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Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange

Februar 25, 2017

Ich habe wieder ein Exemplar der aussterbenden Spezie schlichter, unprätentiöser Nachbarschaftskneipen gefunden. Hier in Dommeldange, der ersten Station des Zugs von Luxemburg nach Norden, steigt nur aus, wer hier wohnt oder im Stahlwerk arbeitet. Das in die Stadt eingemeindete Dorf bietet nichts, was Auswärtige anziehen würde. Nicht, dass es hässlich wäre: Der Dorfkern um die Kirche ist sogar recht gut erhalten. Obwohl sich diese hier kreuzen und queren, liegt das Dorf jetzt im toten Winkel überregionaler Wege. Nördlich der Bahnstation entwickelte sich aus einem ersten, 1865 entstandenen Hochofen zunächst ein integriertes Hüttenwerk mit Elektrostahlwerk, angeschlossener Gießerei und Schmiede, ehe der Standort in die Rolle der zentralen Fertigungswerkstatt aller in Luxemburg ansässigen ARBED-Werke hinein wuchs. 1980 entstand daraus die selbstständige Firma MecanArbed. Diese industrielle Vergangenheit und Gegenwart ist hier am Bahnhof nahe der Dorfkirche nicht zu spüren, weil alle per Zug zur Arbeit fahrenden Stahlarbeiter sofort nordwärts streben und die anderen per Auto oder Bus über die rue de Beggen auf der anderen Seite der Alzette zu den Werkstoren fahren.

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Gleichwohl findet sich hier, im nordöstlichsten Stadtteil Luxemburgs eine erstaunliche Vielfalt an Lokalen und Geschäften, die fast alle durch die portugiesische Einwanderung beeinflusst wurden. Da gibt es neben dem Café Chez Carla/ Am Chalet, das ich mir bei meinen zwei Mittagspausen-Besuchen letzte Woche als authentischste Wirtschaft ausgesucht habe, ein halbes Dutzend interessanter anderer Lokale. Hier, an der Ecke dreier Straßen und Wege, die zum Nadelöhr des Bahnübergangs an der Brücke über die Alzette führen, liegt nebenan in der Route d’Echternach die portugiesische Metzgerei „Boucherie Brill“, die portugiesische Bäckerei-Konditorei „Boulangerie Marques“ mit kleinem Café, ein mittags gut besuchtes portugiesisches Restaurant und das Chinarestaurant „Grand Shanghai“. Das eher gutbürgerliche Café Vieille Ville an der Kirche war geschlossen, während das sich sehr exklusiv gebende Restaurant „Cavalli Room“ wohl eher abends voll von Auswärtigen ist. Ein kleiner Mikrokosmos also, der die soziologischen Gegensätze und Widersprüche Luxemburgs ganz gut abbildet.

Das Café ist, nimmt man die Stühle draußen als Indikator, bei sonnigerem Wetter deutlich besser besucht als jetzt, wo ich mittags nur einer von einem halben Dutzend Gäste war. „Cafe“ steht nicht im Stil der 1970er-80er-Jahre nett verschnörkelt auf das Fenster geklebt, sondern schmiedeeisern und deutlich nüchterner (vielleicht aus den 1950er-Jahren?) auch in die Streben der Eingangstür eingearbeitet. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das Lokal mit dem Aufbau des Hochofens entstanden und mehrfach umgebaut und umbenannt worden ist. Jetzt heißt es wohl „Chez Carla“ nach der portugiesischen Inhaberin Carla Abreu de Cruz Ferreira, aber der vorherige, weniger familiäre, denn edel wirkende Name „Am Chalet“ ist nicht eliminiert worden.

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Der fremde Besucher wird schon durch’s Fenster beäugt, die Tür öffnet sich nur schwer, aber dann schaut man auf einen dieser klassischen Tresen mit Kaffeemaschine und Zapfanlage vor dem Hintergrund eines Regals voller Gläser und Flaschen. Der fremde Gast wird sofort von allen wahrgenommen, beobachtet und eingeschätzt, so dass ich mich nur sehr heimlich traute, Fotos zu machen. Ich saß neben einer Ecke mit zwei Hockern vor einer von drei „Bornes Internet“, an denen man Glücksspielen frönen kann.

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Der Schankraum ist altbacken hölzern bestuhlt, über einem Mosaikfußboden mit interessantem Muster. Hinter der Theke hängt das berühmte, schon nur noch kitschig wirkende van Gogh-Gemälde eines Cafés in Arles. Oben thronen sieben von 15 im Raum verteilten Pokalen des offenbar hier ansässigen und aktiven Dartclubs „Lion Darts“. Am Fenstertisch sitzen zwei Postboten und erzählen bei Cola und Wasser mit zwei „Super Bock“ und Riesling trinkenden Freunden, von denen einer einen Zwergrehpinscher dabei hat, der sich sehr für meine Chorizowurst interessiert und mit der Kellnerin herum tollt. Ein betrunkener Franzose mit Hut über längeren Haaren kommt herein und beginnt mit einem Luxemburger am Tresen ein Gespräch zur französischen Präsidentschaftswahl, wobei er weit ausladend gestikulierend den Raum ausschreitet: Nur Pompidou und Giscard seien gute Präsidenten gewesen, danach sei nur noch Mist gekommen. Und Paris sei sowieso nicht mehr, was es mal war (zu viele Araber höre ich da durch). Es menschelt hier, kein Gast hat eine Chance, sich heraus zu halten. Er wird unweigerlich einbezogen.

Bei meinem ersten Besuch letzten Dienstag saß ich im schummrig beleuchteten hinteren Teil neben dem Dart-Apparat und aß ein Chorizo-Sandwich mit sehr dicken Scheiben dieser eigentlich spanischen Wurst. Beim zweiten Besuch bestellte ich mir Chorizo mit Käse und fragte nach: Die besonders scharfe Wurst ist portugiesisch.

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

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Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

Im Lokal liegen das Luxemburger Wort, das Tageblatt, Le quotidien, die BILD und die luxo-portugiesische Zeitung Contacto aus. Im Lokal gesprochen werden Deutsch, Luxemburgisch, Französisch und Italienisch. Kreuz di quer durcheinander.

Adresse: 3 Rue de la Station, L-2552 Luxembourg

Chez Carla/ Am Chalet_Dommeldange © Ekkehart Schmidt

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  1. Café de la Poste_Vianden | akihart

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