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Café de la Poste_Vianden

März 27, 2017

Familie mit Zuwanderungsgeschichte führt Traditionshaus weiter: Es ist dieser in Luxemburg häufige Kontrast, der Lokale wie das „Café de la Poste“ in Vianden so interessant macht. Während man in Deutschland nur sehr selten alteingesessene Gaststätten findet, die unter dem gleichen Namen von Türken, Italienern oder Russlanddeutschen fortgeführt werden, ist dies im Großherzogtum sehr häufig. Vor allem Portugiesen, aber auch manche Italiener zeigen mit Lokalen wie der Bauerestuff in Ettelbrück, dem Trapeneck in Alzingen, ´dem Chalet in Dommeldange oder dem Café du Village in Dippach, dass sie sich als Luxemburger fühlen, Traditionslinien fortführen und sich integrieren wollen – ohne ihre spezifische Herkunft zu verleugnen. Meist gelingt es, eine gelungene Mischung zu kreieren und eine Kundschaft aus Alteingesessenen und Zuwanderern an sich zu binden – vor allem über das Speisenangebot. So gelingt es hier häufig, Lokale und deren spezifisches Flair zu retten, die sonst vielleicht unwiderbringlich hätten schließen müssen. Aber wahrscheinlich funktioniert das ökonomisch auch nur über eine gewisse familiäre Selbstausbeutung.

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Und vielleicht kann man bestehende Strukturen auch nicht so einfach auf den Kopf stellen, wie das in Deutschland nach der Aufgabe von Traditionskneipen meist passiert: Man darf nichts ändern innen, das habe der (luxemburgische) Besitzer verboten, sagte mir die Pächterin des Café de la Poste, mit spürbarem Bedauern. Ich war hier vor drei Wochen gegen 19 Uhr in die Abendrunde der Familie geplatzt: Oma, Opa, Mama, Papa drei grosse Jungs und zwei Töchter, dazu offenbar zwei adoptierte Kinder – sie alle saßen gerade zu Tisch (genauer gesagt: zwei waren zusammen geschoben und mit eigener Tischdecke bedeckt worden), als ich fragte, ob man noch etwas zu essen bekommen könne. Ja klar, hieß es, obwohl die Köchin selbst gerade über ihrem Teller saß. Man könne mir Gulasch mit Nudeln und Salat anbieten. „Gerne! Und ich habe keine Eile“, sagte ich natürlich, als wäre ich versehentlich ins Wohnzimmer geraten. Ich wurde bedient, kurz interessiert betrachtet, danach versanken die Kiddies in ihren Smartphones und es war fast so, als wäre die Familie unter sich geblieben. Schließlich ist hier in Vianden, wo im Sommer holländische, belgische und deutsche Touristen einfallen und die steile Straße am Café vorbei zum Schloß hochlaufen (oder nach einer Fahrt per Sessellift hoch, nach der Besichtigung hungrig wieder hinunter), jetzt noch absolute Nebensaison. Und der Karneval, von dem neben der Trump-Dino-Mauer hier auch anderswo noch spuren zu sehen waren, war eben erst gemeistert.

Ich war hier zur blauen Stunde auf dem Weg zu meinem Hotel vorbei gekommen und nach einer halben Stunde zurück gekehrt. Erst jetzt fiel mir auch auf, dass das Lokal noch eine andere Transformation erlebt hat: Der Eingang besteht aus zwei Türen, von denen nur die rechte in Betrieb ist: Linkerhand hat es aber einmal einen Eingang zu einem Lebensmittelgeschäft (Epicerie) gegeben, rechts zum Café. Ob es zwischen beiden einmal eine Mauer quer durch den heutigen Raum gab? Sehr sympathisch jedenfalls, dass die aufgeklebten Buchstaben zur Epicerie nicht entfernt wurden (für die Bewahrung dieser historischen Spur sollte man dem Inhaber dankbar sein).

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Neben der Haupt-Gaststube gibt es noch einen moderner gestalteten Nebenraum. Nach hinten führt ein großzügiger Flur, der vielleicht früher einmal zu einem hotelähnlichen Betrieb führte, jetzt nur noch zu „Chambres à louer“. Schade, dass sich auch online nichts zur Geschichte des Lokals findet. Es ist eins von 8 Cafés im Ort und liegt – natürlich – gegenüber der Post. Weiter unten hat der französische Dichter Victor Hugo im 19. Jahrhundert einen Teil seines Exils verbracht. Wahrscheinlich hat er hier auch einmal gesessen. Aber sicher ist das nicht. Wer weiß, wann das Lokal entstanden ist.

Für ökologisches Denken sind Portugiesen nicht bekannt. So hat man als mitteleuropäischer Gast zu akzeptieren, dass die Karte neben Gulasch, Steak, Schnitzel und Bouche a lá reine nichts vegetarisches anbietet. Aber da trifft sich wohl der portugiesische Geschmack mit dem der Mehrheit der Touristen. Ansonsten gibt es auch: Bacalhau, Lombinhos de porco com cogumelos, Carne Alentejana. Mein Plat du Jour hat 9,99 Euro gekostet. Der Espresso vorab war mit 1,90 Euro preislich auch im akzeptablen Rahmen.

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

Aber natürlich hat das Lokal noch ein ganz anderes Leben, das ich hier nicht erlebt habe: Der Flachbildschirm an der Wand zeigt portugiesisches TV, das Lokal bietet ferner zwei bornes internet „La belle net“ für Glücksspiele, eine steht sogar auf der Theke. Am Wochenende wird um diese Uhrzeit sicher das eine oder andere Bier von der Diekirch Brauerei getrunken und darüber hinaus organisieren die Pächter Karaoke-Abende und Auftritte portugiesischer Musiker, die wohl gut besucht sind. Da bleibt dann wohl die portugiesische Community ganz unter sich. Die folgenden Fotos habe ich von der Facebook-Seite des Lokals übernommen:

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Ach ja, à propos Rettung der lokalen Infrastruktur durch Migranten: Ich habe im historischen Zentrum von  Vianden nur noch ein Lebensmittelgeschäft gefunden – die portugiesische Epicerie Matos.

Adresse: 10, Grand rue, L-9410 Vianden, Tel.: 28 87 43 73

Café de la Poste_Vianden © Ekkehart Schmidt

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