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Große Braderie_Luxemburg

September 2, 2017

Ich weiß nicht wirklich, ob ich einen Besuch der Braderie empfehlen kann, die in Luxemburg traditonell seit 1929 am ersten Montag im September stattfindet. Das Event ist auf den ersten Blick eher etwas für “Schnäppchenjäger” und “Powershopper” in Sachen Billigtextilien oder Plastikspielzeug, die dann gerne anschließend noch Würstchen und deftig zubereitete Grillhähnchen zu sich nehmen wollen. Der „Strooseverkaaf“ ist aber auch ein soziales Ereignis: zum einen eins, bei dem man sich nach den Sommerferien wieder trifft, zum anderen eins, bei dem man die ganze Vielfalt interkulturellen Lebens einer Stadt erleben kann, die mit einem Ausländeranteil von weit über 50 % europaweit einzigartig ist. Ich bin jedenfalls dieses Jahr zum zehnten Mal in Folge dabei, befindet sich doch mit der Avenue de la liberté eine der Hauptadern des Marktes direkt vor der Tür meines Arbeitsplatzes.

Die Braderie findet in der Innenstadt und im Bahnhofsviertel statt. Ich habe immer nur letzteres von diesem „Shopping-Event des Jahres“ mitbekommen und letztes Jahr endlich auch einmal fotografiert: Erst morgends, als es noch sehr ruhig war, dann abends auf dem Weg zum Bus nach Hause. Am liebsten habe ich es, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit den ersten Ständen zuschaue, wie die Mitarbeiter noch am Kisten schleppen, auspacken und bestücken der Auslagen sind, während schon die ersten Kunden kommen – bei denen es sich keineswegs nur um Arbeitslose und Rentner handelt: Manche Institutionen in der Avenue de la Liberté oder der Avenue de la Gare geben ihren Mitarbeitern sogar frei während andere heute doppelt so viel Arbeit wie sonst haben.

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Selbst wenn man hier vergleichsweise wenig Lebensmittelstände findet – jedenfalls keine von Bauern betriebenen – hat das Straßenverkaufs-Event durchaus Flair. Das liegt auch daran, dass viele Geschäfte der beteiligten gut 30 Straßen ihre Sonderposten direkt vor der Ladentür aufbauen und dadurch keine Dominanz ortsfremder fliegender Händler entsteht, die eher minderwertige Ware anbieten. Für die lokalen Betriebe – auch für Buchhändler oder Schuhgeschäfte – handelt es sich bei der Braderie um eines der wichtigsten Geschäftsereignisse. Über 400 Verkäufer, die ihre Waren von 8 bis 18 Uhr anbieten können, werden die diesjährige Braderie auf insgesamt fast sechs Kilometern Bürgersteig prägen. Insofern gibt es europaweit tatsächlich wenige große Märkte, die sich diesbezüglich mit der Braderie messen können. Kritisiert wird lediglich, dass sich die großen internationalen Markenhäuser der Innenstadt nicht beteiligen.

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Einen besonderen Reiz hatte für mich nicht nur der Blick vom Balkon, sondern auch der von der Haustür auf die Rückseite der Stände.

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Nachdem sich verschiedene Luxemburger Geschäftsleute im Jahr 1929 einen Straßenverkauf in der Nachbarstadt Metz anschauten, kam ihnen die Idee, so etwas auch zuhause zu organisieren: Eine sogenannte Braderie mit Straßenverkauf. Zwar gab es wohl Skeptiker, aber man setzte es doch um und gleich die erste Auflage war erfolgreich. Seitdem steht die „Braderie am Kiirmesméindeg“ als Tradition am ersten Septemberwochenende im Kalender. Im Durchschnitt der letzten Jahre gab es jährlich geschätzte 200.000 Besucher, allerdings mit leicht rückläufiger Tendenz. Gut 60 % der Händler verkauften Kleidungsartikel, wobei fast 70 % Preisnachlass auf die Sommerware gewährt werden und 10-15 % auf die neue Kollektion. Es heißt, dass die beteiligten Geschäfte wähend der Braderie etwa 30 % mehr Umsatz machen, als an anderen Montagen. Auch die 88. Auflage nächsten Montag wird für sie also einer der wichtigsten Tage des Jahres sein.

Die meisten der 406 Stände dieses Jahres finden sich in der Innenstadt, aber immerhin gut 150-160 im Bahnhofsviertel. Neben Händlern, verlängerten Theken von Kneipen oder Restaurants, sowie Ständen mancher Bank, gibt es etwa 35-40 Imbissbuden und auch ein Dutzend Vereine hat Stände aufgebaut – von „Aide au Vietnam“ bis zur „Fondation Kriibskrank Kanner“. Es gibt auch Clowns, unzählige Tombola, DJ-Musik, 2016 einen indianischen Musikanten, Gewinnspiele und so weiter. Traditionell haben alle Parteien einen Stand, 2016 kam sogar Premierminister Xavier Bettel an den Stand der DP. Dieses Jahr werden wohl alle Parteien präsent sein. Das hat auch damit zu tun, dass die Braderie zeitgleich mit der politischen „Rentrée“ stattfindet und im Oktober Kommunalwahlen anstehen.

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Manche sind Traditionskunden, die mit festem Einkaufszettel kommen. Andere stöbern einfach nur ohne festes Einkaufsziel, sind auf Schnäppchenjagd. Solche habe ich in den 9 Jahren, die ich wenigstens für ein Viertelstünchen am Spektakel teilgenommen habe, allerdings nur am Stand eines Buchladens gemacht. Und es kommen ganze Familien, die mit dem klaren Ziel kommen, sich hier vor Schulbeginn und für die Zeit bis Weihnachten quasi komplett neu auszustatten. Wenn auch vielleicht nicht die ganze Garderobe, so doch zumindest Schuhe, Hosen und Hemden. Nicht nur Einheimische, auch viele Franzosen. Insgesamt jedenfalls viele Migranten. Wichtig ist auch, einfach ein paar nette Leute wieder zu treffen, etwas zu reden, das politische und gesellschaftliche Leben etwas reflektieren und natürlich zwischendurch was kleines essen, zum Beispiel „Eisekuch“ bei Namur oder eben portugiesisch Gegrilltes, wie hier am Braderie-Eingang am Bahnhof, wo ich dann auch abends auf dem Weg zum Bus wieder vorbei komme.

Neben der Hauptstadt gibt es auch in anderen luxemburgischen Städten eine jährlich stattfindende Braderien, zum Beispiel Anfang Juni in Esch, Mitte Juni in Ettelbrück, Ende Juli in Düdelingen und Grevenmacher, im August in Echternach oder Mitte September in Clervaux, Wasserbillig und Schifflingen. Daher wird der große Schlußverkauf in der Hauptstadt auch „Stater Braderie“ genannt.

Nachtrag: Die diesjährige Braderie hat nach Angaben des haupstädtischen Geschäftsverbandes 150 – 200.000 Personen angelockt.

Verwendete Quellen: Bervard, Laurence: Shoppen auf 2,6 Kilometern, Luxemburger Wort, 01.09.2016; Chassaing, Guillaume: À la chasse aux bonnes affaies, Le quotidien, 06.09.2016; Clarinval, France: Succès de la braderie malgré la météo (paperjam.lu, 05.09.2017); Feller, Martine: 10, 20, 30, und 50 Prozent, Tageblatt, 06.09.2016; Goffin, Séverine: Ils ont étoffé leur garde-robe pour la rentrée à la braderie, L’essentiel, 06.09.2016; Kimmer, Jacqueline: Shopping-Event des Jahres, Journal, 01.09.2016; LJ: „Maacht gutt Affairen“, Letzebuerger Journal, 06.09.2016; LJ: Auf Schnäppchenjagd,  Letzebuerger Journal, 05.09.2017; Schonckert, Marc: Preis oder Qualität?, Tageblatt 02.09.2017; Tageblatt: „E gudde Moment fir gutt Affären“, Tageblatt 02.09.2017.

Große Braderie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

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  1. Cliärrwer Braderie_Clervaux | akihart

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