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Grand Hotel de France_Tunis

Juli 13, 2017

Es existiert noch! Nach über 100 Jahren. Als ich letzte Woche die Dias einer Reise nach Tunesien und Libyen im Dezember 1993 durchschaute, elektrisierte mich die Erinnerung so, daß ich gleich nachschauen musste, ob es bei Google Maps zum Grand Hotel de France nicht auch Fotos der Hotelzimmer gibt. 1993 alleine und 2010 mit einigen interessierten Studierenden einer Exkursionsgruppe der RUB Bochum, bin ich – ohne Gast zu sein – durch die Flure dieses vierstöckigen Gebäudes gegangen, das für mich schon fast mythischen Charakter angenommen hat, seitdem ich mich vor 25 Jahren wochenlang intensiv mit der „Tunisreise“ von August Macke, Louis Moillet und Paul Klee beschäftigt hatte, die für die Kunstgeschichte nicht nur wegen des durch die dortige Architektur entscheidend angeregten Übergangs ihrer Malerei zum Kubismus, sondern vor allem weil die in ihren Aquarellen nach Europa gebrachte gleißende tunesische Sonne endlich Licht und Helligkeit in die stark verdüsterte abendländische Malerei brachte.

Während Klee und Moillet in diesen zwei Wochen vom 7. bis 19. April 1914 in der Stadtwohnung (rue de Sparte 7) und später im Landhaus des ihnen bekannten Arztes Dr. Jaeggi in St. German/ Ez-Zahra südlich von Tunis blieben, hatte sich Macke als einziger hier, im Zentrum, am Übergang von französischer Neustadt  zur arabischen Altstadt in einem Hotel einquartiert, in dem zehn Jahre vorher schon seine Frau mit Mutter und Bruder sowie einem Onkel, dem Maler Heinrich Brüne, gewohnt hatten. „Er verfügte durch einen Freund, den Sammler Köhler, über mehr Mittel und logierte im Hôtel de France“, heißt es in einer Nachbetrachtung von Walter Holzhausen nach einem Gespräch mit Frau Jaeggi 1958. „Logieren“ wäre heute der völlig falsche Begriff, würde man hier absteigen. Auch wenn dieses und andere Gebäude der rue M Mbarek 2010 durchaus ordentlich saniert wirkten, ist der Standard heute nur noch derjenige eines 1 – 2* Hotels:

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

1993 habe ich mich drinnen nicht getraut, Fotos zu machen, nachdem ich an der Rezeption mein Anliegen geschildert hatte, wegen Recherchen zu August Macke mir gerne das Haus ansehen zu wollen, weshalb ich tatsächlich etwas herumgeführt wurde. Man hatte von diesem Maler schon gehört, weil zumindest einmal ein Filmteam dagewesen war, erzählte man mir. Zu übernachten kam mir in diesen Tagen in Tunis nicht in den Sinn, wohnte ich doch gerade im Hotel Salammbo, etwa 100 m weiter nordöstlich, in dem meine Freundin Petra während eines mehrwöchigen Praktikums lebte.

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Die rot-weißen Schilder sind mittlerweile durch edlere, blaue Schilder ersetzt worden. Sie ähneln dem damaligen Schild linkerhand, das Zimmer mit Bad anpries („Chambres avec Salle de Bain“). Aber nach wie vor tritt man durch den vom Jugendstil beeinflußten Torbogen einen großen Innenhof mit Schatten spendenden Bäumen, der trotz offensichtlicher Sanierung noch den Charme der Gründerzeit des Hauses und der Neustadt an sich ausstrahlt, ohne touristisch verkitscht worden zu sein. Vergleichbares kann man nicht zu allen Teilen des Hauses sagen, betrachtet man die aktuellen Fotos auf Google Maps von 2017, von denen ich zwei der Innenbereiche entnommen habe.

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Ich durfte damals auch auf das Dach und blickte auf die Dächer des Hauptmarktes, der vor etwa einem Jahrzenht derart saniert wurde, dass eine neue Dachkonstruktion die damals sichtbaren Ziegeldächer verdecken. Einen Seiteneingang des Hauptmarktes sieht man in der Flucht der rue M Mbarek hinter dem Hotel, sowie vom Dach aus.

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

Keine Frage, dass ich das nächste Mal in Tunis hier wohnen und photographieren möchte. Zumal ich es immer wieder erstaunlich finde, dass Reiseführer die Neustadt kaum erwähnen, vor allem aber interessante Cafés und Hotels mit Geschichte und Flair übersehen zugunsten von Tipps in Bezug auf Preis und Komfort.

Adresse: rue M Mbarek (auch:

Verwendete Quellen:  Güse, Ernst-Gerhard: Die Tunisreise. Klee, Macke, Moillet, Stuttgart 1982; S. 31; Holzhausen, Walter: Die Tunisreise. Erinnerung und Geschichte, in: dumont: August Macke. Die Tunisreise. Aquarelle und Zeichnungen, Köln 1958 (Nachdruck 1988), S. 32-48, S. 38. Die zwei verwendeten aktuellen Fotos stammen aus der Hotelseite auf Google Maps

Grand Hotel de France_Tunis © Ekkehart Schmidt

From → Hotels, Reisen

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