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Mambo Café_Luxemburg

Januar 3, 2017

An diesem Eckhaus in der Route de Thionville bin ich jetzt auch schon hundert Mal auf dem Weg zur Arbeit vorbeigefahren, seitdem ich vergangenen Frühjahr alle authentischen Cafés und Restaurants der Straße besucht und hier beschrieben hatte. Das Lokal war damals geschlossen, eröffnete dann aber im Sommer wieder, ohne dass der Name geändert wurde. Heute bin ich also los, um zu schauen, was sich hinter dem interessanten Namen „Mambo Café“ verbirgt.

Bei dem Wort „Mambo“ denkt man an den Musikstil, der sich nach 1930 in Kuba entwickelt hat – und den dazugehörigen Tanz, der parallel zur Musik entstand. Wikipedia weiss, dass das vermutlich kreolische Wort ursprünglich ein „religiöses Gespräch“ (insbesondere ein Gebet) oder eine heilige Handlung bezeichnete und aus dem afrikanisch geprägten Teil Kubas stammt. Ein Tanzcafé konnte ich mir hier aber beim besten Willen nicht vorstellen, eher wirkte das Lokal wie eine sehr billige Kneipe.

Die Bedienung spricht, wie die vier Gäste, die ich heute mittag mitbekam, Portugiesisch. An Kuba erinnert nichts, sieht man einmal von der Palmentapete ab. Das dafür benutzte Foto hätte aber überall in den Tropen aufgenommen werden können. Als ich nachfrage, erklärt sie mir, dass sie den Namen der Kneipe auf Wunsch der sie beliefernde Brauerei nicht hat ändern sollen (oder dürfen). So behielt sie ihn bei. Außerdem  würde sie die Kneipe ja sowieso nur bis 2018 existieren, weil das Haus danach abgerissen würde. „Oh“, wundere ich mich und frage nach, ob etwa all die gut hundertjährigen Häuser hier abgerissen werden sollen, wie schon vor einiger Zeit etwas weiter stadteinwärts geschehen? Ja, tatsächlich. Auch die in der hier einmündenden rue de Houffalize, die zum ehemaligen Bahnhausbesserungswerk führt. Jedenfalls nach ihren Informationen.

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Jetzt verstehe ich, wieso die früher von mir besuchten Lokale De Jangeli und Coin vert nebenan schon so merkwürdig tot wirken. Es sind in dieser Ausfallstraße der Boomtown Luxemburg, die auf dieser Straßenseite von großen Autohäuser dominiert wird, Kneipenzombies, dem Tode geweiht, mit schlechtem Karma und also auch wenig besucht, weshalb kaum investiert wird, etcetera. Neben der Spekulation mit Altbauten, deren Grundstückspreise enorm gestiegen sind, fiel zudem die wohl wichtigste Klientel solcher Eckkneipen weg: portugiesische und luxemburgische Arbeiter, die früher hier im Viertel noch Beschäftigung fanden, nun aber anderswo arbeiten.

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Die Innenausstattung des von der Argus Sàrl geführten Kneipe besteht aus zwei großen TV-Flachbildschirmen, auf denen zwei unterschiedliche portugiesische Sender laufen, zwei Internet-Glücksspielautomaten, einem – in Luxemburg seltenen – Zigarettenautomaten und einem dieser typischen hochformatigen Getränkekühlschränken. Zwar wurde den zwei Herren in der Ecke rechts von mir ein Essen serviert, als ich aber nachfrage, erklärt mir die Wirtin, dass sie nur ausnahmsweise für den Bruder ihres Kompagnons und dessen Freund gekocht habe. Sie sagt dies so freundlich-entschuldigend, sich mir zuneigend, dass ich fast schon damit rechne, tröstend in den Arm genommen zu werden. Dabei hatte ich mir – dies ahnend – im Büro schon zwei Brötchen geschmiert und unterwegs gegessen. Es gibt also nur einen (guten) Espresso für 1,70 Euro. Aber wahrscheinlich ist hier sowieso abends mehr los, wie einige Fotos von Manuela Rodrigues vom August 2016 auf Google Maps ahnen lassen:

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Aber wirklich lustig wirkt das auch nicht. Danach laufe ich noch einmal diese dem Tode geweihte Häuserreihe ab und wundere mich wieder einmal, wie nachlässig man in der Stadt mit dem architektonischen Erbe und der städtebaulichen Identität umgeht, solche Abrisse zu genehmigen, um gesichtslose Immobilieninvestitionsbauten zu ermöglichen.

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Einige Tage nach meinem Besuch wurde das Café im Zusammenhang mit dem Tod von Ana Lopes, einer jungen portugiesischstämmigen Kinderpflegerin, in den Medien erwähnt. Sie wohnte nebenan und ihre Familie gehörte zu den Stammgästen.

Adresse: 142 Rue de Thionville L-2610 Luxembourg

Quelle der Fotos der Thekerinnen: Google Maps

Mambo Café_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

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  1. Die buntesten Ecken Luxemburgs | akihart

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