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Olu Oguibe und das Waffel Café_Kassel

August 18, 2017

Letzte Woche erlebte ich auf dem Kasseler Königsplatz eine interessante Koinzidenz dreier Themen, als ich mir am Abend des ersten Besuchstages der documenta 14 noch ein bisschen meine Geburtsstadt anschauen wollte. Zunächst entdeckte ich auf dem kreisrunden, nach der Totalzerstörung im 2. Weltkrieg, in 50er-Jahre-Architektur wieder aufgebauten Platz eine schöne, schattige Ecke an einem Café, die mich anzog. Innen gefiel es mir aber nicht allzusehr, so fotografierte ich nur.

Olo Oguibe und das Waffel Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Olo Oguibe und das Waffel Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Olo Oguibe und das Waffel Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Olo Oguibe und das Waffel Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

In den Räumen des ehemaligen City Cafés haben die Inhaber Kubilay und Aynur Ürkmez im März 2016 das erste Waffelcafé der Stadt eröffnet: man bekommt hier über 40 Waffel-Kreationen, die süß oder deftig zubereitet werden:  mit Räucherlachs, Chicken-Curry oder heißen Kirschen. Wie es dazu kam? Gäste des City Kaffee lobten dessen belgische Waffeln, sodass sich die neuen, das Café seit 2014 betreibenden, Inhaber entschlossen, ganz auf Waffeln zu setzen. 2015 wurde saniert: die Fensterfront wurde erneuert und eine rote Markise angebracht (ein Foto des früheren Zustands findet sich auf der Facebook-Seite des Lokals, hier die alte Webseite). In der Etage über dem Waffel-Café betreibt Kubilay Ürkmez außerdem eine Änderungsschneiderei – ein Familienbetrieb, der schon seit gut 25 Jahren besteht. Zudem betreibt die Familie im Haus noch ein Hostel.

Neben den türkischstämmigen Inhabern fiel mir zudem auf, dass hier im Café drei Gruppen bzw. Einzelpersonen offensichtlich syrischer oder irakischer Herkunft saßen: ein Vater mit seinen Kindern, eine junge Frau mit deutschen Freundinnen und drei weitere Personen, der Springbrunnenanlage zugewandt, wenn auch in ihre Smartphones vertieft. Dazu ein mich interessierendes Plakat einer Ausstellung in Herford. Nachdem ich diese Fotos gemacht hatte, drehte ich mich um, schaute nach einem Obelisk, der mir aufgefallen war und wurde überrascht: Mir war nicht bewusst, dass hier noch ein Werk der documenta steht.

Olo Oguibe und das Waffel Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Olo Oguibe und das Waffel Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

In wenigen Metern Höhe las ich, über einer Gruppe junger Flüchtlinge, die sich hier getroffen hatten, in goldenen Buchstaben eingraviert, ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ – rundum in Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch. Das Werk soll auch Dankbarkeit ausdrücken für alle, die sich um Flüchtlinge kümmern, sagte der aus Nigeria stammende US-Künstler Olu Oguibe. Sein Obelisk war ursprünglich aber Ausdruck seiner Beschäftigung  mit der menschlichen Tragödie des nigerianischen Bürgerkriegs (Biafra-Konflikt), in dem er als Kind zum Vertriebenen im eigenen Land wurde.

Oguibe ist Sohn eines Predigers, aber nach eigenem Bekunden nicht religiös. Er sagte, dass Jesu Aufforderung, Fremde aufzunehmen, evangelikale Christen in den USA, die die Grenzen für Flüchtlinge schließen, mehr provozieren müsste, als etwa ein Zitat des Philosophen Immanuel Kant.

Olo Oguibe und das Waffel Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Olo Oguibe und das Waffel Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Olo Oguibe und das Waffel Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Der d 14-Obelisk ist wesentlich leichter als die Vorbilder aus Ägypten. Er ist nicht massiv aus Naturstein geschlagen, sondern innen hohl und kann relativ schnell wieder zurückgebaut werden. Aber vielleicht behält die Stadt ihn ja, wie so manches andere Kunstwerk in der langen Geschichte der documenta, wie den Himmelsstürmer, die Spitzhacke oder die Eichen von Beuys. Dies ist in den vergangenen Tagen angeregt worden.

Gestern reagierte wegen des möglichen Ankaufs des Obelisken ein Stadtverordneter der AfD im Kulturausschuß der Stadt und löste damit große Empörung aus. Offenbar hat das Zitat in der aktuellen Situation provoziert. Er hatte von „ideologisierender und entstellender Kunst“ gesprochen. Wenn die Stadt das Kunstwerk kaufe, werde die AfD dort „bei jedem von Flüchtlingen begangenen Anschlag“ zu Demonstrationen aufrufen. Andere Parteien sehen in diesen Worten eine Anspielung auf den Begriff „entartete Kunst“ aus der Nazizeit.

Erst im Juni hatte Olu Oguibe den mit 10.000 Euro dotierten Arnold-Bode-Preis 2017 des Magistrats der Stadt erhalten. Der Preis wird in Erinnerung an den documenta-Gründer verliehen. Oguibe setzt sich seit fast vier Jahrzehnten Erfahrung als Konzeptkünstler und Denker mit vielseitigen Themen zu sozialen und formellen Fragen auseinander. In Deutschland, Japan und Korea hat er permanente Installationen geschaffen. Er lebt und arbeitet in der Kleinstadt Rockville in Connecticut.

Adresse: Königspl. 38, 34117 Kassel, Tel.: 0561-92195620

Verwendete Quellen: Hessenschau: Arnold-Bode-Preis für documenta-Künstler Oguibe, 20.06.2017; lokalo24: Brand am Grill, Waffeln am Königsplatz & Orangerie-Menü, 25.03.2016; Pflüger-Scherb, Ulrike : Obelisk für documenta 14 aufgebaut: „Der hält bestimmt 500 Jahre“, HNA, 19.05.2017; Wellhöner, Jens: „Entstellende Kunst“? – Streit um documenta-Obelisk, hessenschau.de, 17.08.2017; Nzewi, Ugochukwu-Smooth: Olu Oguibe, in: Latimer, Quinn/ Szymczyk (Hg.): documenta 14. Daybook, Kassel 2017, 11. Juli;

Olu Oguibe und das Waffel Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

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