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Jesus und Maria in Praga

Juni 10, 2017

An manchen Ecken erscheint der Warschauer Stadtteil Praga fast dörflich, vor allem, wenn man in immer noch vielen Hinterhöfen großer Mietshauskomplexe Altäre und Opferstöcke entdeckt, die der Muttergottes oder Jesus gewidmet sind. Sie sind so herausgeputzt und farbenfroh geschmückt, wie man es eher in Lateinamerika vermuten würde. Dadurch fallen sie einem beim Blick durch die grauen Tordurchfahrten vor dem Hintergrund verfallender Hausfassaden meist sofort auf. Und sie sollen wohl auch ins Auge fallen,  wenngleich sie in einer gewissen Widersprüchlichkeit zugleich auch die Privatheit des Hinterhofraums anzeigen und den dort wohnenden Menschen Schutz vor der Außenwelt geben. Jedenfalls wenn ich das richtig interpretiere.

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

„Sie zeigen Pragas wahre Seele“ schreiben Szurmant und Niedzielska in einem Reiseführer von 2015, in dem es noch heißt, man sähe sie „in fast allen Hinterhöfen“.  Ich habe am 1. Juni bei einem langen Spaziergang rund um die Ulica Mala nur noch ein halbes Dutzend Exemplare entdeckt. Es gibt kein „Standardmodell“, sie sind alle selbst gebaut: entweder in den Tordurchfahrten in eine Nische gefügt bzw. dort aufgehängt, als regelrechter Altarbau im Hof an eine Wand gemauert oder mit kleinem Gärtchen zentral platziert. In ihrer fast kindlichen Frömmigkeit berührend wirkend.

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Fast alle sind liebevoll herausgeputzt und verraten eine regelmäßige Pflege, wenngleich die Blumen immer aus Plastik sind. Vermutlich steht hinter jedem Altar eine alte Dame, die ihn hat errichten lassen und über seinen Erhalt wacht.

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Möglicherweise sind viele in den Weltkriegsjahren entstanden. Der folgende blaue Altar trägt jedenfalls die Jahreszahl 1943. Es heißt, man habe sich oft im Innenhof zum Gebet versammelt. Nur hier in Praga, dem Stadtteil am Ostufer der Weichsel, der 1944 von der Roten Armee besetzt wurde und erhalten blieb, während die Nazis am Westufer die gesamte Stadt vernichteten, sind sie noch erhalten geblieben.

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Vielleicht entstanden viele auch im Widerstand gegen den bedrohlichen antireligiösen Dogmatismus der kommunistischen Diktatur.

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Es gibt sie nicht nur in Hinterhöfen. In der Ulica Zabkowska finden sich zwei – eher konventionell platzierte – Altäre, an einem Neubau und an der alten „Koneser“ (von Connaisseur) – Wodkafabrik:

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Bei dem obigen Bildnis von Maria mit ihrem Sohn handelt es sich um eine Kopie des so genannten „Wunderbilds der Heiligen Jungfrau Maria“ aus dem Pauliner-Kloster in Tschenstochau. Diesem 122 x 82 cm großen, auf Holz gemalten „Gnadenbilds der Schwarzen Madonna“, das 1384 ins Kloster kam, werden wundertätige Kräfte nachgesagt. Es gilt als Symbol und heiligste Reliquie des Landes.

Etwas ganz anderes stellt das wohl erst in den vergangenen Jahr(zehnt)en entstandene Bildnis von Maria mit dem kleinen Jesus dar, dass ich in einer Hofdurchfahrt der Ulica Brzeska fand:

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

Es wirkt mit den mit Namen versehenen Handabrücken wie ein Gemeinschaftswerk einer Schule. Mir fehlen dazu leider jegliche Informationen.

Zitierte Quelle: Szurmant, Jan/ Niedzielska-Szurmant, Magdalena: Warschau, Reiseführer, Michael Müller Verlag, Erlangen, 3. Aufl. 2015, S. 220f; Wikipedia-Artikel „Schwarze Madonna von Tschenstochau

Jesus und Maria in Praga © Ekkehart Schmidt

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