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Ebla und die Bienenkorbhäuser

Mai 14, 2017

ERINNERUNGEN AN SYRIEN, 20. und 23. März 1988

Von Aleppo aus bin ich 1988 wie 1986 schon per Bus südwärts in Richtung Hama, Homs und Damaskus – auf der wichtigsten Nord-Süd-Route durch das Land. 1986 hatten wir hier, 50 km südlich von Aleppo, einen Ausgrabungsort besucht, der damals eine archäologische Sensation darstellte: Ebla. Durch den hier 1975 gemachten Fund eines Archivs an Keilschrifttafeln fand man Hinweise zur Auffüllung vieler historischer Lücken, konnte die Geschichte der Region vor gut 6000 Jahren neu schreiben.

Mein Tagebuch begann damals mit einem Erstaunen: „Um 16 Uhr war ich am Abzweig nach Ebla: Sah ganz anders aus, als vor 2 Jahren im Sommer. Damals war das alles hier wie ein Sinnbild für unwirtliche Gegend, alles grau und trocken, die Häuser längs der Autobahn Aleppo-Hama-Damaskus , die bis fast hierher führt, wirklich hässlich. Jetzt war alles grün und fruchtbar, auch der Hügel von Ebla hinter dem Dorf davor.“

Diese künstliche Erhebung (archäologisch „Tell“ genannt) war erst 1964 untersucht, dann schrittweise ausgegraben, bis 1974 erste Hinweise  auf ein hier lebendes eigenes Volk und einen Königspalast entdeckt wurden, der 1977/78 ausgegraben wurde und sich als eine uralte Siedlung mit einem Archiv von 20.000 Keilschrifttafeln entpuppte, deren Spuren durch Sonne, Wind und Regen seit seiner Blütezeit von 2500 bis 1650 v.Chr. so weit eingeebnet worden waren, dass nur noch eine 15 m hohe rundliche Erhebung übrig geblieben war, die von den Bewohnern des gleichnamigen Dorfes “Tell Mardikh“ genannt wurde und ursprünglich die Akropolis einer riesigen Anlage war.

Ehe ich zur Ausgrabungsstelle lief, erkundete ich ein wenig dieses Dorf mit 300-400 Einwohnern, von denen es in der Region zwischen Ebla , dem nördlich gelegenen Ort Chalkis und weiter in der Region südwestlich von Aleppo bei Mahdun am Salzsee von Djabul noch einige mit der Besonderheit gibt, eine Reihe an „Bienenkorbhäusern“ aufzuweisen, die ich erstmals 1984 im türkischen Harran, dem südlich von Urfa nahe der syrischen Grenze gelegenen mythischen Geburtsort von Abraham, dem Stammvater nicht nur des Christentums, sondern auch des Judentums und des Islams, besucht habe. Die Existenz dieses eigenartigen Bautyps lässt sich tatsächlich bis ins 3. Jahrtausend vor Christi zurückverfolgen. Gut 3 bis 4 m hoch werden die Spitzkuppeln aus Lehmziegeln innerhalb einer Woche mit geringen Baukosten aufgeschichtet und je nach Heftigkeit der Winterregen alle ein bis zwei Jahre mit einer frischen Lehmschicht bestrichen. So können sie 50 – 100 Jahre überdauern. Im italienischen Apulien gibt es Überbleibsel einer ähnlichen Bauform, den so genannten „Trullies“, welche die gleiche Form aufweisen, aber aus flachen Steinen aufgeschichtet werden. Ein Gehöft, das meist von einer Lehmmauer umgeben ist, besteht meist aus mehreren Bienenkorbhäusern, die auf Arabisch Kubab /von qubba = Kuppel) genannt werden. Man lebt innen in einem der Häuser fast beduinisch karg, mit Matratzen, die erst abends ausgelegt werden, während andere als Küche, Speicher oder Hühnerstall dienen.

Mahdun

Auf dem Weg von Raqqa nach Aleppo, etwa eine Woche früher, hatte ich schon ein solches Dorf besucht, mit deutlich mehr Zeit wie beim Besuch in Ebla. In Mahdun waren diese Häuser – im Nachhinein gesehen – deutlich häufiger, wirkten besser erhalten und waren noch völlig selbstverständlich in Nutzung:

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Tagebuch vom Sonntag, 20. März 1988:

„Am Busbahnhof in Raqqa haben wir bald einen Bus in Richtung Aleppo gekriegt, wir wollten aber vorher noch in einem Benenkorb-Dorf aussteigen, nach ¾ der Strecke. Von der Gegend sahen wir nicht viel, ziemlich langweilig. Einmal rechts weit weg der Stausee, dann die ersten Bienenkorbhäuschen bei Meskene. 30 km dahinter stiegen wir in Mahdun aus. Gerade hatte der Regen aufgehört, der uns vorher dauernd noch begleitet hatte. Wir liefen etwas herum, hatten unser  Gepäck im einzigen Laden gelassen. Ein Teehaus gab’s leider nicht. Nach den Häuschen sah’s hier nicht so recht aus, obwohl im ‚Bardorf‘ (unserem Reiseführer) beschrieben.

Auf eins liefen wir zu, leider lag es neben einer Schule, aus der uns natürlich sofort 20 Kinder und ein Offizier hinterher rannten. Das Bienenkorbhaus war unbewohnt, beim reingehen durch die niedrige Tür rutschte ich natürlich zur allgemeinen Gaudi aus und ab auf’s Steißbein. Hähä, so’n dummer Tourist… Göttlich dann der Blick von innen auf die Tür, durch die 15 Gesichter reinschauten. Wir liefen weiter durch Matsch, es nieselte wieder und wir wurden bei einer Familie zu einer heißen Schafsmilch mit Zucker eingeladen.

Ein fettes, aber irgendwie süßes Baby mit geschminkten Augen war neben uns der Star. Wir hatten viel Spass mit einem alten Radio und Gerds Walkman, den sich nacheinander alle aufsetzten, sogar die Oma. Göttlich. Unsere Musik war aber wohl nicht OK, es wurden ein Moschee-Mitschnitt und eine irakische Gruppe auf Kassetten herbeigebracht. Wir haben alle nur gelacht: drei jüngere und zwei ältere Männer, zwei junge Frauen mit Baby und Oma in diesem alten Lehmhaus mit Blick auf grüne Wiesen und schwarze Wolken, ab und zu aber ganz hell die Sonne.“

Ebla

Vielleicht hat der vergleichsweise bescheidene Wohlstand, der durch die Ausgrabungen nach Ebla kam, aber wohl auch durch die Nähe der Hauptstraße Aleppo-Damaskus entstand, hier in Tell Mardikh dazu geführt, dass die Bewohner sie hier zunächst oft mit einem „modernen“ Flachbau kombiniert haben, ehe sie dann häufig ihren Zweck verloren und verfielen.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Die Menschen leben hier seit Jahrtausenden hauptsächlich von ihren Herden aus Ziegen und Schafen, die in der Umgebung frei umherziehen und überall knabbern, wo etwas grün ist, sowie von Hühnern, während die Menschen karge Felder bestellen, auf denen wohl vor allem Hülsenfrüchte und Melonen gedeihen. Durch die Ausgrabungen und den beginnenden Tourismus war das Dorf fast schon wohlhabend geworden. „Ich machte ein paar Photos der Häuser und Späßchen mit ein paar Kindern – ich freute mich riesig, wieder hier zu sei. Mein Gepäck ließ ich bei einer Familie und lief zum Grabungshügel.“ Kaum vorstellbar, dass hier damals über 250.000 Menschen gelebt haben.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

„Innerhalb und selbst die Stadtmauer hoch spross das frische Getreide. Das ergab einen tollen Kontrast zu den viereckigen Grabungslöchern. Der Palastbezirk mit der Bibliothek war jetzt „restauriert“, das heißt man hatte die alten Wände mit weißlichem Schlamm verstärkt und wohl wetterfest gemacht. Hinein durfte man immer noch nicht. Ein tolles Erlebnis, das alles im Frühjahr und das zweite Mal zu sehen. Ich sammelte noch Scherben, unsere alten hat ja jetzt ein syrischer Busfahrer aus Homs oder Tartus  (…) Ob er die irgendwo auf den Müll geschmissen hat? Macht mir irgendwie ein blödes Gefühl. Man sollte auch echt eigentlich keine Scherben mitnehmen, aber Ebla ist halt übersäht davon – und zwar von archäologisch uninteressanten.“

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Die Umgebung von Ebla, aber auch das weite Gelände innerhalb der Wälle (den ehemaligen Stadtmauern) wird landwirtschaftlich genutzt.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Während die obigen zwei Fotos das Gelände innerhalb der Mauern in Blickrichtung des ehemaligen Palastbezirks zeigen, sind die folgenden beiden oben vom Palast aus zurück aufgenommen worden.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Die jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung hat in Blickrichtung auf das Dorf zur allmählichen Abtragung der Stadtmauer geführt.

Im Bericht der Ausgrabung heißt es: Der Sandboden an den Außenseiten des Tells ist mit Tonscherben gespickt, auf die man sich außerhalb des Nahen Ostens förmlich stürzen würde … Sie sind zumeist byzantinisch, römisch oder griechisch, aber auf jeden Fall weniger als zweitausend Jahre alt, und vor allem gibt es so viele dass man die Straße nach Damaskus damit pflastern könnte.“ Mich erinnerte das hier an ein Kindheitserlebnis von einem Tell nahe des Garten Fin bei Kashan im Iran Ende der 1960er-Jahre. Das eigenartige Gefühl, das einen angesichts dieser Fundstücke überkommt, wurde im Bericht ebenfalls gut beschrieben: „In dem Maße, wie man vorankommt, wächst da Empfinden, man stiege durch die Jahrhunderte hinab. Eine Deckschicht von etwa einem Meter Stärke entspricht vielleicht nur der Ablagerung von hundert Jahren. Aber wenn man dann immer tiefer vordringt, wird dieses Gefühl des Hinabsteigens wie ein rausch, denn um einen herum ist Ton, Schlamm, Basalt, alles poröse Substanzen, denen der Hauch der Vergangenheit zu entströmen scheint. Allein schon mit den eigenen Füßen auf der obersten Abtragungsschicht zu stehen, kann ein überwältigender Eindruck sein.“

Der Besuch der Bienenkorbhäuser hatte für mich den Effekt einer merkwürdigen, die Jahrtausende übergreifenden Verschmelzung der Eindrücke. Die Wohnbauten in Ebla schienen dadurch gar nicht mehr so historisch entrückt, es wurde eine Verbindung spürbar, eine die Zeiten übergreifende Konstante im Leben dieser genügsamen, an die Bedingungen der Natur angepassten Bevölkerung.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Im Museum in Aleppo hatte ich wenige Tage zuvor einige dieser berühmten Keilschrifttafeln gesehen. Die wohl aus dem 4. Jahrtausend vor Christi stammenden Tafeln beziehen sich auf einen Zeitraum etwa tausend Jahre vor Abraham. Daher gab es viele Spekulationen darüber, ob sie uns etwas darüber sagen können, ob die biblische Geschichte wahr ist oder nicht. Sicher erscheint nur, dass die dort geschilderten Legenden lange vor der Bibel existierten.

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

Ich blieb diesmal nur wenige Stunden, weil ich in Maaret en-Noman, weiter im Süden,  mit dem Besuch einer damals sehr gastfreundlichen Familie in anderer Weise an die erste Reise anknüpfen wollte.

Die Region ist heute unter Kontrolle der Nusra Front bzw. säkularer und islamistischer Rebellen. Offenbar gibt es wenig Zerstörungen.

Verwendete Quellen: Bermant, Chaim/ Weitzmann, Michael: Ebla. Neu entdeckte Zivilisation im Alten Orient, Umschau, Frankfurt a.M. 1979, S. 11f, 79ff, 84, 91;  Rotter, Gernot: Syrien. Edition Erde Reiseführer, Nürnberg 1995, S. 258ff., 277ff.; Scheck, Frank Rainer/ Odenthal, Johannes: Syrien, Dumont-Reiseführer, 5. Aktualisierte Aufl., 2011, S. 209

Ebla und die Bienenkorbhäuser © Ekkehart Schmidt

From → Reisen, Syrien

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