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Warschauer Wartende

Juni 8, 2017

Diese alten Klischee holen mich immer wieder ein. Der „Osten“, das sind orthodoxe Zwiebeltürme, Kolchosbauern in der Stadt, Alkoholiker und aufgedonnerte Frauen, graue Hinterhöfe und schicksalsergeben in Geschäften oder an Bushaltestellen Wartende. Genauer gesagt: Ich hatte sie ab der ersten Minute in der Warschauer Metro letzte Woche völlig vergessen. Dieses Polen hat mit dem Land vor 1989/90 nicht mehr viel gemein. Es herrscht der Turbokapitalismus. Gut, die Frequenz, in der ich rund um den/ die Dworzek Wilenski auf durchgehend geöffnete Alkoholläden traf, war schon sehr hoch. Doch dann brachte sich ein Klischee plötzlich in Erinnerung.

Dworzek Wilenski – so heißt eine Station am wohl gleichnamigen Platz am östlichen Weichselufer von Warschau in Praga, die ich täglich mehrfach gequert habe, mal aus der Endstation der aus der Innenstadt jenseits des Flusses kommenden Metro in eine Tram zu meinem Hostel umsteigend, mal von dort kommend auf dem Weg anderswohin die Tram wechselnd, mal zu Fuß unterwegs, um abends noch eine Flasche Wein zu kaufen oder in freien Stunden während dieser beruflichen Reise interessante Ecken dieses schon fast mythischen Stadtteils zu erkunden. Nie habe ich mich hier länger aufgehalten, außer um die hier geballt auftretenden Erdbeerverkäufer zu fotografieren. Dafür war das hier zu sehr – trotz einer imposanten gelb gestrichenen orthodoxen Kirche mit fünf Kuppeln – ein vergleichsweise uninteressanter Durchgangsplatz.

Warschauer Wartende © Ekkehart Schmidt

Einmal fiel mir jedoch plötzlich am Straßenrand der die gesamte Stadt und auch diesen Platz querenden Ost-West-Achse namens Solidarnosci an einem imposanten neoklassizistischen, ganz in Grau gestrichenem, städtischen Gebäude auf einen Bus in die Vorstädte wartende Menschen ins Auge. Ein Dutzend in gewissem Abstand dort stehende Frauen (vor allem):  mit viel Gepäck oder nur einer kleinen Handtasche, also von Einkäufen oder der Arbeit kommend.

Warschau (c) Ekkehart Schmidt

Warschauer Wartende © Ekkehart Schmidt

Warschauer Wartende © Ekkehart Schmidt

Warschauer Wartende © Ekkehart Schmidt

Warschauer Wartende © Ekkehart Schmidt

Warschauer Wartende © Ekkehart Schmidt

Die Männerauf den Bänken schienen nicht zu warten. Sie saßen dort einfach.

Während ich sie fotografierte, bekam ich ein Gefühl für die Schwere des Daseins vieler Leute hier, die in der Zweimillionenstadt oft ermüdend weite Strecken hinter sich bringen müssen. Anders als Metro und Tram fahren die Busse nicht im Minutentakt. Aber insgesamt funktioniert der ÖPNV hier besser als in vielen Metropolen des Westens. Mein scheinbar bestätigtes Klischee-Bild trifft gar nicht zu. Man lebt hier doch noch in einer anderen Grund-Ruhe. Oder ist das auch eine stereotype Vorstellung vom Osten?

Warschauer Wartende © Ekkehart Schmidt

 

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