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Boulangerie logique_Luxembourg

Dezember 31, 2016

Ich werd noch nicht ganz schlau draus, was Christel und Philippe Calon 1975 hier im Luxemburger Bahnhofsviertel geschaffen haben. Etwas ungewöhnliches, abstrus authentisches jedenfalls, das mir erstmals 2008 bei einer Übernachtung in der Auberge de Reims gegenüber aufgefallen war, an dem ich später ein Dutzend Mal ins Schaufenster geguckt und das ich drei bis vier Mal betreten habe – wobei ich jedes Mal derart in ein längeres Gespräch verwickelt wurde, dass es sich so anfühlte, als wäre ich der erste Kunde seit Tagen. Zunächst fand ich es witzig, dass da in merkwürdiger Logik eine ehemalige Bio-Bäckerei nun zu einer logischen Bäckerei wurde (von „biologique“ zu „logique“), aber weiterhin eine Bäckerei in handwerklicher Tradition geblieben ist: eine Boulangerie Artisanale, die über Brot, Brötchen und pain au chocolat  hinaus auch Konditoreiwaren, diätetische Lebensmittel und koschere Produkte anbietet, äußerlich aber wie eine Kunstgalerie eines überspannten, mißverstandenen Außenseiters wirkt, in die einzutreten schon etwas Mut erfordert.

Möglicherweise hat sich das in den vergangenen 41 Jahren aus einer „normalen“ Bäckerei erst so entwickelt. Schließlich gab es allein in den letzten acht Jahren ständige Veränderungen des Schaufensters, in welchem die Kunst und nicht das Brot in den Vordergrund gerückt wird. Das müsste ich noch erkunden.

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Die „Boulangerie logique Philippe“ ist zum einen einer von sechs koscheren Geschäften in Luxemburg:  Eine Bäckerei, in deren rückwärtigen Räumen Philippe Calon früh morgens am Ofen steht, die aber auch koscheren Käse, Milchprodukte, Hummus, Tahina, Wein und eine Art rituell verwendetem Knäckebrot für Pesach und andere Feste verkauft. Zudem wird die lokale Synagoge von ihnen mit Chalot versorgt, was immer das ist. Zum anderen ist sie eine Kunstgalerie, an deren Wänden bei meinem letzten Besuch Schwarzweiß-Fotos der Helden der kubanischen Revolution und eher kitschige Ölgemälde kubanischer Künstler hängen. Dazwischen Stapel von Hüten, die Philippe Calon zu sammeln begonnen hat, Druckerzeugnisse seiner literarischen Produktion und manches mehr, das einem das Gefühl gibt, hier irgendwie in eine Wohnung geraten zu sein. An einem Tag, an dem ich mal wieder in der Auberge de Reims übernachtet habe, es dort aber in Abwesenheit des Hausherrn kein Frühstück gab, erzählt er mir zu den Hüten, dass er schon ein halbes Dutzend habe, unter anderem zeigt er mir einen aus Kuba und einen aus der Türkei.

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Ich werde gefragt, ob ich mein pain au chocolat heiß oder kalt wolle, wobei gleich erklärt wird, dass man sie lieber nicht frisch aus dem Ofen nehmen solle. Seine Frau pflichtet ihm bei: Sie vertrage das auch nicht. Also nehme ich eins vom Vortag. Es zum Kaffee zu essen ist schwierig: Philippe, der 1942 in Tourcoing/ Frankreich geboren wurde, erzählt gerne und viel, wenn ein Zuhörer da ist. Er müsse sich selber immer bremsen, sagt er. Oder seine Frau macht das für ihn. Beim nächsten Besuch lasse ich mir jedenfalls einfach das Gebäck einpacken und esse es im Büro nahebei.

Im Zusammenhang mit seiner literarischen Produktion finde ich online im Luxemburger Autorenlexikon eine Kurzbiografie: Philippe Calon besuchte von 1951 bis 1956 die Grundschule der Jesuiten im französischen Roubaix, dann das Gymnasium der Maristen in Estaires und legte 1968 in Luxemburg sein Diplom als Konditormeister ab und dann seine Bäckerei mit angeschlossener Kunstgalerie Painture zu betreiben begann. Eins seiner Bücher ist Mon vieux moulin (2004), ein historischer Kurzroman, dessen Handlung sich von der napoleonischen Ära bis zum Ende des 20. Jahrhunderts erstreckt und dabei Familiengeschichten einfügt. Das Buch ist mit schwarzweißen Fotografien von Lux Ewen illustriert. Eine andere Publikation, Les Contes de Aroche Pelly, enthält Beschreibungen von Gebäuden und öffentlichen Plätzen in Havana und vermittelt kubanische Reiseeindrücke. Es wurde illustriert von Arnold Wajnberg. Die spanische Übersetzung Cuentos Cubanos von Ana Laura Miranda, illustriert von Alicia Leal, (La Habana, 2011) wurde anlässlich des 20. Bücherfests 2011 in Havanna vorgestellt. So heisst es online. Ich habe freilich nicht ganz verstanden, ob seine Frau Kubanerin ist und er sich deshalb viel mit der Insel beschäftigt hat, oder ob beide seit Jahren derart von der Insel begeistert sind, dass sie hier immer wieder kubanische Künstler ausstellen, zuletzt des naiven Malers Pelly Aroche.

Bei einem anderen Besuch mittags begegne ich dem autistischen Sohn von etwa 15 Jahren, der mich sofort begeistert anspricht, nachdem er von einem Kleinbus aus einer Einrichtung  gebracht wurde. Er verbringt seine Nachmittage in der großen Verkaufsstube, die mit Sesseln und Sofas wirklich wie der ständige Aufenthaltsraum der Familie wirkt. Das spürt man wohl auch von außen, woher dieses anfangs empfundene Unbehagen rührte, hier einzutreten.

Im Herbst 2017 ist die mittlere Scheibe bemalt worden:

Boulangerie logique_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Adresse: 3 Rue de Reims, L-2417 Luxembourg, Tel.: 48 38 86, Homepage

Boulangerie logique_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

2 Kommentare
  1. Lieber Ekkehart, bin grade auf deinen Artikel über Herr Calon gestoßen. Muss unbedingt mal in der Rue de Reims vorbeischauen. Als Kind besaß das Ehepaar Calon (auch?) einen Laden in der Rue de la Boucherie in der Innenstadt. Als ich an schulfreien Nachmittagen mit meiner Mutter in die Stadt (musste), gab es als Belohnung dort ein Pita-Brötchen mit Tuna. Herr Calon hat mir dann immer Geschichten von Kuba erzählt und Bilder von Che dazu gezeigt. Ich war wohl so begeistert und interessiert, dass er mir irgendwann den Bilderband schenkte… bis heute hat dieses Buch einen prominenten Platz in meinem Bücherregal.

Trackbacks & Pingbacks

  1. Auberge de Reims | akihart

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