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Darband und der „dicke Stein“_Teheran

Februar 22, 2017

Im Norden Teherans, wo die Metropole seit 40 Jahren die Hänge des Elbursgebirges hochwächst, gibt es drei enge Felstäler, in die man hineinwandern kann. Zwischen den Darakeh- und Lashgarak-Tälern  ist vor allem das Darband-Tal berühmt und viel besucht. Wir Kinder sind dort während unseres Aufenthalts 1966-71 häufig und gerne mit den Eltern auf einem zunächst breiten, später schmalen Pfad Wandern gegangen, angelockt von der Aussicht, wieder auf den „dicken Stein“ zu klettern. Im Februar 1992 und im August 2016 bin ich noch einmal dort gewesen.

Drei Kilometer weiter westlich des Darband-Bachs fließt der Darakeh die Berge hinab. Auch hier gibt es einen Wanderpfad, der sicherlich schon seit einem Jahrhundert besteht. Nach ihm ist heute ein ganzer Stadtteil mit mehreren Hunderttausend Einwohnern benannt. Das 1700 m hoch gelegene Darband dagegen gehört zu Shemiran, einer ehemaligen Gebirgsfußoase rund um den Marktort Tajrish, der in den 1960er-Jahren noch einen Villencharakter hatte und viele Tausend Ausländern wie uns ein angenehmes Wohnviertel bot, heute aber ein Luxusquartier mit Hochhäusern ist. Damals lagen an diesen Bächen nur kleine Bergdörfer mit Felskuppen, unterhalb derer einige Teehäuser mit „Takht“ genannten niedrigen Sitztischen Erholung suchenden Großstädtern einen paradiesischen Erholungsort boten. Nur wenige Lokale hatten damals die Takht mit Teppichen belegt, einfache Sitzkissen mussten genügen.

Fährt man heute mit der U-Bahn von der viele hundert Meter tiefer gelegenen City von Teheran hinauf zum Tajrish und nimmt von dort ein Taxi zum Talausgang am ehemaligen Grand Hotel Darband (ehedem zur Pahlavi Foundation gehörend), passiert man rechterhand der hohen Mauern der ehemaligen Kaiserlichen Sommerresidenz Saadabad, die 1937 weltbekannt wurde durch den hier unterzeichneten Nichtangriffspakt zwischen Iran, Irak, Afghanistan und der Türkei, ein Viertel, in dem fast nur Wohlhabende leben. Die Straße endet an einem Bergsteigerdenkmal, hinter dem es nur zu Fuß weiter geht. Der Kontrast zur Zeit vor der islamischen Revolution 1978/79 ist krass: Aus einem ruhigen Wanderweg für Erholung suchende Ausländer wurde – freilich erst einige Jahre nach der Revolution – der berühmteste Ort des Landes, an dem sich Männer und Frauen einigermaßen frei begegnen können.

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Nach gut 200 m öffnen sich beidseits des Weges prachtvoll präsentierte Restaurants, die in mehreren Etagen die Hänge hoch wachsen. Viel Grün, Blumen und bunte Lichter locken. Zwischendurch Läden, die denjenigen Sweeties, Maulbeeren, Getränke und sonstiges Proviant bieten, die weiter hoch laufen wollen

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Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Diese Restaurantempel hat Mathias Kopetzki 2011 in „Teheran im Bauch“ schön beschrieben:

„Sie wirkten mit Stapelbalkonen und Dachverzierungen wie Kunstschlösser in Disneyland. Touristengruppen schleckten dort Eiscreme, während ihre Sonnenbrillen im Mittagslicht glitzerten. Freiluftcafés, eines nah über dem anderen, mit Wellblech überdeckt und bunten Glühbirnen gechmückt, luden anden Hängen zum Verweilen ein. Ihre Terrassen, mit Zierpflanzen in Szene gesetzt, öffneten den Blick auf eine rauschende Wasserpracht, welche Gäste auf Sitzliegen an sich vorüberstürzen liessen. Vorwiegend Jugendliche hockten darauf, führten ihren Tee mit Feigen oder kleinen Kuchen zum Mund und ignorierten das öffentliche Berührverbot des anderen GEschlechts: Aus dem Augenwinkel beobachtete ich Küsschen und Händchenhalten. Männer mit Speisekarten warteten an den Eingängen und warben um uns.“

Wer sich das nicht leisten kann oder hoch in die freie Bergwildnis strebt, hat erst einmal einen guten Kilometer zu laufen. Und besorgt sich höchstens etwas Proviant in den kleinen Läden zwischen den großartig inszenierten Restaurantportalen.

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Wir wollten uns schlicht von der lauten und hektischen Stadt erholen. Aber wo einkehren? Gar nicht so einfach! Wir wollten es nicht zu pompös und auch in keiner orangefarbenen Cremetorte sitzen.

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Nachdem die Strasse am Fuss eines Felsens endet und es nur noch über Treppen und einen schmaler werdenden Weg weiterging, fanden wir das passende, auch für Kinder geeignete „Milad Restaurant“, in welchem es über ein halbes Dutzend Treppen zu immer neuen Terrassen ging. Wir strebten nach ganz oben und wurden nicht enttäuscht:

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Ein Bach wurde so umgeleitet, dass er in mehreren Wasserfall-Kaskaden von den Felsen hoch oben durch das Lokal sprudelt und mit frischer Luft den trocknen Staub vertreibt. Denn das ist genau, was man hier sucht: Eine kühle Frische. Und noch etwas anderes, für das man in Mitteleuropa zwar auch im Dorf genauso wie in der Stadt in ein Lokal geht, das es im Iran aber fast nur hier gibt: Die Möglichkeit für Unverheiratete, unbeaufsichtigt und im Wesentlichen unkontrolliert zum anderen Geschlecht Kontakt aufzunehmen.

Darband (c) Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Wir blieben viele Stunden auf unserem Hochsitz, aßen Chello Kebab und Melonen, tranken Tee, holten uns später unten noch auf Holzkohle gegrillten Mais und genossen die Ruhe.

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Wunderbar dann die Dämmerung und der Anblick des Lichtermeers unter uns. Wir haten einige Wanderer beobachtet, die es oberhalb von hier hinter die Felsen zog, hinter denen es weiter zur kleinen Ortschaft Pas-e Qaleh geht. Dort oben lag vor fast 50 Jahren auch das Ziel unserer Wanderungen als Familie, die hier Ende der 1960er-Jahre fünf Jahre verbracht hat: Der dicke Stein. Wir Kinder liebten es, auf diesen etwa drei Meter hohen kugeligen Brocken zu klettern, der da am Wegesrand lag. Beim nächsten Besuch in Teheran werde ich weiter hoch steigen, um ihn zu suchen.

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Auf dem Rückweg sahen wir viele geschlechtlich getrennte Gruppen, die glücklich oder frustriert heimwärts strebten. Und erlebten eine signifikante kurze Szene mit dem Wärter bzw. Kundenanlocker unseres Lokals, der kurz mit einer Frau flirtete, die hier mit einer Freundin von oben herab lief,  um danach feixend zu einem Kumpel zu blicken.

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Darband und der "dicke Stein"_Teheran © Ekkehart Schmidt

Jüngere Leute laufen in kleinen Gruppen so hoch und unbeaufsichtigt, wie es geht, um gleiche Gruppen des anderen Geschlechts scheinbar unauffällig und absichtslos anzusprechen und vielleicht (vielleicht) einen vielversprechenden Blick oder gar eine Handynummer zu ergattern. Also eigentlich genau wie in mitteleuropäischen Lokalen, in denen man auch eine Gelegenheit oder einen Vorwand braucht, will man mit Unbekannten in Kontakt kommen. Und dann ergibt sich etwas oder auch nicht.

Verwendete Quellen: Mathias Kopetzki: Teheran im Bauch. Wie meines Vaters Land mich fand, Gütersloher Verlagsanstalt, Gütersloh 2011, S. 120; Schroeder-Reiseführer Iran, etwa 1966 , S. 164.

Darband und der „dicke Stein“_Teheran © Ekkehart Schmidt

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