbluten der „Lebensader Hafen“ machten. Ohne jährliche Kutterparade gingen die Touristenzahlen runter und die Gastronomie begann zu leiden.

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Und so komme ich nun von Fisch auf Fleisch… Im Haus des Schusters Peter Mewes im Haus neben der Fischereigenossenschaft in der Hafenstraße 117 richtete Karl-Heinz Mewes 1951 eine Schlachterei ein. Das Gewerbe kannte man in den Kögen bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht, es fand erst relativ spät Eingang in die junge Marsch. Die bäuerlichen Betriebe waren Selbstversorger, selbst die Beamten und Fischer waren aber Viehhalter. Um die vorletzte Jahrhundertwende gab es dann eine erste Schlachterei, die aber wegen eines Konkurrenzbetriebs in der Hafenstraße 10 wieder schloss. Dort schlachtete die Familie Möller bis 1952, danach die Familie Schäfer bis 1971. Als Karl-Heinz Mewes also seinen Betrieb neben der Fischereigenossenschaft eröffnete, machte er – letztlich erfolgreich – den Schäfers Konkurrenz.

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Man betritt hier eine große Gaststube mit rechterhand der Metzgereitheke und linkerhand einem großen Bereich mit drei, durch eingezogene Scheindecken so voneinander getrennten Sitzecken, das die Illusion entsteht, es handele sich um mehrere Pavillons eines Marktes. Direkt am Eingang hängen drei Fotos, auf denen man die Verwandlung des Hauses nachvollziehen kann.

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Heute ist es längst üblich, Schlachttheken im Supermarkt zu haben – wie hier gegenüber im Edeka. Etwa seit den 1970er-Jahren gehörten Hausschlachtungen der Vergangenheit an. Bis 1969 hatte das im Ort ein Schlachter namens Kurt Fischer durchgeführt. Heute verkauft man sein Vieh an einen Händler, der es zu einem Schlachthof bringt, von wo es in Einzelprodukte zerlegt zum Verbraucher – hier oder anderswo – zurück kehrt. „Der Vorgang des Schlachtens ist auf diese Weise aus dem Blick der Gesellschaft herausgeraten, wie viele andere, einst ’natürliche‘ Vorgänge auch“, heisst es in einer Publikation.

Der Betrieb wird als traditionelles Familienunternehmen geführt, 1983 fand ein erster Generationswechsel statt, im Januar diesen Jahres ein zweiter. Der Enkel des Gründers führt den auf die Schlachtung und Verarbeitung von Fleisch zu Wurst und Aufschnitt-Produkten spezialisierten Betrieb in 3. Generation weiter. Die Verkäuferin betonte mir gegenüber, dass sie Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine schlachten, aber weder Lämmer, noch Pferde oder Geflügel. Und dass alle Tiere aus der Region kommen. Irgendwann, wohl in der 2. Generation, begann man, mit einem täglich wechselnden Mittagstisch auch gastronomisch aktiv zu werden. Dann wurde eine Außenterrasse eingerichtet.

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

Bei meinem Besuch war relativ viel los, aber ich nehme an, dass auch die Landschlachterei mit dem Rückgang der Touristenzahlen zu kämpfen hat. Die hausgemachte Erbsensuppe für 3,50 Euro mit Bratkartoffeln für 3 Euro schmeckte sehr gut. Auch als Flexitarier, der kaum Fleisch isst, fand ich, dass man einen solchen Betrieb unterstützen sollte. Weiter im Angebot: Hackplatte mit Nudeln oder Kartoffeln für 5,90 EUR, Gulaschsupe für 4 EUR, Mehlbeutel, Kirschsoße und geräucherter durchwachsener Speck für 5 EUR, Rübenmus mit Kasseler für 6 EUR sowie Buttermilchsuppe und Klöße. Aber auch belegte Brötchen für 1,25 – 2,40 EUR.

Nachtrag vom 25. März 2019: Nachdem die Gemeinde vor Gericht gegangen war, um gegen die Schließung des Hafens zu protestieren – und verlor – war der Protest ruhiger geworden. Noch immer aber sind die Zeichen des Protestes zu sehen und es scheint nun plötzlich wieder voran zu gehen, wie die Frankfurter Allgemeine Woche berichtete. Der neue Bürgermeister Bernd Thaden, seit Sommer 2018 im Amt, hat einen Plan: Der Kommune seien Fördergelder in Aussicht gestellt worden, wenn sie ein städtebauliches Konzept  vorlege. Das hat sie getan: Der alte Hafen soll als Ortszentrum wiederbelebt werden, mit neuen Straßen, Promenaden und Parkplätzen. Die Pläne wurden im März nach Kiel geschickt. Zwar sei es noch ein weiter weg, aber immerhin sei man wieder im Dialog mit der Landesregierung, so Thaden.

Adresse: Hafenstraße 117, 25718 Friedrichskoog, Tel.: 0 48 54 – 298, Homepage

Verwendete Quellen: Feil, Petra/ Meyer, Horst/ Wilkens, Klaus Heinrich: 150 Jahre Friedrichskoog. Vom Koog zur amtsfreien Gemeinde, Friedrichskoog 2005, S. 110, 114; Stock, Wilhelm: Chronik der Gemeinde Friedrichskoog. Meerland am Gestade der Nordsee, Friedrichskoog 1979, S. 101; Wikipedia-Artikel „Friedrichskoog„; Wyssuwa, Matthias: Friedrichkoog. Ein Dorf rettet seinen Hafen, Frankfurter Allgemeine Woche 13/2019

Landschlachterei A. Mewes_Friedrichskoog © Ekkehart Schmidt

From → Anders leben, Reisen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: