Skip to content

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988

Mai 7, 2017

ERINNERUNGEN AN SYRIEN. Dienstag, 22. März 1988

Im Tagebuch schreibe ich von einem entspannten Tag, den ich zunächst in meinem Stamm-Teehaus, nur 50 Meter vom Clocktower im alten Hotelviertel westlich der Altstadt entfernt und dennoch richtig schön abseits vom Trubel verbracht habe. „Das Wetter ist nicht besonders schön, dunstig und wolkig“, schrieb ich. „Heute ist mein ruhiger Tag, der erste echte bisher, sonst bin ich jeden Tag mit Bussen unterwegs gewesen.“

Dieser Orienttrip durch sechs Länder hatte per Anhalter am 4. März in Marburg begonnen und endete anderthalb Monate später mit dem Rückflug aus Kairo. Ziel war, neben dem Besuch bislang unbekannter Orte, einen Praktikumsplatz für ein Auslandsjahr nach dem Vordiplom bei einem Auslandskorrespondenten einer Zeitung zu finden. In Syrien gab es niemanden, erst in Amman und Kairo. Nach vier Tagen erreichte ich Istanbul. Fünf Tage später war ich per Bus und Zug in Diyarbakir und den noch schneebedeckten kurdischen Bergen, erkundete dort mehrere Dörfer und Klöster, ehe es am 16. März am Fuß der Berge über die Grenzstation Nusaiybin/ Quamishliye in der Tiefebene zum zweiten Mal nach 1986 nach Syrien ging. Es war eine überraschende Reise in den Frühling hinein, mit Besichtigungen der antiken Stätten Dura Europos und Mari an der syrisch-irakischen Grenze am Euphrat, ehe ich dem Heidelberger Studenten Gerd Kochendoerfer begegnete, mit dem es nach fünf Tagen flussaufwärts über Resafa und Raqqa nach Aleppo ging, nur um tags drauf gleich weiter in die toten Städte der altrömischen Olivenanbauregion bei Qualaat Samaan zu fahren.

Zitadelle in Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Erinnerungen an Syrien 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Suk von Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Auf Aleppo hatte ich zunächst keine richtige  Lust, glaubte die Stadt mit der beeindruckenden Zitadelle und dem riesigen Suq schon ausreichend zu kennen, entdeckte für mich aber rund um mein Billighotel Al Qazar (oder Khazar?) das Leben im christlichen Viertel „El-Djdeide“, das 1909/11 entstandene, aber herunter gekommene  Hotel Baron (in dem schon Lawrence von Arabien, Agatha Christie, Kemal Atatürk, König Gustav Adolf, Charles de Gaulle  und Ted Roosevelt übernachtet haben). Im Viertel rund um das Bab el-Faradsch mit seinem osmanisch-kolonialen Uhrenturm und Dutzenden Billighotels, Teehäusern und Garküchen, fand ich eine Straße mit einer intakten Rehe  uralter Holzhäuser. Solche Häuser aus osmanischer Zeit gab es nur noch wenige in der Altstadt und wie hier im Übergang zur Neustadt jenseits der Nordwestecke der Altstadt, sowie im Viertel Al-Bustan. Anders als die typischen Aleppiner Adelshäuser, die ihren prachtvollen Innenhof wie kleine Festungen hinter abweisenden und unscheinbaren Außenmauern aus Kalkstein verbergen, öffnen sich diese Mittelschichtgebäude mit ihren Erkern nach außen ins pralle Leben.

Erinnerungen an Syrien 1986/88 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Rund um den Verkehrsknotenpunkt des Bab el-Faradsch mit dem Uhrturm traf man, wie ich bei Jörg Wagner heute nachlas, „auf eine einzigartige orientalische Stadtkultur, auf ein lebhaftes Miteinander verschiedener Kulturen, Religionen und Völker, die in beachtlicher Liberalität und Toleranz die syrische Gesellschaft aufgebaut haben“. Ich lernte auch, dass das für mich rein armenische Viertel tatsächlich ein Viertel arabischer, armenischer und europäischer Christen war.

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Nahe meines Stammteehauses führten ein paar Ladenpassagen in Hinterhöfe. Eine von ihnen war mir, der ich gerade auf der Suche nach den hier sehr seltenen Diafilmen war und generell sehr sparsam fotografierte, erstaunlicherweise gleich mehrere Fotos wert. Damals in analogen Zeiten mit Filmen à 24 oder 36 Aufnahmen machte man pro Highlight nur sehr ausgewählt und überlegt zwei bis drei Fotos (statt 20 heute).

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Im Tagebuch notierte ich: „Ich machte dann ein paar Fotos von Kinoplakaten und fragte mich durch 10 Fotoläden nach Diafilmen durch. So etwas scheint es hier nicht zu geben, oder zumindest nur in 2-3 Läden. Einen davon kriegte ich gezeigt und kaufte zwei Konica-Filme für je 150 syrische Pfund (nach dem Zwangsgrenzkurs von 11,2 SP pro Dollar bei einem Bankkurs von 26 total teuer)“. Mehr schrieb ich zu den Kinoplakaten nicht. Vielleicht sprechen sie für sich in ihrer Kombination aus Phantasien waffenstarrender Männlichkeit und unerreichbar fröhlicher Beziehungen. Was für mich zählte: Ich war total happy über die Aufstockung meines Diafilmbestands. Wenn ich jetzt auch nur noch 150 SP hatte und bald auf dem Schwarzmarkt neu tauschen musste: Da bekam man 45 – 55 SP pro Dollar, riskierte aber im Extremfall eine Gefängnisstrafe, wie es hieß.

Ich habe keine Vorstellung davon, was aus diesem Viertel geworden ist. Und möchte es eigentlich auch nicht wissen. Schaut man heute auf Google-Earth hinein, scheinen die Zerstörungen nicht so schlimm zu sein. Aber egal wie: Es wird auferstehen. Das scheint mir sicher, bei dieser Stadt, die mit Damaskus um den Titel der ältesten kontinuierlichen Großstadt der Welt konkurriert. Was aber am Ende dieses Trips gelang, war, einen Praktikumsplatz beim Auslandskorrespondenten der Süddeutschen Zeitung in Kairo, Heiko Flottau, zu bekommen – im September dieses Jahres begann dann eine mehrjährige, noch nicht wirklich abgeschlossene Lebensphase, in der Kairo die Hauptrolle spielte, weshalb Syrien für mich schnell in Vergessenheit geriet.

Ein weiteres Foto eines Kinos kann ich leider nicht mehr sicher lokalisieren: Aber egal, ob Aleppo, Hama oder Damaskus, 1986 oder 1988 – da ist wieder dieses Mann-Frau-Thema, an das heran zu zoomen sich lohnt …

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

Verwendete Quellen: Rotter, Gernot: Syrien. Edition Erde Reiseführer, Nürnberg 1995, S. 254f; Wagner, Jörg: Syrien. Erbe einer antiken Kulturlandschaft, Harenberg Edition, Dortmund 1996, S. 140.

Vier weitere Fotos Aleppiner Kinos unbekanten Datums finden sich bei Wikimedia und Pinterest (1) und (2)

Holzhäuser und Kinoplakate_Aleppo 1988 © Ekkehart Schmidt

3 Kommentare
  1. Danke für das Mitnehmen in vergangene Tage, auch wenn dies eine schmerzhafte Reise ist.

Trackbacks & Pingbacks

  1. Erinnerungen an Syrien 1986/88 | akihart
  2. Jesidische Mütter in Syrien – eine Begegnung | akihart

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: