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Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung

Mai 26, 2017

Am 16. März 1988 kam ich am 13. Tag meiner einmonatigen Reise per Anhalter und Bus von Köln nach Kairo, über Beograd, Istanbul, Sivas, Siirt, Cizre,  Mardin und einer Nacht im Grenzort Nusaybin endlich an der syrischen Grenze an. Leider waren die letzten Tage so erlebnisreich und  ich täglich so viel nachzutragen hatte, dass ich einen Tag später in Deir ez-Zor entschied, einfach ein Dutzend Seiten für die letzten – auch diese – Tage frei zu lassen, um wieder in der Echtzeit schreiben zu können. Die fehlenden Tage würde ich schon nachtragen, dachte ich. Dazu kam es aber nie.

So muss ich mich jetzt 29 Jahre zurück erinnern an den Grenzübergang, den dahinter liegenden Ort Qamishliye und die Strecke  weiter über Hassake nach Deir ez-Zor, von wo es am nächsten Tag den Euphrat flussabwärts nach Dura Europos und Mari an der irakischen Grenze und wieder zurück ging. Nach einer zweiten Nacht in Deir ez-Zor ging es am 18. März weiter nach Raqqa. Auch hier blieb ich wieder zwei Nächte, verbrachte den Tag aber mit einer Tour in die Wüstensteppe nach Resafa und zurück, ehe es nach Aleppo ging.

Den Grenzübertritt und die Suche nach dem Busbahnhof in diesem Nest mit seinen sehr provisorisch wirkenden Strukturen ist aber tatsächlich emotional tief in meiner Erinnerung abgespeichert, so ähnlich wie im Sommer 1986 der erste Abend in Aleppo: Nie zuvor hatte ich mich so fremd gefühlt und auch sprachlich den sich typischerweise ergebenden schwierigen Situationen kaum gewachsen.

Gut, dass es davon wenigstens ein Foto eines Straßenmarktes gibt, auf dem mir unbekannte, riesige Gemüse und Grillgerichte angeboten wurden.

Qamishliye - Erinnerungen an Syrien 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Ich muss dann wohl einen Bus genommen haben, der nicht direkt die etwa 150 km bis Deir ez-Zor durchfuhr, sondern vielleicht nur bis Hassake, der einzigen größeren Stadt unterwegs in dieser flachen und vom Frühling satt grünen Landschaft, in der man am Horizont immer wieder einen Tell aufragen sah, unter dem sich eine prähistorische oder frühzeitliche Siedlung verbarg. Jedenfalls muss es von da eher per Anhalter weiter gegangen sein, weil ich irgendwann zufällig in einem Dorf abgesetzt wurde. Es mag wohl so ausgesehen haben wie ein anderes Dorf der Region, in dem ich  ein paar Tage später diese Fotos machte (vielleicht war es auch dieses, ich kann es nicht rekonstruieren):

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Ich traf auf eine Gruppe Frauen mit ihren Kindern, wurde freundlich zu ihnen gebeten und erlebte eine wunderbare Stunde, in der wir uns sprachlos (sie verstanden nur Arabisch, ich begann es erst zu lernen) doch irgendwie verständigten und uns in unserer Unterschiedlichkeit ein bisschen kennen zu lernen zu versuchten. Erst nachdem ich Ende der 1990er-Jahre im saarländischen Ottweiler erstmals auf Jesiden traf und mich mit ihrer uralten Religion zu beschäftigen begann, wurde mir klar, welch große Wissenslücke im Westen über diese irakisch-syrisch-türkische Grenzregion und ihre Bevölkerung besteht. Als ich letzte Woche begann, meine alten Syrien-Dias durchzuschauen, verstand ich durch die Ottweiler Erfahrung sofort, dass es sich hier um ein jesidisches Dorf gehandelt haben muss: Zu charakteristisch sind diese schwarz-roten Kopftücher mit ihrem speziellen Muster, als dass ein Zweifel hätte bestehen können.

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Erinnerungen an Syrien 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Damals waren das für mich – unhinterfragt – muslimische  Dorffrauen, vielleicht nomadischer Herkunft, die einen fremden Mann in allerdings ungewöhnlich offener Weise empfingen. Ihre Männer gingen gerade irgendwo anders ihrer, wohl landwirtschaftlichen, Beschäftigung nach. Ich erinnere mich an eine beidseitige Herzlichkeit, die mich heute über das furchtbare Schicksal dieser von Sunniten schon immer so übel beleumundeten und vom IS 2015 im Irak fast zu Opfern eines Genozids gemachten religiösen Minderheit hinwegtröstet. Fast alle Jesiden der Region sind mittlerweile geflohen, ein sehr hoher Anteil von ihnen fand in Deutschland Asyl.

Wir saßen einfach eine Weile beieinander. Irgendwann traute ich mich, nachzufragen, ob ich sie fotografieren können. Ja! Und dann machte eine der Frauen auch eins von mir –  vielleicht das erste Mal eine Kamera in der Hand haltend.

Unsere weitestgehend stumme  Begegnung berührt mich noch heute.

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

In diesem oder einem anderen Dorf der Region entdeckte ich noch ein Backhaus, das mich in seiner Zeitlosigkeit ähnlich beeindruckte:

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung © Ekkehart Schmidt

From → Reisen, Syrien

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  1. Ebla und die Bienenkorbhäuser | akihart

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