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Alfa Brasserie_Luxemburg

März 17, 2017

Abrupt wurde es diesen Mittwoch geschlossen: Das 1932 erbaute „beste“ (gemeint ist: edelste und teuerste) Hotel am Luxemburger Bahnhofsplatz:  das Grand Hotel Mercure Alfa (ursprünglich Hotel Alfa). Und mit dem das Stadtbild prägenden Haus auch sein Restaurant, das als „Brasserie“ geführt wurde. Das Hotel ist offenbar zum Austragungsort eines erbitterten Streits zwischen dem Besitzer des Gebäudes und dem Betreiber geworden, zu dessen Höhepunkt am Mittwoch der Gerichtsvollzieher mitsamt Polizei anrückte und erklärte, die Gäste müssten das Hotel verlassen. 70 Mitarbeiter/innen stehen vor einer ungewissen Zukunft. Es heisst, die Betreiber hätten seit 2013 keine Miete mehr gezahlt.

Das Hotel kann ich nicht beurteilen, ich habe lediglich Erfahrungen aus zwei Billighotels im Schatten diesen imposanten Gebäudes, der Auberge de Reims und dem Bella Napoli. Aber in der Brasserie habe ich in den vergangenen drei Jahren ein paar Mal einen Espresso getrunken und den in den großen Pariser Brasserien abgeschauten Art-déco-Stil der 30er-Jahre genossen. Aber warm bin ich hier trotz dieser für Luxemburg ungewöhnlich metropolitanen Atmosphäre nie geworden. Zu wenige der Gäste scheinen Luxemburger zu sein, zu dominant sind ortsfremde Hotelgäste, die sehr nach Business aussehen. Und 2,80 Euro für einen Espresso mag ich auch nicht häufiger zahlen, wenn er nebenan in meinem Stammlokal Le Relax nur 1,70 Euro kostet.

Hintergründe zur Schließung im Tageblatt, im Luxemburger Wort und im Paperjam.

Alfa Brasserie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Alfa Brasserie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Leider habe ich heute nur Fotos gefunden, die ich im April 2014 durch’s Fenster gemacht habe. Das Belle Époque-Flair der Räumlichkeiten hinter diesem Vorraum, der zugleich Bar und Café ist, habe ich bei einem Besuch fotografiert, vor allem deshalb, weil es eine historisch spannende Anekdote gibt. Leider werde ich diese Fotos nachtragen müssen, wenn ich den richtigen Ordner gefunden haben sollte.

Das Restaurant beeindruckt durch seine Dimensionen sowohl von der Deckenhöhe wie auch von der Fläche her. Die Ausstattung von Restaurant und Café ist insofern typisch für eine Brasserie, als das Mobiliar aus dunklem Holz ist, die Leuchten im Art Déco Stil und das Personal in schwarz-weisser Uniform. Hinten finden sich aber noch feinere Dekors mit Fresken und Wandtäfelungen, als vorne. Hier finden sich dagegen bequeme Sessel, von denen aus man das Treiben auf dem Bahnhofsvorplatz verfolgen kann.

Vor dem zweiten Weltkrieg traten im Restaurant, genauer gesagt auf der noch existierenden Bühne ganz hinten, deutsche Emigranten auf. Es gab dort eine Kabarettbühne, auf der heute vergessene deutsche Nazigegner wie Karl Schnog, aber auch das von Erika und Klaus Mann gegründete literarische und antinazistische Kabarett „Die Pfeffermühle“ auf, letztere am 1. Januar 1935 und am 8./9. Mai 1936. Am 3. Dezember 1944 logierte dann der Oberbefehlshaber der gesamten alliierten Streitkräfte, General Dwight David Eisenhower im Hotel und hat hier in der Cafébar sicherlich den einen oder anderen Drink zu sich genommen.

Das Essen hier war zuletzt gut, aber offenbar nicht überwältigend, glaubt man den Urteilen auf diversen Bewertungsportalen. Vor 2011 gab es wohl einige Kritik, aber dann kam ein neuer Chef und eine neue, verbesserte Speisekarte. Die Karte war dennoch übersichtlich mit klassischen Gerichten  wie Bouché à la Reine, Tartare, Escalope oder Choucroute – jedenfalls nichts für Vegetarier, geschweige denn Veganer. Dazu gab es ein täglich wechselndes Mittagsmenu von etwa 13 Euro.

Das Café öffnete schon um 6.30 Uhr. Die Kellner/innen waren hier im Allgemeinen freundlich, nur offenbar eher langsam. Als ich einmal ungewöhnlich früh hier war, waren sie sehr mit dem Frühstück im hinteren Teil des Saals beschäftigt. MAl sehen, wie lange Hotel und Brasserie geschlossen bleiben und ob ein neuer Besitzer viel ändern wird.

Nachtrag vom 2. Juni: Das Hotel Alfa ist nunmehr offiziell insolvent, wie der Paperjam berichtet.

Adresse: 16 Place de la Gare, 1616 Luxemburg, Tel.: +352 49 00 11 3000, Homepage (abgeschaltet): http://www.alfabrasserie.lu
Verwendete Quelle: Hohengarten, André: Die Stadt Luxemburg unter dem Hakenkreuz (1940-1945). Ein alternativer Stadtführer, Esch/ Alzette, erweiterte Neuauflage 2014, S. 130
Alfa Brasserie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt
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