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Erinnerungswerke II – Authentisches aus der Fremde

Juli 20, 2017

Ich sammele seit meinen ersten Reisen Anfang der 1980er-Jahre, Dinge auf, die ich unterwegs finde, oder entwende Objekte, ohne mir Gedanken zu machen, was eigentlich die dahinter stehende Motivation ist. Ich wusste bislang nur, dass mir diese Gegenstände sehr wichtig sind. Das geht von verrosteten Kronkorken und Dosen – und was man beim Trampen sonst so an der Straße findet – über ertauchte Muscheln oder aufgesammelte Schneckenhäuser, Korallenstücke und anderes Strandgut bis hin zu Zigarettenschachteln, Zuckertüten und Espressotassen. Manchmal kommt etwas Größeres dazu: Schilder aus Zügen und Bussen, hölzerne Hamam-Schuhe aus Istanbul oder ein russischsprachiges Schild aus einer verlassenen Kaserne der Roten Armee bei Halle an der Saale.

Die Objekte erzeugen bei mir bis heute eine Vorstellung nicht nur des damaligen Augenblicks, in dem ich sie mir als Mitbringsel angeeignet habe, sondern generell von dieser Art Situation als Reisender. Zum Beispiel wenn man stundenlang am damals jugoslawisch-bulgarischen Grenzübergang auf den nächsten Hike warten muss. Oder an irgendeiner Autobahnauffahrt steht. Oder glücklich das Ziel erreicht hat und in einem kleinen türkischen oder arabischen Ort eine billige Absteige gefunden hat und abends noch einen Spaziergang macht. Oder über ein antikes Ruinenfeld läuft und plötzlich alte (wie alt?) Scherben findet. Manche sind einfach eine Gedächtnishilfe, etwas, zu dem nur ich exklusiv Zugang habe. Andere bilden für mich eine organische Verbindung zur Vergangenheit, sind ein umfassenderer Erinnerungsrohstoff, den auch andere unmittelbar begreifen können.

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Etwas Spezielles sind hierbei die mit bunten Motiven bedruckten Sardinendosen, die ich nach meinem Portugal-Aufenthalt 1983 zu sammeln begann, nachdem ich mitbekam, dass die Dosen zunehmend nur noch eine Papierhülle bekamen oder aber mit ästhetisch weniger ansprechenden Motiven bedruckt wurden. Ebenfalls zu sammeln begann ich ab Ende 1980er-Jahren mit den Namen von Cafées oder den Logos von Kaffeemarken bedruckte Espressotassen. Der Anspruch war hier – wie bei den meisten anderen Objekten – mich durch es an eine bestimmte Aktivität oder ein Gefühl an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Datum zu erinnern (was langfristig gesehen nur bei wenigen, wie dieser Tasse, funktioniert hat).

Eher meinem Sammeltrieb zuzuordnen sind die gut 30 ehemaligen Marmeladengläser, die ich mit Sand von Stränden zwischen Schottland, dem Libanon und dem Iran gefüllt habe. Zu manchen gibt es aber konkrete Geschichten: In Mahmoud Abad las ich 2016 Sand auf vom ersten seit 1970 am Kaspischen Meer besuchten Strand, an dem ich diesmal nicht baden durfte;  2005 sammelte ich am Strand in Beirut Sand ein, während Männer in einem Boot gerade eine aufgedunsene, tote Kuh anlandeten.

Erinnerungswerke II – Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Am eindringlichsten ist die organische Verbindung eines Objektes zur Vergangenheit sicherlich bei nachgelassenen bzw. übrig gebliebene Fotos und Dokumenten. Den ersten solchen Fund machte ich im März 1993 in einem leer stehenden Obdachlosenasyl oder Seemannsheim in der Canary Wharf in London, kurz vor deren Umwandlung in einen Finanzdistrikt:  Mitgliedsausweise, Papiere, sowie Lebensmittel- und Zigarettengutscheine eines britischen Seemanns.

Aber auch in unmittelbarer Nachbarschaft kann man Fremdes finden bzw. intime Einblicke in fremde Welten bekommen, beispielsweise in Ottweiler, wo ich 2001 oder 2002 auf dem Sperrmüll einen Original-Küchenschrank aus der Nachkriegszeit fand und uns in die Wohnung holte, in dem sich noch ein Fotoalbum der Vorbesitzerin befand, deren Haus offenbar nach ihrem Tod entrümpelt worden war. Oder vor etwa zwei bis drei Jahren, als ich – vermeintlich – einen dieser „Henkelmänner“ fand, in denen die treusorgenden Ehegattinnen von Bergbau- oder Stahlwerksarbeitern mittags ein Essen brachten: Ich deponierte dort einen wiederum einige Jahre zuvor gefundene Sammlung an Fotos und zerrissener Knappschafts- und sonstiger Ausweise eines solchen Arbeiters. Später bekam ich den Hinweis, dass es sich mitnichten um einen Henkelmann handelt, sondern um eine Art Backform für Pasteten, die man im Wasserbad garte.

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Etwas ähnliches hatte ich schon am 7. Februar 1995 beim Sperrmüll in der Arndtstraße in Saarbrücken gefunden: eine Fotosammlung einer Frau, hier noch in der Originalverpackung, einem Plastik-Kulturbeutel. Wirklich angeguckt habe ich mir diese Fotos nie, das war mir zu voyeuristisch. Aber ich empfand auch eine gewisse Verantwortung, dies aufzubewahren, sie gewissermassen in ehrendem Gedenken zu behalten. Auch als memento mori: Was wird denn einmal von mir bleiben?

Auch andere Objekte stammen nicht aus Reisen, sondern wurden mir geschenkt. So zu meinem letztjährigen Geburtstag ein Bund Salbei und kleine Knoblauchzehen, den mir Sadije aus ihrer Heimat im serbischen Teil von Bosnien-Herzegowina mitgebracht hat, den ich 1987 bereist hatte. Jedesmal, wenn ich mir bei einer Erkältung einen Salbeitee kochte oder ein Essen mit Knoblauch gewürzt habe, machte ich mir die Herkunft klar und war dankbar dafür. Ähnliches gilt, seitdem ich 1983 einmal Rindenstücke auf einem portugiesischen Korkhain aufgesammelt hatte, für Korken von Weinflaschen, egal ob von einem algerischen Rotwein aus dem Saarbrücker Dritte-Welt-Laden oder (wie hier im Falle der Türkei) von Reisen stammend.

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Erinnerungswerke II - Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

Für mich sind diese Dinge, egal ob sie unscheinbar oder spektakulär sind, mehr als nur Souvenirs, die Erinnerungen wecken. Sie repräsentieren dadurch, dass ich sie für mich persönlich mit Bedeutung auflade ganz bestimmte intensive Erfahrungen oder auch Erkenntnisse. Zugleich will ich diese repräsentativen Gegenstände festhalten und mit ihnen manchmal auch eine vergangene oder bald verdrängte Lebensweise. Meistens ist das aber vergeblich. Das merke ich vor allem ab dem Moment, an dem ich den Fundort vergessen habe – so erging es mir vor allem bei antiken Scherben. Aber solche gehören für mich zu einer anderen Kategorie: jener der an Historisches erinnernden Fundstücke.

Erinnerungswerke II – Authentisches aus der Fremde © Ekkehart Schmidt

From → Heim Art, Reisen

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