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Weinherstellung im Iran

Januar 6, 2017

Iran und Wein? Das sind doch zwei Wörter, die seit 37 Jahren miteinander völlig inkompatibel sind, oder? Natürlich glaubt man, dass hier die legendäre Shiraz- oder auch Syrah-Edelrebe entstand. Und weiß vielleicht, dass Dichter wie Omar Khayyam (1048-1131) den Wein und die Liebe besungen haben. Aber seit der islamischen Revolution 1979 besteht doch ein rigides Alkoholverbot? Bei Verstößen drohen Peitschenhiebe oder gar die Todesstrafe – es sei denn, man ist armenischer Priester und benötigt Wein zu kultischen Zwecken. Wein darf offiziell nur zur Herstellung von Rosinen kultiviert werden. Ja, alles richtig.

Und dennoch wird privat (niemals, nie, nie öffentlich), überall Alkohol konsumiert (geschmuggelt aus Dubai), aber auch produziert, wie ich bei meinen letzten Besuchen im Frühjahr 2013 und im Sommer 2016 feststellte. Gemäß mancher Schätzungen wird im Iran besonders viel Alkohol getrunken, selbst im Vergleich mit westlichen Staaten. Kann das sein? Statistiken der Weltgesundheitsorganisation bestätigen das nicht. Aber es könnte insoweit stimmen, als ich den Erzählungen verschiedener, mir gut bekannter Personen trauen kann, die mir dazu nicht nur bereitwillig Auskunft gaben, sondern mir immer von sich aus, mit gewissem Stolz, Bier, Wein oder Raki anboten und davon erzählten, wie sie diese Getränke heimlich herstellen und auch illegal zu Partys transportieren.

Genau genommen, ist das gar nicht so erstaunlich in einem Land, dessen Mittel- und Oberschicht seit einem halben Jahrhundert an sehr westliche Konsumgewohnheiten gewöhnt ist. Was braucht man denn auch, um Wein herzustellen? Einen von außen nicht einsehbaren Garten, Verkäufer von Weinreben, Wasser, Sonne und Flaschen. Neben dem Know-How natürlich, dass man sich im Internetzeitalter auch im Iran über Youtube-Videos aneignen kann.

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Im Februar 2013 waren wir bei Verwandten in einer Kleinstadt in der Provinz Kerman zu Besuch, wo ein ehemaliger Bankdirektor nach seiner Pensionierung begonnen hat, ein der Familie gehörendes Grundstück neu zu bearbeiten. Vor allem mit Obstbäumen. In einem Teilbereich von etwa 40 qm aber auch mit Weinpflanzen. Zufällig galt es zur Zeit unseres Besuches, die gut 60 jungen Reben zu wässern und anschließend anzupflanzen. Drei Jahre später konnte ich das Ergebnis probieren (Fotos oben).

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Neben der Möglichkeit, selber Wein anzupflanzen, kann man in der Erntezeit auch im Großhandel Weintrauben in großen Mengen kaufen, sich dabei sogar beraten lassen in Hinblick auf die Eignung zur Weinherstellung. Es ist keineswegs so, dass es verdächtig ist, mehr als 5 Kilo Weintrauben zu kaufen. Es ist nicht verdächtig, sondern klar, was damit gemacht wird. Aber man braucht seit einigen Jahren offenbar keine Angst vor Kontrollen mehr zu haben. Ein Weinproduzent erzählte mir, er würde im September immer gut 200 Kilo Weintrauben kaufen und zu Hause verarbeiten.

Das Produkt, in Flaschen abgefüllt, aber nicht verkorkt, wird dann unter der Spüle, im Gartenhäuschen oder an anderen unauffälligen Orten gelagert. Würde jemand gezielt suchen, wären die Verstecke freilich zu simpel. Aber davor scheint man in diesen Jahren keine Angst mehr haben zu müssen. Jedenfalls in der Provinz Kerman.

Für meinen relativ verwöhnten Gaumen war dieser Wein akzeptabel, aber mehr auch nicht. Gleichwohl erstaunlich gut als Eigenproduktion.

Was die hochwertige, aber nicht sehr ertragreiche Rebe Shiraz/ Syrah angeht, vermutete man ihren Ursprung tatsächlich in der Stadt Schiraz im alten Persien. Vor allem in den USA oder Australien wird für Syrah das Synonym „Shiraz“ verwendet. Es gibt sogar eine Geschichte von einem Mann namens Jaboulet Ainées Chevalier de Stérimberg, der im 13. Jahrhundert als Kreuzritter gen Osten zog und schließlich eine persische Rebsorte nach Frankreich in das Rhône-Tal brachte, die dort später Syrah heißen würde, weil sie aus der Stadt Shiraz stammt, in der schon seit Jahrhunderten Wein angebaut wurde. Andere Quellen vermuten Verbindungen zu Syrakus in Sizilien. Beides scheinen jedoch Legenden zu sein.

Bereits im Jahr 1998 haben Forscher mit DNA-Analysen herausgefunden, dass Syrah ein Nachkomme der heute nicht mehr sehr oft angebauten Rebsorten Dureza und Mondeue Blanche ist. Erstere wird gelegentlich noch in der Ardèche (französisches Rhonetal) angebaut, letztere in Savoyen und Bugey. Jedenfalls in Frankreich. Von dort gelangte die Traube Syrah nach Australien und wandelte ihren Namen in Shiraz.

Verwendete Quellen: Keller, Peter: Woher stammt die Rebsorte Syrah? Neue Züricher Zeitung, 07.08.2012; Weinbilly: Syrah oder Shiraz: So gleich und doch verschieden, 18.05.2013

Weinherstellung im Iran © Ekkehart Schmidt

From → Anders leben, Iran

3 Kommentare
  1. Danke für die sehr interessanten Zeilen. Wieder kann man sehen, dass gute Tradition unverwüstlich scheint … 😉

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