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Stadt Café_Kassel

August 15, 2017

Obwohl in Kassel geboren, war ich in den letzten 50 Jahren – mit zwei Ausnahmen – nur alle 5 Jahre hier. Immer zur documenta. Dieses sonst wohl eher ruhige Café nahe des Fridericianums, dem zentralen Ausstellungsort, das mir schon bei meiner ersten documenta 1987 aufgefallen war, blüht in den jeweils 100 Tagen dieser Ausstellung zeitgenössischer Kunst natürlich auf. Es vermischen sich dann hier, in der Treppenstraße auf dem Weg zum Hauptbahnhof, kasseläner Stammkunden und müde Kunstinteressierte aus aller Welt. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich seit 1987 nur eine documenta verpasst habe, also sechs von vierzehn erlebt habe. Aber diese war die erste, in der ich anderthalb Tage lang alleine herumlief und alles selbstbestimmt entscheiden konnte – zum Beispiel, mich hier in der Treppenstraße für einen Espresso hinzusetzen.

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Die 1953 erbaute Treppenstraße ist die erste geplante und dann auch ausgeführte Fußgängerzone Deutschlands. Durch die heute kaum noch vorstellbar vollständige Zerstörung der Innenstadt im zweiten Weltkrieg konnte hier relativ frei von Zwängen einer früheren Bebauung geplant werden: Es hat hier nie eine Straße gegeben, so wurde sie von vornherein als  300 m langer Fußgängerweg mit mehreren Treppen erbaut, um 15 m  Höhenunterschied zu überwinden. Die Randbebauung – und mit ihr wahrscheinlich auch das Stadt Café – wurde allerdings erst 1957 fertig. Die „goldenen Zeiten“ dieser damals als fortschrittlich geltenden Planung und einer Mischung vieler guter Fachgeschäfte sind aber offenbar vorbei, unter anderem, weil sie nicht wirklich barrierefrei ist.

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Die historische Leuchtreklame ist wohl 60 Jahre alt, wurde aber – vor sicherlich auch schon ein bis zwei Jahrzehnten – durch ein Zusatzschild einer Brauerei ergänzt. Natürlich kann man draußen am besten die Passanten beobachten. Dafür ist es drinnen mit einer Dominanz brauner und gelber Farbtöne recht gemütlich, ohne düster zu sein. Man kann sich ans Fenster, auf Barhocker an hohe Tische, an die Bar oder auf erhöhte Sofa-Sitzecken setzen.

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

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An die 50er-Jahre erinnert die Deckengestaltung, wobei die Leuchten eher aus den 70ern oder 80ern stammen.

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Die Lampen am Fenster könnten noch zur Originalausstattung gehören. Wer mag, kann in ihnen erahnen, was die Straße und wohl auch das Café den Menschen damals bedeutete: ein Symbol des optimistischen Neuanfangs nach dem verheerenden Krieg.

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Ach so: Hier gibt es natürlich nicht nur Espresso, sondern auch Croissants, mehrere Frühstücksvarianten, selbstgebackene Kuchen und Torten sowie Flammkuchen und anderes. Wenn ich mich auch meiner Heimatstadt – oder zumindest meiner Geburtsstadt, schließlich zogen wir nach Teheran, als ich anderthalb war – nähern wollte, so war ich doch wegen der documenta gekommen. Beides kam bei der nächsten Station zusammen.

Von hier zu stammen hieß für mich – neben den Familiengeschichten – vor allem, Kind einer 20 Jahre zuvor brutal zerbombten Stadt zu sein, aus der meine sechsjährige Mutter und zwei Geschwister nur mit viel Glück und Kellerdurchbrüche durch ein Kindermädchen aus einer wahren Feuersbrunst gerette worden waren – wenige hundert Meter von der Treppenstraße entfernt. Ein Umstand, der mir erst bei der nächsten Station der vielen documenta-Standorte, dem Stadtmuseum mit einem Modell der zerstörten Stadt, vor Augen geführt wurde.

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

Das untere Bild zeigt links die Straße, in der meine Mutter bis 1944 lebte, linkerhand… Ob sich Besucher des Stadt Cafés diesem Kontext in der heute als eher hässlich empfundenen Treppenstraße in ähnlicher Weise bewusst werden? Es mußte halt schnell und preiswert wieder aufgebaut werden. Das Design der in die Trümmer gebauten Treppenstraße war da vergleichsweise modern und großzügig. Und das Café ein kleines Wunder.

Adresse: Treppenstraße/ Obere Königsstr. 41, 34117 Kassel, Tel.: 0561-9372215, stadtcafe-kassel@gmx.de, http://www.stadtcafe-kassel.de

Verwendete Quellen: Lueken-Isberner, Folckert: Porträt: Kassel, Treppenstraße, in: moderneREGIONAL, Heft 15/2; ; Stadtportal Kassel: Treppenstraße; Schwaab, Ellen: Treppenstraße leidet unter häufigen Geschäftswechseln, HNA, 265.11.2011; Wikipedia-Artikel „Treppenstraße„;

Stadt Café_Kassel © Ekkehart Schmidt

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