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Café Wedel_Warszawa

Juni 11, 2017

Selten ist mir meine Zwanghaftigkeit so bewusst geworden wie beim Besuch dieser Lokalität, die zwar als Café firmiert, aber als Ort zum Genuss von Trinkschokolade seit 166 Jahren eine echte polnische Institution zu sein scheint. Seit 1851 wird unter den Kronleuchtern eines Hauses, das den Geist des 19. Jahrhunderts ausströmt, von Kellner/innen in schokofarbener Uniform „eine heiße Schokolade serviert, die nicht von dieser Welt zu sein scheint“, wie Szurmant und Niedszielska in ihrem Reiseführer schrieben. Und ich? Gehe nachmittags vorletzte Woche rein, nach vorherigem Input von sicherlich schon fünf bis sechs Kaffees, um mir … einen Espresso zu ordern! Unfassbar. Aber vielleicht passte das ja, ist doch das Lokal in gewisser Weise auch nur noch eine, wenn auch wunderschöne, Hülle seiner Selbst.

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Die Kamienca Emila Wedla (Emil Wedel Residenz) wurde 1893 von Franciszek Brauman für den Besitzer der damals schon bekannten Schokoladenfabrik Wedel erbaut. Das Gebäude im eklektizistischen Stil, einer Mischung von der italienischen und französischen Renaissance beeinflussten Architektur, ist eines der wenigen Wohngebäude des ausgehenden 19. Jahrhundert, das die Stadtvernichtung durch die Nazis 1944 überlebt hat. Jüngst hat man eine Terrasse vor das Haus gesetzt. Mir gefielen die schokoladenfarbigen Markisen mit dem Logo des Hauses.

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Das Innere des Hauses erinnerte mich an das Caffè Greco_Rom in Rom, wenn auch nicht derart zum Museum erstarrt. Nachmittags um 15.30 Uhr saßen hier zwar nur 3-4 andere Leute, aber sie waren hier, um sich zu unterhalten, nicht um eine Institution zu besuchen, wie ich.

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Die beeindruckende Deckenbeleuchtung wird wohl nicht älter als 20 – 30 Jahre sein.

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Ich saß unter Emil Albert Fryderyk Wedel (1841-1919), einem von drei prominenten Inhabern der Schokoladenfabrik, die sich im Übrigen am anderen Weichselufer in Praga befindet. Die Familie Wedel ist seit freilich seit langem nicht mehr der Mehrheitseigner des Unternehmens. Unter der kommunistischen Regierung wurde das Unternehmen verstaatlicht und in „22 lipca“ umbenannt. 1989 wurde Wedel wieder privatisiert, dann aber 1991 von der PepsiCo aufgekauft, ehe 1999 der britische Genusswarenhersteller Cadbury Schweppes das Unternehmen für etwa 76,5 Millionen US$ von Pepsi übernahm. Nachdem Cadbury Schweppes von Kraft Foods übernommen worden war, musste Wedel auf Grund von Auflagen durch die EU-Kommission erneut verkauft werden: 2010 an die die koreanisch-japanische Lotte Group… Desillusionierend, mich in Warschau aber nicht wirklich wundernd.

Alleine in Warschau gibt es heute – neben diesem ältesten Lokal – noch 7 weitere Wedel-Niederlassungen. Insgesamt 25 Filialen in ganz Polen.

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Das Lokal verfügt neben diesem orangefarbenen Raum noch über zwei weitere, die eher in Rottönen gehalten sind: einem zweiten, intimeren Schankraum und einem Verkaufsraum für Schokoladen und Pralinen:

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Ich nehme an, dass im Verkaufsraum der Pijalnia Czekolady – in den man durch den Haupteingang gelangt – mehr Umsatz gemacht wird, als im Café. Schade, Eine öffentliche Funktion als Treffpunkt und Ort der Kommunikation scheint das Lokal nicht mehr wirklich zu haben.

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

Adresse: Ul. Szpitalna 8, 00 – 031 Warszawa, Tel: 22 827 29 16, E-mail: staroswiecki.sklep@wedelpijalnie.pl, Homepage

Verwendete Quellen: Szurmant, Jan/ Niedzielska-Szurmant, Magdalena: Warschau, Reiseführer, Michael Müller Verlag, Erlangen, 3. Aufl. 2015, S. 170; Wikipedia-Artikel „E.Wedel

Café Wedel_Warszawa © Ekkehart Schmidt

 

From → Cafés, Warschau

3 Kommentare
  1. Ich war letztes Jahr auch dort.. es ist nicht einfach, sich etwas auszusuchen auf der opulenten
    Getränkekarte… Weiterhin schönen Aufenthalt !

Trackbacks & Pingbacks

  1. Die abgerissenen Köpfe der Ulica Chmielna | akihart

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