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Bar Mereb_Frankfurt/ Main

Januar 24, 2017

Unterwegs suche ich immer nach dem besonderen Café, der authentischen Kneipe oder etwas anderem, das sich seine ehrliche Ursprünglichkeit bewahrt hat. Ob in Saarbrücken-Burbach, Kairo oder jetzt bei einem Wochenendtrip nach Frankfurt. Unser Hotel Columbus war eine Enttäuschung: durchgestylt saniert. Stattdessen zogen mich äthiopische Schriftzeichen einer Bar schräg gegenüber  an der Kreuzung Otto- und Niddastraße im Hotelquartier anfangs des Gallus-Viertels nördlich des Hauptbahnhofs unwiderstehlich an. Beim Vorbeilaufen und beim Blick aus dem Hotelfenster wirkte das Eckhaus in den Augen meiner Frau einfach nur „abgefuckt“, alleine deshalb, weil der Hausbesitzer im Gegensatz zu den mehrheitlich frisch sanierten umgebenden Gebäuden hinter dem edlen Steigenberger Hotel keinerlei Aufwand zu betreiben schien, Grafittis zu beseitigen. Keine Frage, dass ich mir das angucken musste – ich habe dabei viel gelernt.

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Und dann diese billig grün gestrichene Tür… Vor allem wirkt der Kioskeingang rechterhand völlig herunter gekommen. Irgendwann war das mal ein Kiosk „Bei Camillo“ gewesen, jedenfalls schimmern Reste der Farbe des Schriftzugs auf der weißen, jetzt leeren Fläche zwischen den Colawerbelogos noch durch, wenn man sehr genau hinsieht. Oder hieß das ganze Lokal früher so? 2011 hing hier noch eine Leuchtwerbung von „Sky“, wohl vom Vorgängerlokal, wie auf einem Foto im Blog von ThomasMichael Josef Pianowski erkennbar ist. Dann die Vitrine mit der Speise- und Getränkekarte: Sehr nachlässig wirkend,  weil sich die Karte gewölbt hatte und hinter dem milchig gewordenen Glas mit seinen Grafittispuren (schon wieder grün) fast unleserlich geworden war. Mal ganz abgesehen davon, dass einem deutschen Kunden die Begriffe nichts sagten. Aber klar: Dies ist ein intimer Ort für Eingeweihte, bzw. Dazugehörige. Ein Nachtclub oder doch nur eine Teestube für Migranten?

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Interessant fand ich den Kontrast zwischen äußeren Zeichen eines Lokals von Migranten und sehr altdeutschen Symbolen, wie dem Schild der Aschaffenburger Heylands Brauerei, die seit mindestens 1792 existiert. Unter dem Schild findet man einen per Tesa auf das Türfenster geklebten Hinweis auf eine Veranstaltung der Eritreischen Katholischen Gemeinde in der Griesheimer Kirche St. Hedwig. Eritreisch?

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Als wir vorbei gingen, öffnete sich gerade die Tür und unser Blick fiel in eine sehr eigene grünlich gefärbte Welt mit ausschliesslich schwarzen Gästen. Jedenfalls war das offensichtlich ein Lokal, in das sich ein Einheimischer normalerweise nicht herein zu gehen trauen würde. Außer man ist schon drei Mal durch Äthiopien gereist und empfindet das Äußere weniger als „abgefuckt“, denn schlicht als als ökonomisch bedingte Schlichtheit der Präsentation: Der Inhaber hat keine paar Tausend Euro zur Verfügung, um in das Äußere zu investieren, zumal die Kundschaft nicht deswegen kommt, sondern weil sich hier einer der wenigen Treffpunkte von Landsleuten findet, an dem alle die Muttersprache sprechen und zudem die Sehnsucht nach heimatlicher Küche befriedigt werden kann.

Dazu passt auch das Plakat auf den Resten einer Telefonzelle linkerhand vom Eingang, in der auf einen Wettbewerb „Miss Habesha Germany“ hingewiesen wird. Mit „Habesha“ werden die mindestens 35 Millionen Angehörigen der semitischsprachigen Volksgruppen unter anderem der Amharen, Tigray/ Tigrinya und Tigre im äthiopischen Hochland bezeichnet. Es handelt sich um ähnliche Ethnien, die verschiedene, wenn auch verwandte Sprachen sprechen, eine gemeinsame Schrift benutzen und deren Küche auch im Wesentlichen identisch ist – die heute aber in den verfeindeten Staaten Äthiopien und Eritrea leben. Es heißt, der Name sei auch eine stolze Bezeichnung, durch die Unterschiede zwischen verschiedenen Stämmen verwischt werden sollen. Vor allem, weil er der Bezeichnung der Bevölkerung des Königreichs von Saba entspricht, wie sie im Alten Testament erwähnt wird.

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Natürlich bin ich in der ersten freien halben Stunde hinüber, fasziniert von diesem Grün, mit dem das Lokal gestrichen worden ist. Aber auch abenteuerlustig. Ich wurde nicht enttäuscht: Das sehr betagte Mobiliar des Vorgängers und die Holzvertäfelungen wurden übernommen, die Tische aber mit dieser so typischen Art von Plastikdecken chinesischer Produktion bedeckt, so dass ich mich tatsächlich fast wie in Addis Abeba fühlte – bis mir die Plakate mit Frauenporträts, Wasserfallbilder und andere touristische Wandschmuckgegenstände mit der Aufschrift „Eritrea“ ins Auge fielen.

Ah: Habesha. Jetzt verstand ich. Das Lokal ist eritreisch, ob man hier aber auch nationalistisch und Äthiopien feindselig gegenübersteht, jenem Land, von dem man sich in einem blutigen Bürgerkrieg löste, um in einer pseudokommunistischen Folterdiktatur zu landen, kann ich nicht beurteilen. Die Menschen hier wirkten nicht so, als wollten sie sich mit diesen Fragen noch beschäftigen. Wies sie wohl nach Frankfurt gekommen sind? Und wer weiß, was „Mereb“ als Name des Lokals bedeutet? Es existiert jedenfalls mindestens seit 2008.

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

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Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Der Inhaber liebt regenbogenfarbene Faltgirlanden und Bänder mit Lämpchen. Vom Hauptraum mit seinen zwei Flachbildschirmen, auf denen auf EriTV irgendwelche amerikanischen Filme laufen, deren Ton mit eritreischer Musik vom Band überspielt wird, gelangt man zum einen zum Notausgang am Kiosk mit Zigarettenautomat, zum anderen in einen Nebenraum mit Billardtisch, Tischfußball und zwei Videospielapparaten. Gegen 13 Uhr letzten Sonntag war es hier sehr ruhig.

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Ich habe mir zum Mittagessen das erste Mal seit 2012 wieder ein Injera bestellt, diese typischen großporigen, weichen und säuerlich schmeckenden Brotfladen aus Sauerteig, die man per Hand mit scharfen Fleisch- oder Gemüsesoßen isst. Angepasst an Deutschland gab es noch ein Häuflein Salat dazu. Der Inhaber, Misghina Weldu, bediente mich etwas zurückhaltend, wohl verwundert, dass ich hier einfach so hinein bin, hat mich aber wohl akzeptieren können, als ich nach Injera fragte und andeutete, die Region schon bereist zu haben.

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Für mich war das ein Déjà Vu, nahe des Nordausgangs des Frankfurter Hauptbahnhofs ein eritreisches Lokal zu entdecken, nachdem ich im August nahe des Südausgangs das Bistro Café Teme entdeckt hatte, das sich ebenfalls entgegen meiner Einschätzung als eritreisch entpuppte. Aber klar: Allein 2016 sind fast 19.000 eritreische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, von denen sicherlich viele Hundert in Frankfurt untergebracht sind.

Nach einem 30-jährigem Krieg erlangte Eritrea 1993 die Unabhängigkeit von Äthiopien. Die Bevölkerung setzte viel Hoffnung in die Unabhängigkeitsbewegung, die gegen die äthiopischen Truppen im Land gekämpft hatte. Man hoffte auf eine Demokratisierung, einen wirtschaftlichen Aufschwung, bessere Bildungschancen und Lebensbedingungen.  Die neuen Herrscher lösten davon jedoch nichts ein. Zahlreich sind die Menschenrechtsverletzungen. Oppositionelle werden in großer Zahl verhaftet, politische Gegner werden an geheimen Orten und ohne Kontakt zur Außenwelt inhaftiert, ohne jedes Strafverfahren. So heißt es jedenfalls.

Was den Namen des Lokals anging, fragte ich meinen Tischnachbarn, aber er konnte ihn mir nicht erklären. Er sprach es „Märäb“ aus. Also musste ich später googeln. Es dauerte eine Weile, bis ich auf den wahrscheinlichen Hintergrund stieß. So heißt zum einen in der Oper Aida Radames‘ pfiffiger nubischer Diener „Mereb“. Es gab aber auch einen König namens Mereb Melash und König Sauls älteste Tochter soll diesen Namen getragen haben. Jedenfalls scheint Mereb ein Wort aus der Tigrinja-Sprache zu sein. Die Tigrinja’s in Eritrea und Nord -Äthiopien sind traditionelle Bauern, welche sehr stark von der Orthodoxen Kirche geprägt sind. Es gibt aber auch eine Ebene namens „Mid-Mereb“. Am logischsten erscheint mir aber die Erklärung, dass das Lokal nach dem heutigen Grenzfluss zwischen Eritrea und Äthiopien benannt ist. Der 440 km lange Fluss ist der nördlichste der nach Nordwesten fließenden Flüsse im Hochland von Abessinien und bildet zwischen Badime und Rama/ Tserona, nördlich von Aksum, die Grenze. Als „Fluss in Eritrea mit vier bzw. sechs Buchstaben“ wird in Kreuzworträtseln öfters nach ihm bzw. seinem zweite Namen Gash gefragt. Es handelt sich um einen nur saisonal von Juni bis Oktober Wasser führenden Fluss, der im Sudan versickert. Es hat hier einige Kämpfe gegeben. Als Name für das Lokal wurde er entweder nationalistisch-abgrenzend, aber wohl eher traurig über die Historie der Trennung gewählt. Nehme ich jedenfalls an. Mehr dazu am Textende.

Abends gegen 21 Uhr bin ich noch einmal rüber, nicht ohne vorher das Äußere erst rechts, dann links des Haupteingangs zu fotografieren, fasziniert vom grünen Schummerlicht, das durch die Milchglasfenster schien. Manche Scheiben waren durch normales Glas ersetzt worden, von denen einige wiederum schwarz bemalt wurden, als wolle man wirklich nicht, dass jemand von außen hineinschaut.

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

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Abends war das Lokal brechend voll und – abgesehen von der Köchin, einer Kellnerin in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Lazy Days“ und zwei anderen Frauen in Begleitung – völlig männerdominiert. Es wird erzählt, sich unterhalten und dabei „Warsteiner“ oder „Becks“ getrunken. Ich bestellte einen Rotwein, der ähnlich wie damals in Äthiopien leicht nach Essig schmeckte, sodass  ich mich wieder wie dort fühlte – wenngleich er aus Italien war.

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Die Barhocker an der Theke bieten mit ihren weißen Überzügen einen „edlen“ Bereich für anspruchsvollere Kunden. Hinter der Rancilio-Espressomaschine ist die Bar bläulich angestrahlt.

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

Das Injera kostete mit Espresso immerhin 8,50 EUR. Man kann in Frankfurt auch anderswo eritreisch (oder äthiopisch) essen, zum Beispiel nebenan in der Niddastraße im „Mosob Restaurant“, nicht weit entfernt im Bahnhofsviertel bei „Im Herzen Afrikas“ oder jenseits der Altstadt im „Savanna“, aber dies sind alles eher folkloristisch gestylte Lokale für Nicht-Eritreer.

Nachtrag vom 13. April 2017:

Ich habe noch einmal zum Mereb recherchiert. Im Mai 1998 gab es kriegerische Auseinandersetzungen im Gebiet von Badme, wo die 1902 festgelegte koloniale Grenze vom Mereb aus schnurgerade in südwestliche Richtung zum Fluss Tekeze verläuft. Die äthiopische Regierung, das heißt eigentlich der nördlichste Gliedstaat Tigre, beansprucht ein etwa 100 km langes und 10 bis 30 km breites Gebiet jenseits dieser Linie. Schon 1976, 1981 und ab 1991 gab es hier Kriege zwishen der Eritreischen Befreiungsfront und der Tigreischen Volksbefreiungsfront, deren letzterer zur Auflösung der Währungsunion beider Länder geführt hatte.

Adresse: Niddastr. 85, 60329 Frankfurt/ Main, Tel.: 069 230093, geöffnet ab 10 Uhr

Verwendete Quellen: Péninou, Jean-Louis: Äthiopien und Eritrea – Die Auflösung der Währungsunion und ihre Folgen. Alte Waffenbrüder bekriegen einander, in: Le monde diplomatique, Juli 1998, S. 5; derselbe: Mäandernde Grenzen, ebenda; Wikipedia-Artikel „Mareb„, altes Foto auf Pianowski.wordpress, mehr zum Restaurant „Im Herzen Afrikas“ und zum Restaurant „Savanna

Bar Mereb_Frankfurt/ Main © Ekkehart Schmidt

4 Kommentare
  1. Eine kleine Männerwelt….

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  1. Bistro & Café Teme_Frankfurt/ Main | akihart
  2. Hotel Columbus_Frankfurt/Main | akihart

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