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Street Ghosts in Luxemburg

Februar 6, 2017

Wer weiß schon, ob sie/er ungefragt vom Google Street View Auto abgelichtet worden ist? Wenn auch im nachhinein anonymisiert, weil grundrechtlich durchaus fragwürdig. Die meisten Passanten auf dem Weg zur Geliebten, im Urlaub auf Mallorca oder beim Einkauf in der Nachbarschaft sind sich ihrer zweiten Existenz bei Google nicht bewusst. Manche von ihnen haben jetzt gar eine dritte Existenz: Der amerikanisch-italienische Konzeptkünstler Paolo Cirio begann 2012 damit, ausgewählte Silhouetten dieser Menschen aus dem virtuellen Raum zurück in die Realität zu holen, indem er ihre Google-Abbilder als Aufkleber genau dort wieder sichtbar machte, wo sie das Google-Auto zufällig abgelichtet hatte. Nach Stuttgart, Berlin, Namur, Amsterdam, Rotterdam, Budapest, Zagreb, Ljubljana, Lyon, Paris und Marseille war er jetzt auch in Luxemburg aktiv. Vom 15. Oktober 2016 bis zum 15. Januar 2017 waren 35 dieser „street ghosts“ in der Innenstadt zu sehen. Nicht zufällig hat der „International Kunstverein Luxembourg“ den New Yorker für dieses erste Projekt beauftragt. Dem neu gegründeten Verein geht es unter anderem um das eine Debatte um Recht am eigenen Bild und das Ende der Privatsphäre.

Die lebensgroßen Abbildungen der Passanten erscheinen für den uninformierten Passanten überraschend, an unscheinbaren Ecken, ohne Erklärung. Nach welchen Kriterien wählte Cirio seine Personen aus? Abhängig vom Ort, von den Farben, ihrer Stellung und der Umgebung im Raum, erläuterte er gegenüber dem Luxemburger Wort. Es war mir diesen Winter ein schönes Vergnügen, berufliche Gänge in die Innenstadt mit der Suche nach diesen Straßengeistern zu verbinden, zuletzt in der vergangenen Woche, als die Ausstellung schon beendet war und ein gutes Dutzend Silhouetten schon wieder entfernt worden waren. Ein Faltblatt zeigte Interessierten, wo sie zu suchen hatten.

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Neben diesem, wie ein Türsteher wirkenden Herrn neben dem Eingang des edlen Hotels Cravat gefiel mir vor allem der Herr am Schaufenster eines ähnlich edlen Antiquitätengeschäftes nahe der Place du théâtre, das jetzt allerdings durch die „Soldess“ etwas billig wirkte: Er schaut hinein, als wäre das aktuell, dabei wurde er hier vielleicht schon vor mehreren Jahren vom Google-Auto erwischt, als hier nur teure Ware zu sehen war.

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Paolo Cirio hat die Poster in Farbe auf dünnem Papier ausgedruckt, dann entlang der Silhouette ausgeschnitten und mit „wheatpaste“ (was immer das ist) aufgeklebt. Die Verpixelung der Gesichter stammt noch original von Google. Mir gefiel das besonders gut an einem meiner beliebtesten Cafés der Stadt, dem Interview: Die Frau habe ich mir beidseitig angeschaut.

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Die schönsten Interaktionen gab es freilich an der Post am Hamilius, wo ich von den bestehenden sechs Straßengeistern nur noch drei gefunden habe. einer Bettlerin dort war wohl gar nicht bewusst, was da hinter ihr auf der Wand klebte.

Street Ghosts in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Street Ghosts in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Street Ghosts in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Street Ghosts in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Einige Menschen haben sich in dieser Arbeit wieder erkannt. Manche seien auch wütend auf den Künstler, dass er sie durch Aufkleber reproduziere, erzählte Paolo Cirio dem Tageblatt: „Sich auf dem Bildschirm zu sehen, ist ganz anders als auf einer Wand“. Der Bildschirm sei eine andere Art von Realität und für die Leute nicht so greifbar. Sie seien sich nicht bewusst, dass sie auf Google Street View weltweit und auf einem Schaufenster in Luxemburg halt nur von den Menschen vor Ort zu sehen sind. Eine Wand sei in seinen Augen nicht so öffentlich wie das Internet.

Eine interessante, die Sehgewohnheiten verdrehende Sichtweise – wohlgemerkt in die de facto richtige Richtung, da muss ich ihm zustimmen. Cirio versteht seine Arbeit als „Impact Art“: Er möchte Diskussionen auslösen, die etwas bewirken. Ich bin mal sehr gespannt, ob und wie lange manche dieser Google-Geister bestehen bleiben. Sie wurden offenbar nicht vom Künstler in einer konzertierten Aktion abgelöst und entfernt, sondern nach dem 15. Januar von den Inhabern der Häuser (die zu fragen und zu überzeugen natürlich Teil des nicht einfachen Projekts war).

Mit dem Online-Giganten wurde das Projekt nicht abgesprochen: „Google hat die Menschen ja auch nicht vor dem Fotografieren um Erlaubnis gefragt“, so Cirio gegenüber dem Wort.

Verwendete Quellen: Bönner, Vera: Ende der Privatsphäre, Tageblatt, 18.10.2016; lb/mij: Geister auf Luxemburgs Straßen, Luxemburger Wort, 07.10.2016; Molitor, Simone: Straßengeister, Journal, 08.10.2016; Rolland, Marie-Laure: Lorsque la fiction rattrape le réel, Luxemburger Wort, 19.10.2016.

Mehr zum Projekt:

http://streetghosts.net

http://paolocirio.net/work/street-ghosts/

http://www.kunstverein.lu

Street Ghosts in Luxemburg © Ekkehart Schmidt

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