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Syrische Teehäuser 1986/88

Mai 10, 2017

ERINNERUNGEN AN SYRIEN. Damaskus, 28. – 31. August 1986, Deir-ez-Zor am 16./17. März und Aleppo ab dem 22. März 1988

Das Kaffeehaus hat schon im gesellschaftlichen Leben der osmanisch beherrschten Länder Vorderasiens eine große Rolle gespielt. Um 1537, also nur ein Vierteljahrhundert nach den ersten Quellen, die einen Konsum außerhalb von Äthiopien bezeugen – in Kairo -, wurde der Kaffee in Aleppo und Damaskus bekannt. Ende des 16. Jahrhunderts gab es in allen größeren Städten Vorderasiens Kaffeehäuser und es entwickelte sich eine Kultur, die erst ein Jahrhundert später über Venedig, Trieste und Wien nach Europa kam.

Heute dienen fast alle noch erhaltenen Kaffeehäuser von Aleppo und Damaskus anderen Zwecken und nur die imposante osmanische Architektur erinnert noch an die ursprüngliche Funktion, so das als solches 1663 erbaute osmanische Kaffeehaus im Komplex von Ipsir Pascha in Aleppo. Die heute dominanten Teehäuser sind weiterhin Orte der Entspannung und Begegnung, des Gesprächs, der Ruhe und der Muße – aber es gibt dort keine Aufführungen von Schattenspielen oder Puppentheater mehr und auch keine Auftritte von Märchenerzählern. Gespielt wird aber immer noch, wenngleich schon bei meinen Besuchen Mitte bis Ende der 1980er-Jahre der Fernseher begann, diese Freizeitvergnügungen zu verdrängen.

Ich habe mir in allen bei meinen Reisen 1986 und 1988 besuchten syrischen Städten ein Teehaus gesucht, um mittags oder abends die Erlebnisse des Tages aufzuschreiben: In Deir ez-Zor, Aleppo, Hama, Palmyra oder Damaskus. Fotos zu machen habe ich mich leider kaum getraut. Aber es gab ein Erlebnis mit einem amerikanischen Fotografen am Euphrat in Deir ez-Zor, das mir diesbezüglich Mut machte. Bislang hatte ich fast nur Monumente und Straßenszenen fotografiert. Hier aber ergab es sich durch die Situation eines Jungen, der über die Fensterbank zu uns hineinschaute und den Kontakt suchte, dass ich spontan fotografierte: Er spiegelte sich in Bud Richardsons Brille. Der Fotograf aus Seattle hatte mich dazu ermutigt, mich erstmals zu trauen, fotografisch in öffentliche Situationen mit Menschen hinein zu gehen, statt mich auf Landschaften und Monumente zu beschränken.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Aus der Türkei im Norden kommend hatte ich ihn in dieser wichtigsten syrischen Stadt am Euphrat in einem Teehaus kennen gelernt, dessen Fenster zur Straße hin offen waren. Plötzlich tauchte dort hinter unserer Fensterbank ein Junge auf und es entwickelte sich ein Kontakt, eine beidseitige Neugierde aufeinander, die ohne Worte Befriedigung fand. Als ich fragte, ob ich ein Foto machen dürfe, war er einverstanden, ließ sich photographieren und zog dann an seiner Zigarette. Ob er ein Straßenjunge war?

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Von dem Teehaus existiert kein Photo. Abends bin ich aber noch einmal von meinem Billighotel runter auf die zur später im Krieg zerstörten Eurphrat-Brücke führende Straße und besuchte ein Teehaus, von dem ich nicht mehr weiß, ob es dasselbe war:

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Am nächsten Tag gab es eine weitere, mich nachhaltig beeindruckende persönliche Begegnung, diesmal mit einem Mann, der behauptete, über den größten, längsten oder ausschweifendsten Bart des Landes zu verfügen. Für mich neu war, ihn zu fragen, ob ich ihn photographieren dürfe. Natürlich…, vor einem Plakat mit NAsser und Hafiz al-Assad aus den Zeiten der panarabischen Vereinigung Syriens mit Ägypten.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Von Deir ez-Zor ging es erst zu den antiken Stätten Dura Europos und Mari an der irakischen Grenze, dann den Euphrat aufwärts über Raqqa und Resafa nach Aleppo, wo ich ein echtes Stamm-Teehaus nahe des Uhrenturms am Rand des christlichen Viertels Al-Gudeida fand. Im Tagebuch notierte ich am 22. März 1988:

„Die Armenier, die uns gestern ’nen Kaffee spendiert hatten, haben uns für heute abend zum Essen und Quatschen eingeladen. Die Leute hier rauchen Wasserpfeife und spielen Karten. An den Wänden hängen abwechselnd bayrisch-amerikanische Landschaften und Fußballmannschaften, bloß die Deutschen fehlen. Der Boden voller feiner Sägespäne. In der Mitte einer dieser Petroleumöfen mit einer Apparatur, durch die immer tröpfchenweise ‚Sprit‘ ins Feuer kommt. Das Teehaus liegt so richtig schön ab von allem, obwohl 50 m von hier der Clocktower ist (…) 17 Neonröhren hängen hier, gefällt mir aber gut. Es ist schön, ein Stammteehaus zu haben, wo man auch die eute kennt und öfters nicht zahlen muß. 

Ein Tee kostete damals 2 syrische Pfund, also 40 Pfennig. Ich habe täglich ein halbes Dutzend getrunken, meist abends nach einem langen Tag mit Besichtigungen oder Ausflügen, um das Erlebte per Tagebuch zu reflektieren. Einige Tage später machte ich dieses Photo per Blitz, „mußte einfach ausnutzen, daß ich hier jetzt so bekannt bin„.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Von Aleppo ging es südwärts über Hama und Palmyra nach Damaskus. Mein erster Besuch in der Hauptstadt, zwei Jahre zuvor, war noch stark davon geprägt, dass wir nach einem Überfall an der libanesischen Grenze zwischen dem Krak des Chevaliers und Tartus, bei dem wir unsere Pässe verloren, tagelang zwischen Deutscher Botschaft, der Polizei und einer für Ein- und Auseise zuständigen Behörde hin und her wechselten, um neue Papiere zu bekommen. Vom Busbahnhof kommend „haben wir uns gleich ein Taxi zum Mardje-Platz genommen, dort sind die ganzen Hotels“, schrieb ich ins Tagebuch.

In der Mitte des Platzes eine Metallstatue zur Erinnerung an die Fertigstellung der Telegraphenlinie nach Mekka, oben drauf eine nachgebildete Moschee.“ Vom ersten vormittäglichen Botschaftsbesuch kommend und nachdem dem wir endlich am Bahnhof ein Hotel gefunden hatten, das uns auch ohne Pässe aufnahm, erkundeten wir diesen Stadtteil genauer: „Wir gingen erstmal etwas durch die Gegend am Mardje-Platz, da, wo die Altstadt in die Neustadt übergeht, setzten uns in ein Teehaus im Freien, überdacht von Bäumen mit weit ausladenden Ästen. Viele Leute hier, Backgammon (Tavla) spielend, oder einfach nur Wasserpfeife rauchend. Hier gibt‘s keine normalen, schlichten Teehäuser, überhaupt sehr wenige – und wenn, dann gleich größere Gebäude mit Wasserpfeife.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Nach einem weiteren Botschaftsbesuch sind wir dann nachmittags, ausgestattet mit einem „Reiseausweis als Passersatz“ wieder in die Innenstadt und entdeckten ein weiteres „Teehaus mit toller Atmosphäre abends, lauter Leute hier“, wie ich schrieb. „Mir gefielen vor allem die tollen alten Stühle. Sauber gearbeitet, ursprünglich und handgemacht.“ Nach dem Vorbild meines Bruders, der von einer Griechenland-Reise einen echten Tavernen-Hocker mitgebracht hatte, nahm ich mir vor, das hier auch zu versuchen.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Am nächsten Tag versuchten wir einen Ausflug zum aramäischen Dorf Maaloula, gelegen in den Felsen nördlich von Damaskus.

Am Busbahnhof gingen wir erstmal in ein Teehaus. Ein netter Araber zeigte es uns, nachdem wir es erst nicht finden konnten – und brachte uns auch geich auf seine Rechnung Tee. Komisch, als ob die wissen würden, was uns passiert ist. Wir aßen Kebab-Sandwichs, die wir auch nicht bezahlen sollten. Der Besitzer legte uns wortlos als nette Geste eine fast leere Packung Zigarillos auf den Tisch. Ich probierte: Schmeckten toll – ‚Wine dipped and rum flavoured‘. Mir lief’s so richtig warm den Rücken runter, fühlte mich endlich wieder gut, die Leute wahnsinnig lieb, eine Erlösung von den vielen Arschlöchern, denen wir so in den letzten Tagen ausgeliefert gewesen sind.

Mit diesem Kraftausdruck meinte ich nicht nur den Busfahrer, der – bewaffnet mit einem mit Klebeband umwundenen Starkstromkabel – versucht hatte, an meine Freundin heran zu kommen und uns dann nach erfolgreicher Gegenwehr die Rucksäcke geklaut hatte, sondern auch die Polizisten, mit denen wir ihn danach bei stundenlangen Fahrten von Busbahnhof zu Busbahnhof zu finden versuchten, sowie all die uns – mangels Pässen – eiskalt abweisenden Hotelbesitzer in Damaskus und nicht zuletzt die vielen Typen, die meine Freundin im Basar und sonstwo anzugrapschen versuchten. Ich bedauere es heute sehr, meinen Vater insofern als schlechtem Vorbild gefolgt zu sein, als ich fast ausschließlich „tote“ Gebäude, nicht aber die Menschen als Fotomotiv wahrnahm.

Am Abend dieses missglückten Trips, der uns nicht nach Maaloula, dafür nahebei in einen idyllischen Garten geführt hatte, zu dem uns – als wir mangels Taxis oder Busse andere Transportwege suchen mußten – kuwaitische Touristen mitnahmen und uns Bier und Whiskey kredenzten, sind wir „wieder in eines der beiden großen, nebeneinander gelegenen Teehäuser an der Jamhurriyah Avenue (Straße der Republik). Hier haben wir gestern wunderschöne, handgemachte Teehausstühle entdeckt, mal sehen, vielleicht schaffe ich es, denen einen abzukaufen. Jedenfalls werden wir deshalb jetzt jeden abend da hingehen, lange bleiben und auch ein bisschen Trinkgeld dalassen, vielleicht klappt’s dann. Wenn wir vor’m Teehaus vorbei laufen, winkt uns einer der älteren Kellner immer schon begeistert zu, freut sich jedes Mal, wenn wir dann da Tee trinken. Ist auch für uns ein schönes Gefühl, langsam kennen wir uns gut aus hier, bewegen uns schon richtig selbstverständlich, wissen, wo es den besten Karotten-Bananen-Shake gibt und wo der Tee nicht ganz so bitter wie sonstwo ist.

Am nächsten Tag fanden wir an der Hauptstraße jenseits des Mardje-Platzes „ein zweistöckiges Restaurant, die obere Etage mit Blick auf den normalen Gastraum, wohl für Familien und Frauen gedacht. Wir waren so müde, dass wir einfach nur irgendwo etwas trinken wollten.“ Aus heutiger Sicht war das natürlich kein Restaurant, sondern ein Teehaus. Diese zwei Etagen wurden später ein üblicher Anblick, egal ob in der Türkei, in Ägypten oder im Iran: Unten sitzen die Männer, spielen Backgammon oder rauchen eine Shisha, während es oben einen gesonderten „Familienbereich“ für Paare gibt, von dem aus wir hinunter schauten.

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Danach sind wir in eine etwas abseits gelegene Teestube, in der wir unsere Reiseführer studierten, ehe wir die Omajjaden-Moschee besuchen wollten.

Wir lasen etwas rum, bis dann plötzlich ein etwa 30-jähriger Mann von ’nem hinteren Tisch kam und mir mitteilte, sehr höflich, aber doch bestimmt, dass das hier ein Teehaus sei und also nur für Männer – ob wir uns nicht woanders hinsetzen könnten? Ich sagte ‚OK‘, wir würden nur gerade noch den Tee trinken und kurz noch was schreiben. Mich hatte das irgendwie beeindruckt, dass es uns das so sagte, vor allem in dieser ruhigen Art. Aber meine Freundin fand das nicht OK, wollte sich in dem Punkt nicht anpassen, zumal uns der Kellner ja vorher noch mit großer Geste extra diesen Platz in der Mitte des Raumes angewiesen hatte. Sie fragte also bei ihm nach, aber ohne zu sagen, dass sich hier einer beschwert hatte – und kriegte natürlich gesagt, dass wir selbstverständlich sitzen bleiben können. Nach ‚ner halben Stunde ist der Mann dann gegangen, weiß nicht, ob demonstrativ, jedenfalls war mir das doch unangenehm. Ich hatte auch dauernd Blickkontakt mit ihm, konnte aber aus seiner Miene nix ablesen. Vielleicht dachte er ja, wir wären dumme Touristen, von Europa gleich nach Damaskus und ohne Ahnung von allem. Naja.“ Dabei waren wir wochenlang per Anhalter und Bus durch Jugoslawien, die Türkei und Aleppo hierher gereist.

Am gleichen Nachmittag entdeckten wir – nach dem Besuch der Omajjaden-Moschee – hinter dieser „endlich noch einmal ein normales Teehaus, wie in der Türkei, nicht wie sonst an irgendeiner besonders belebten Ecke. Hier, an der Rückseite der Omajjaden-Moschee, fühlte man sich komischerweise ganz abseits, einfach weil alles auf der anderen Seite der Moschee herumläuft. Wir saßen schön draußen, halb auf der Gasse, neben uns grüne Pflanzen – eine Seltenheit. Bloß der Tee war arg bitter. Hier rauchten wieder alle Wasserpfeife. Lauter urige alte Männer, Handwerker und Händler wohl, mit zerschrumpelten Gesichtern, abgearbeitet und stumm an der Pfeife saugend. Wir nannten es später das E.T.-Teehaus, hier sitzen echt die Extra Terrestrials…

Am nächsten Tag war ich wieder abends spät im Teehaus mit den Stühlen – „zum Tagebuch schreiben und vertraut machen mit den Kellnern, damit das morgen auch klappt mit dem Kauf eines Stuhls“. Diese Aktion scheiterte dann letztlich doch, vielleicht, weil wir am abend vor unserem Abflug in einer größeren Gruppe an Ausländern auftauchten – einem Australier, drei DDR-Tänzerinnen, die hier ein diplomatisch unterstütztes Ausbildungs-Engagement hatten und Rolf, unserem Reisebegleiter aus Münster, mit dem wir seit dem gemeinsam erlebten Raubüberfall zusammen waren. Er wollte sich eine Wasserpfeife kaufen, diese waren aber unverkäuflich, weil sie erst richtig eingeraucht werden müssen. Für einen von mir begehrten Stuhl bekam ich – statt einer direkten Ablehnung – aus Höflichkeit einen völlig überhöhten Preis genannt, womit sich das Thema erledigt hatte.

Vom – wie ich später lernte – berühmten Teehaus hinter der Omajjaden-Moschee habe ich leider auch beim zweiten Besuch 1988 kein Photo gemacht. Ich war noch viel zu fixiert auf Monumente und Straßenszenen, traute mich nicht, Details des Alltagslebens abzulichten. Außer in besonderen Situationen, wenn ich wirklich lange in einem Teehaus saß und im vorrangigen Impuls meine Freundin photographieren wollte und dann einfach noch ein zweites Photo der Umgebung machte.

Verwendete Literatur: Becker, H. et al 1979, S. 8; Wirth, Eugen: Die orientalische Stadt im islamischen Vorderasien und Nordafrika, Mainz 2000, S. 301f

Syrische Teehäuser 1986/88 © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Reisen, Syrien

2 Kommentare
  1. Danke für den schönen Bericht!

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  1. Erinnerungen an Syrien 1986/88 | akihart

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