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Ar-Raqqa: Von Kalifen und einem Quälgeist

Mai 24, 2017

ERINNERUNGEN AN SYRIEN: Samstag/Sonntag 19./20. März 1988

Kobane, Aleppo, Mossul – und jetzt Rakka. Die Offensive auf die so genannte IS-Hauptstadt Rakka (arab. Ar-Raqqa) ist seit gestern in vollem Gange, am 6. Juni begann man nach Medienberichten mit der Einkreisung der Stadt.

Im November 2016 hatten die „Demokratischen Kräfte Syriens“ (SDF) unter Mitwirkung der kurdischen Miliz YPG und amerikanischer Militärberater, sowie aus der Luft durch die US-Luftwaffe unterstützt,  eine „Zorn des Euphrat“ genannte Offensive begonnen. Die hierbei zentrale Rückeroberung von Raqqa sollte im Juni beginnen, nachdem die USA die Kurden mit schweren Waffen ausgestattet haben würden (eine Anfang Mai getroffene Entscheidung, welche die Kurden als „historisch“ einschätzen). Jetzt scheinen sich die Truppen schon deutlich früher vor der Stadt positioniert zu haben. Der „Islamische Staat“ (IS) setzt bei seiner Verteidigung – wie schon befürchtet – auf eine hier bislang völlig ungewöhnliche Waffe: Wasser. Vor zwei Wochen, nach der Einnahme der seit 2014 vom IS gehaltenen, 30 km entfernten Ortschaft Tabka am 1970 errichteten Euphrat-Staudamm, der nach dem Vater des heutigen Herrschers benannt ist, hatte man dort begonnen, das Gelände nach Sprengkörpern abzusuchen, weil befürchtet wurde, dass der Damm gesprengt werden könnte.

Wie SPIEGEL-ONLINE  am 24. Mai berichtete, hat der IS jetzt in ganz anderer Weise geflutet. Er habe bereits am 19. Mai Teile von ar-Raqqa durch Umleitung von Wasserkanälen geflutet. Etwa zehn Quadratkilometer der Stadt würden bereits unter Wasser stehen. Der IS will so das Vorrücken der Alliierten verhindern. Durch den plötzlich ansteigenden Wasserpegel sind offenbar bereits mehrere Menschen in ihren Häusern ertrunken. Zudem sorgen seit Tagen anhaltende ungewöhnlich heftige Regenfälle und Hagelstürme dafür, dass die Stadt noch lange unter Wasser stehen wird, wie auch der FOCUS berichtet (Filmbeitrag). Für mich ist das ein Anlass, mich an meinen Aufenthalt 1988 zurück zu erinnern. Ich habe dabei verstanden, warum sich der IS ausgerechnet diese öde Wüstenstadt am Euphrat als Hauptstadt ihres neuzeitlichen Pseudo-Kalifats auszusuchen.

Ein Jahrtausend von einem Kalifat zum nächsten

Raqqa wurde 244 v.Chr. in hellenistischer Zeit von Seleukos II. gegründet, war in byzantinischer Zeit eine wichtige Grenzstadt, verödete jedoch bald nach der arabischen Eroberung (640 n.Chr.). 772 ließ der in Damaskus residierende Omayyaden-Kalif Mansur westlich des alten Raqqa eine neue Stadt mit dem Namen Rafiqa gründen, die zur Hauptstadt der gesamten Djezire aufstieg – jener, die „Insel“ genannten Region zwischen Euphrat und Tigris, die wir als „Mesopotamien“ oder „Zweistromland“ kennen. Doch die ganz große Zeit Raqqas kam erst mit den abbassidischen Kalifen Ende des 8. Jahrhunderts. Während das übrige Syrien wirtschaftlich und kulturell zur Provinz herabsank, nachdem das Kalifat von Damaskus nach Baghdad „übergesiedlt“ war, entwickelte sich die Djezire, und vor allem Raqqa, zu einer Lieblingsprovinz der Abbassiden. Raqqa war eine beliebte Sommerresidenz des auch bei uns durch die Erzählungen aus 1001 Nacht bekannten Kalifen Harun al-Raschid, der von 786-809 regierte und sich – aus politischen Gründen – von 796-808 hier aufhielt. Die neue, vor allem aus Lehmziegeln erbaute  Stadt, von der aus er versuchte, sein sich zumindest nominell von Gibraltar bis zum Indus ausdehnendes Weltreich zusammen zu halten, vergrößerte sich schnell soweit, dass sie die alte Stadt mit einschloss und deren Namen übernahm.

Vom Mongolensturm im 13. Jahrhundert erholte sich die einst blühende Stadt nicht, sie blieb über sieben Jahrhunderte lang ein Dorf mit wenigen Dutzend Lehmhütten und Zelten im und neben dem Ruinenfeld. 1945 beherbergte die Stadt immerhin wieder 4500 Einwohner, 1960 bereits 11.000 und Ende der 1980er-Jahre gut 25.000, Ende der 1990er-Jahre 40.000, ehe sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer Großstadt mit 280.000 Einwohnern heranwuchs, die mit modernen Bauten längst sogar die gewaltige Stadtanlage des 9. Jahrhunderts soweit überprägt hat, dass man nur in einzelnen Relikten noch einen vagen Eindruck des früheren ar-Rafika bekommt. Seit Ausbruch des Bürgerkriegs ist die Stadt offenbar durch den Flüchtlingszustrom noch einmal rasant weiter angewachsen. Nachdem die Organisationen al-Nusra-Front und IS Mitte 2013 die Freie Syrische Armee aus der Stadt vertrieben haben, galt sie als größte Stadt unter der Kontrolle von Islamisten, ehe IS-Milizen 2014 Mossul eroberten. Raqqa deklarierten sie – natürlich nicht zufällig – zum Sitz ihres selbsternannten „Kalifen“ Abu Bakr al Baghdadi.

1988: Eine öde Betonstadt mit dilettantisch sanierten historischen Relikten

Mein heutiger virtueller Raqqa-Besuch auf Google-Earth hat mir das rapide Wachstum der Stadt derart deutlich gezeigt, dass ich nicht weiß, ob ich heute vor Ort mein damaliges Raqqa wieder erkennen würde, von dem ich nur staubige Straßen in Erinnerung habe. Der Ort hatte damals gerade einmal gut 21.000 Einwohner, war immerhin „ein wichtiger Handel- und Verkehrsknotenpunkt und Endbahnhof der von Aleppo kommenden Euphratbahn“, wie es im Polyglott-Reiseführer von 1984/85 hieß.  Zur Stadt selbst heißt es sehr lapidar: „Von der antiken Stadt und der späteren Sommerresidenz Harun al-Raschids, die im 13. Jahrhundert von den Mongolen zerstört wurde, sind nur mehr Ruinen erhalten.“ Trotzdem: Mich interessierten an der Stadt genau und nur diese Ruinen.

 

Tagebuch vom Samstag, 19.März 1988:

„Diesmal hörte ich endlich mal den Wecker, um kurz nach 8 stand ich auf, packte meinen Kram und war auch Punkt halb 9 vor’m Teehaus, an dem gerade auch Gerd ankam“. Gerd hatte ich in Deir ez-Zor kennen gelernt und wir sind von dort bis Aleppo gemeinsam gereist, in aller Freiheit, dass jeder auch ‚mal sein Ding macht. Heute wollten wir gemeinsam nach Resafa. „Nach ’nem Tee sind wir dann doch noch zu den Bauruinen gegangen, die Gerd gestern schon gesehen hatte, aber nicht so doll fand. Ich wollte sie halt unbedingt sehen, obwohl wir uns wegen Resafa echt beeilen müssen. Es ging erstmal ewig zu Fuß durch die elend ätzende Neustadt, bis dann an einer Ausfallstraße das Bagdad-Tor in Sicht kam. Das wichtige an den alten Bauresten ist, dass die Stadt 772 von den Abbassiden nach dem Vorbild Bagdads erbaut wurde. Während von dem Vorbild nix mehr übrig blieb, konnte man sich hier (bevor das moderne Raqqa so expandierte) eine gute Vorstellung davon machen, wie Bagdad einmal ausgesehen hat. Das Kalifat war damals von Bagdad nach Damaskus gewechselt, und hier entstand 1 km neben alten byzantinischen Bauresten ein militärisch wichtiger Vorposten. Zwischen 796 und 808 herrschte dann sogar der berühmte Harun al-Raschid von hier aus über sein „Weltreich“. Erst als dann Samarra im heutigen Irak als neue Hauptstadt gebaut wurde, war Schluss mit dem Glanz der Stadt. Die Stadtmauer ist noch ziemlich weitgehend erhalten, in einer auseinander gezogenen Hufeisenform, mit dem Euphrat als Grenze am offenen Ende. Alles aus gebrannten Lehmziegeln, heute aber nur noch so etwa 10 Meter hoch. Bis zur Hälfte hat man als Schutz neue Backsteine drangebaut, die sicher nötig sind, aber doch den Gesamteindruck ziemlich stören.“

„Auch das Bagdad-Tor steht da wie unecht: viel wurde ausgebessert, fast weiß man nicht, was alt und was neu ist. Nicht besonders beeindruckend, obwohl ganz schön, besonders die Nischenreihe oben. Das ganze steht aber etwas verlassen, völlig unpassend in der Betonstadt von heute, mit reichlich Dreck. Passt hier gar nicht hin und strahlt auch nichts aus.“

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Angesichts der Dias empfinde ich mein Urteil heute als sehr hart. Aber ich habe wohl auch nur das fotografiert, was mir authentisch schien. „Genauso dann das Qasr al-Banat („Mädchenschloss“), das wir nach dem Ablaufen eines halben Kilometers Stadtmauer fanden. Absolut dumm und ungeschickt wurden da überall kleine Mauern und Ausbesserungen lieblos vorgenommen, die den Eindruck ziemlich kaputt machen. Es wirkt sehr deutlich so, als habe man sich nicht viel Mühe gemacht. Ein paar Backsteinberge warten da noch, um irgendwo bescheuert etwas auszubessern.“

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Ich schrieb damals meine Eindrücke ohne Kenntnis der Sanierungshintergründe nieder und lernte für mich, dass ich lieber die Originalbauten so belassen sehen möchte, wie sie die Jahrhunderte überdauert haben, statt sie saniert und herausgeputzt – einer anderen Philosophie folgend – so ergänzt vorzufinden, wie sie einmal ausgesehen haben mögen. Ich bin diesbezüglich also eindeutig ein Nostalgiker.

„Mir gefiel eigentlich nur die Freitagsmoschee, die wir als solche erst gar nicht erkannten. Ein 100 x 100 m großer Platz, von einer stadtmauerähnlichen Wand geformt, in der Mitte aber ein sehr schöner Turm, wohl ein Minarett, das wenigstens noch völlig original erhalten war. Ebenfalls mittig eine knallgrüne Minimoschee, die aussah, als hätte man sie in eine Farbbad gegeben.“

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist © Ekkehart Schmidt

„Zurück zum Hotel, an vielen Häusern mit Malereien vorbei, Flugzeuge und die Kaaba – wohl stolz von einer Pilgerfahrt nach Mekka kündend. Wir aßen schnell noch ein Fellaffel in Brot gewickelt, wurden ziemlich über’s Ohr gehauen, und sind dann zum Busbahnhof.“

Ich war ziemlich skeptisch, ob es klappt, 30 km weiter am Abzweig nach Resafa nicht nur einen Lift hin, sondern auch zurück zu bekommen und es dann heute noch bis Aleppo zu schaffen.“ Letzteres klappte nicht, aber wir hatten einen wunderbaren Tag in der vom Frühling ergrünten Wüste und abends ein Riesen-Glück, es überhaupt zurück an die Hauptstraße zu schaffen und dann sogar schon um 18 Uhr wieder in Ar-Raqqa zu sein.

Gerds Quälgeist sucht uns heim

„Dort erwartete uns leider gleich  der Quälgeist, den Gerd seit gestern nicht los wird. ‘Aus der angesehensten Familie Raqqas‘, ein Schnösel und trampeliger Hopplahierkommeich, wie er im Buche steht. Verehrt Hitler und Bismarck, schreit dauernd herum, will wohl lustig sein und glaubt, er wäre allein auf der Welt. ‚Schokoladensyrer‘ würden die beiden Deutschen aus Urfa sagen, die ich 1985 kennen gelernt hatte. Wie zu erwarten war, wollten sie mich gleich zum Abendessen einladen, wozu ich aber keinen kleinen Nerv übrig hatte. Ich wollte heute  einen ruhigen Tagebuchabend machen, nachdem ich mich vorhin im Regen doch noch dazu entschlossen hatte, statt weiter nach Aleppo (noch 3 Stunden Bus), doch wieder nach Raqqa zurück zu fahren. Wir sind dann beide in Gerd’s altes Hotel in ein Doppelzimmer (40 syrische Pfund pro Nase) und hatten noch bis 20 Uhr „frei“ bekommen, dann würden wir abgeholt werden. Wir klauten uns jeder ein Assad-Bild von der Wand, das Hotel war tapeziert damit. Ich bin dann vor 20 Uhr nach einer eiskalten Dusche los, Fellaffelsandwich essen und Tee trinken. Im Teehaus von gestern gut mit einem der Kellner, einem Kurden aus Quamishliye (!) geredet, bis mich dort um 22 Uhr der Quälgeist fand, quer durchs Teehaus rief und – obwohl von uns ziemlich ignoriert – begeistert irgenetwas erzählte. Ich hab ihn ziemlich stehen gelassen, bin ins Hotel, wo wir noch schwätzten, ich mir noch ’nen Tee machte und bis halb 1 Tagebuch schrieb, während Gerd seine Anlage aufgebaut hatte – ein Walkman mit 5 x 5 cm großer Box, die er über Kabel und Klammern angeschlossen hatte.“

Tagebuch vom Sonntag, 20. März 1988:

„Schon um 8 auf, kurz in’s Teehaus und dann alleine ins Museum gegenüber, in dem schöne Fundstücke aus den Tells der Umgebung, vor allem aber von da, wo jetzt der fette Assad-Staudamm steht, sowie aus Raqqa ausgestellt waren. Am besten gefielen mir wieder diese witzigen kleinen Figürchen, 10 cm hoch, ähnlich wie in Mari (an der irakischen Grenze eine  Woche zuvor) – vielleicht Idole oder so. Die Augen mit Löchern für bunte Steine.“

Nach dem Besuch des „Mathaf ar-Raqqa“, das natürlich neben den mich nachhaltig – später ebenso in den Museen von Aleppo und Damaskus – faszinierenden Figurinen auch Töpferware, Keramik und Stuckornamente aufweist,  ging es zum Busbahnhof und weiter nach Aleppo, mit einem Abstecher in ein Dorf mit Bienenkorbhäusern.

Verwendete Quellen: Fokus Online: Syrische Stadt Rakka geflutet. Sie setzen ganze Städte unter Wasser: IS schockiert mit neuem Kampfmittel (24.05.2017); Letzebuerger Journal: „Hauptstadt“ des IS. Syrisch-kurdische Kämpfer wollen Al-Rakka im Sommer erobern (13.05.2017); Polyglott: Reiseführer Syrien Jordanien Irak, München, 7. Auflage 1984/85, S. 56; Rotter, Gernot: Syrien. Edition Erde Reiseführer, Nürnberg 1995, S. 220ff.; Kurt Schroeders Reiseführer: Syrien, Bonn 1961, S. 203; Souleiman, Delil (für AFP): Les jihadistes traqués dans un ex-fief, Tageblatt, 12. Mai 2017; SPIEGEL-ONLINE: Provinzstadt Rakka geflutet Wasser – die neue Waffe des IS (24.05.2017); Wikipedia-Artikel „Ar-Raqqa„.

Ar-Raqqa: Vom Kalifen und einem Quälgeist  © Ekkehart Schmidt

From → Reisen, Syrien

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