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Bazar Różyckiego_Warschau

Juli 1, 2017

Ja ist er denn überhaupt noch geöffnet? Bei meinem ersten Besuch Ende Mai stand ich gegen 17.30 Uhr vor verschlossenen Gittertoren und der Blick hindurch zeigte Ödnis. Irritiert fragte ich im Hostel Fabryka die junge Rezeptionistin. Sie konnte mit dem Namen überhaupt nichts anfangen, ja hatte noch nicht einmal etwas von der Existenz von Basaren hier im Warschauer Stadtteil Praga gehört. Dabei hat es hier am Nationalstadion bis etwa 2012 einen der größten Märkte Osteuropas überhaupt gegeben und der Różyckiego Basar, keine 500 m vom Hostel entfernt an der Hauptstraße gelegen, besteht nicht nur in den Anfängen seit  1885 (offiziell seit 1901) als wichtigster Handelsort des Viertels und war in der Nazizeit der einzige Ort, in dem man rationierte Waren, aber auch Waffen und Munition erhielt (damals, wie im Kommunismus, wurde er auch als Schwarzmarkt berühmt), sondern ist wegen seiner Lebendigkeit lange eine der „Hauptsehenswürdigkeiten“ von Praga gewesen. Tja, aber sie war offensichtlich nach 1989/90 geboren und wuchs bereits in einer Welt auf, in der die Problematik eines eingeschränkten Konsumgüterangebotes nicht mehr existierten. Dass man auf halb informelle Märkte zu gehen hatte, um Waren wie Kaffee, Blue Jeans oder Plastikspielzeug zu bekommen, ist für zwanzigjährige Polinnen längst unvorstellbar geworden bzw. ist etwas aus der fernen Vergangenheit. Ich war selber irritiert und ging trotzdem am 1. Juni noch einmal mittags los: Es war immer noch leer und öde dort, aber geöffnet (wenn auch nur bis 17 Uhr). Und faszinierend: Die Leere hat verschiedene Hintergrundfarben: grün, blau, gelb oder grauweiß – und bleibt doch immer in gleicher Weise melancholisch stimmend.

Bazar Różyckiego_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Eine Tafel erinnert an den Apotheker Julian Różycki, dem damals das Grundstück gehörte und der hier einen Markt aufbaute. Auch beim zweiten Besuch dominierten vor der Ladenzeile am Eingang Passanten und Bankhocker, die eher arm oder gar abgestürzt wirkten, wohl Kunden des Alkoholladens oder Rentner mit viel Zeit, dazu auch Verkäufer absoluter Billigware, die in ihrer Not, Einnahmen erzielen zu müssen, ihre Stände auf den Bürgersteig vor dem Eingang platziert hatten. Eine der Buden wurde gerade frisch gestrichen.

Bazar Różyckiego_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Auf dem kleinen Vorplatz im Inneren des Marktes warteten zwei Verkäufer von Restposten. Der Mann mit dem Einkaufswagen bot Paletten mit Joghurt und ähnlicher Industrieware, während die Oma selbstgemachtes feilbot.

Bazar Różyckiego_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Ich könnte mit meiner Fotoauswahl der Marktgassen jetzt ein Bild eines noch halbwegs lebendigen oder eines fast völlig toten Marktes zeichnen. Beides entspricht nicht der Wahrheit. In der Realität gab es an jeder Ecke immer den Blick auf ein überlebendes Geschäft, wenn auch manchmal 30-50 m entfernt, umgeben von Leerstand. Jedenfalls in der Mitte des riesigen Marktes. An den drei Eingängen ballten sich noch je ein Dutzend nach normalem Geschäftsleben aussehender Läden. Insgesamt war aber wirklich nichts los. Neben mir sah ich am 1. Juni in den zwei halben Stunden vor Ort zwischen 11 und 14 Uhr vielleicht jeweils 4-6 Leute der Kategorie Kunden, gegenüber etwa 30 Verkäufer/innen, während in meinem Reiseführer von 2015 noch die Rede von großem Gedränge war… Aber jede der sechs Ladenzeilen bot neue Durchblicke, neue Farbkombinationen der alten Holzpavillons mit ihren Plastikschutzdächern, neue Ecken mit Einblicke in eine neue Tristesse: aus fotografischer Sicht wunderbar.

Bazar Różyckiego_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Nach einem ersten Blick in die Gasse ganz rechts, in denen es immer noch ein Angebot an Brautkleidern gibt, bin ich rüber in die Gasse ganz links und lief den Markt einmal vollständig ab. Nur nahe des Eingangs gab es halbwegs lückenlos geöffnete Läden mit Kleidung, dann gab es nur noch gespenstischen Leerstand, bis nahe der beiden weiteren Eingänge jeweils wieder etwas mehr los war.

Bazar Różyckiego_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Hinter einem (nicht besetzten) Kiosk ging es zu einem Ein-/ Ausgang in der Ulica Zabrowska, an dem es neben einem Blumengeschäft und einem Lebensmittelladen auch einen Anbieter von Kebab und Knödel gab.

Bazar Różyckiego_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Ich hatte noch nicht genug und bin zurück ins Innere des Marktes, um weitere Motive dieses morbiden Charmes jahrzehntealter Buden voller Patina zu suchen.

Bazar Różyckiego_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Der Markt, auf dem man einst neben Strickjacken, Polyester-Hochzeitskleidern und gefälschten Markenwaren offenbar auch Waffen kaufen konnte, gibt heute vor allem einen leicht depressiven Einblick in die Welt der Konsumbedürfnisse armer Arbeiter und Rentner. Nach seinen besten Jahren in kommunistischen Zeiten, als man hier als einem der wenigen Orte der Stadt so gut wie alles kaufen konnte – von Tomaten über Toilettenpapier bis zu sowjetischen Granaten aus den Kriegsjahren –  begann ab 1989 sein Niedergang, auch weil die Gegend in den 1990ern wegen mancher Gangs als gefährlich erachtet wurde und man hier als Kunde eher gestohlenen Alkohol suchte. Vor allem aber zog der neue „Jarmark“ am nahen Nationalstadion, der schnell zu immenser Größe anwuchs, ab Mitte der 1990er-Jahre die meisten Kunden ab, bis schliesslich durch den Bau westlicher Einkaufszentren wie dem Carrefour nahebei auch die letzten wohlhabenderen Kunden fernblieben.

Ich bin weiter zum Ostausgang, wo sich wieder eine leichte Ballung offener Läden fand:

Bazar Różyckiego_Warschau © Ekkehart Schmidt

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Auch hier in der früher sehr verrufenenen Ulica Brzeska fielen einem neben einem Gänse-Mural wieder durchgehend geöffnete Alkoholläden auf. Ich entdeckte aber auch ein cooles Knödellokal, in dem ich so lecker wie seit Jahren nicht mehr aß, ehe ich in den Markt zurückkehrte und diesmal die mittleren Gassen zurück zum Haupteingang ablief.

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Adresse: Ulica Targowa 54, Warszawa, Polska, Tel.: +48 22 619 86 42, E-Mail: skwbr@wp.pl, Webseite: http://www.br.waw.pl (Einloggen erforderlich)

Verwendete Quellen: Bazar Różyckiego, in: Weekend in Warsaw, ohne Datum; Wikipedia-Artikel: Bazar Różyckiego

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