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Gasthaus Lugenbiel_Walsheim

Dezember 6, 2016

Da fehlt irgendetwas an diesem merkwürdigen Namen, war am vergangenen Samstag mein erster Gedanke. Ein Umlaut? Nein: Ein „h“, lernte ich später. Aber der Reihe nach: Wir waren umständlich per Bus 2,5 Stunden nach Walsheim im Bliesgau gefahren, weil meine Frau dort auf dem Adventsmarkt der Behinderteneinrichtung „Haus Sonne“ selbst genähte Kindermützen verkaufte. 2,5 Stunden, weil die Umsteigeverbindung in Assweiler nur alle zwei Stunden besteht, was ich übersehen hatte. Nun: So entdeckten wir dort einen Bauernhof mit 60 Kühen im Stall und durften mitten hinein – eine pädagogische Steilvorlage für Eltern von Kleinkindern, die jeden Tag Bliesgau-Biomilch trinken… Es wurde zwar nur gefüttert, aber heutzutage kann man dann ja abends ein kindgerechtes Kurz-Video googeln, in dem das Melken erklärt wird.

In Walsheim, einer Ortschaft mit 1000 Einwohnern und mehreren hundert Kühen, Schafen und Pferden, sind wir dann auch in einem Kuhstall gelandet. Aber mittlerweile gebe es hier fast schon mehr Pferde als Kühe im Ort, das sei grad im Trend, sagte man mir im Gasthaus „Lugenbiel“, als ich für eine halbe Stunde keine Kinderbetreuungspflichten hatte und alleine einen Blick in dieses viel versprechende Lokal werfen wollte, das sich 50 m oberhalb vom „Haus Sonne“ an der Ecke zur Hauptstraße befindet. Wir waren an der Theke auf das Thema gekommen, weil dort ein handgeschriebenes Blatt über dem Hocker ganz rechts prangte: „Rastplatz Doodes Perd“. Der Herr ganz rechts war keinesfalls pikiert, als ich ihn fragte, ob er ein totes Pferd sei. Ein anderer erklärte die dahinter stehende Anekdote von einer Bank zwischen zwei Weiden am Ortsausgang, auf der man sich ausruhen könne, wenn man alt oder einfach nur müde sei. Humorige Leute.

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim (c) Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel Walsheim

Ein Foto von 1955, das ich später im Internet gefunden habe, zeigt den damaligen Zustand des Gebäudes. Am Nummernschild des Autos erkennt man, dass die Region damals französisch verwaltet wurde. Bei einer späteren Sanierung hat man den oberen Teil des Gebäudes mit Schieferziegeln verkleidet, was stilistisch hier nicht wirklich üblich war, nehme ich an. Damals befand sich in den Räumen linkerhand des Eingangs zum Lokal eine Metzgerei. Heute schaut man dort im Schaufenster auf Aquarelle einer Künstlerin, die dort aber keineswegs ihr Atelier hat. Dort sei die Küche des Lokals, erklärt mir später Jörg Lugenbiel, der mit seiner Frau „Biene“ das Lokal betreibt, er habe die Gemälde ins Schaufenster platziert, weil er zu faul gewesen sein, es anders zu dekorieren, wie er sagte. Aber das macht sich auch gut mit den Kürbissen auf der Bank davor. Das entspricht dem schon viel zu lange modischen Landhausstil, der einer Sehnsucht nach verlorenen Zeiten Ausdruck gibt. Hier aber ist der Kontrast zwischen äußerem Anschein und innerer Präsentation des Lokals ziemlich frappierend. Und das liegt nicht nur daran, dass die Sommersaison vorbei ist.

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Man merkt es schon beim Betreten des Vorraums mit seiner Billig-Weihnachtsdeko aus dem Discounter. Und es setzt sich in der Schankstube fort.

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Ich hatte mich abseits an einen der Tische gesetzt und bekam nach dem ersten Smalltalk zu hören, ob ich nicht am Tresen sitzen wolle, weil dort nur Bier getrunken werde? Ich versuchte mich zu entschuldigen, ohne preis zugeben, dass ich so ja viel besser unbeobachtet das Lokal fotografieren kann. Aber ich kam mehrmals mit Fragen zurück zu den fünf Männern rund um den Weihnachtsmann – und die alte Dame im roten Kostüm, bei der es sich offenbar um Oma Lugenbiel handelte. Was es mit dem ungewöhnlichen Namen auf sich habe? Kaum hatte ich das gefragt, holte einer der Gäste ein Familienbuch und erzählte von einer Familie aus der Schweiz, die hier vor vielen Jahrhunderten zugewandert sei. Vom ursprünglichen Namen Lugenbiehl oder auch Luginbühl und Luginbiehl sei irgendwann das „h“ weggefallen, wurde mir erklärt. Der Wirt und seine Mutter waren gar nicht am Tresen, weil er noch duschen wollte, ehe einen eigenen Stand beim Adventsbasar betreuen wollte, die Stammtischbrüder benutzten dennoch den Begriff „wir“, als gehörten sie zur Familie.

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Die Einrichtung ist von Tischen und Stühlen über den Tresen bis hin zu „Christel’s Sparclub stilistisch einheitlich geblieben: Ist das Eiche rustikal? Allerdings hat dann jemand moderne Ikea-Lampen eingefügt und vom Discounter Deko besorgt, was sich ziemlich derbe beißt. Egal. Mich zogen die alten Fotos in der Ecke am Fenster an, vor allem eine Vergrößerung einer Postkarte, die eine ehedem hier ansässige Brauerei zeigt, die für dieses kleine Dorf geradezu überdimensioniert groß wirkt. Ob es da eine Verbindung zur Gaststätte gibt?

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

Ich finde da tatsächlich das zweite interessante Thema neben der Zuwanderung aus der Schweiz, als ich nach der „Bayerischen Brauereigesellschaft vorm. Schmidt& Guttenberger Walsheim“ frage: Ob sich diese imposante Gebäudegruppe wirklich hier im Dorf befunden habe? Ja. Die Brauerei, deren Ursprünge auf das Jahr 1848 zurückgehen, sei in den 1920er- und 30er-Jahren sehr bedeutsam gewesen. Nicht nur, dass sie wohl der wichtigste Arbeitgeber der Region war und viele Arbeitskräfte anzog, sondern dass sogar bis nach Amerika, Südafrika und französische Kolonien wie das heutige Vietnam exportiert worden sei, erfahre ich. Ab 1924 hieß sie Walsheim Brauerei A.G. Damals benötigte man übrigens viele Pferde für die Bierkutschen, die in alle Himmelsrichtungen fuhren. Mit der Machtübernahme der Nazis sei es dann bergab gegangen. Karin Mayer von SR3 hat recherchiert, dass das Unternehmen eine Aktiengesellschaft gewesen ist und deren wichtigster Aktionär, ein Heidelberger Bauunternehmer, nach und nach sein Kapital abgezogen habe. Die Folge seit der Konkurs im Jahre 1935 gewesen. Mir wird hier allerdings erzählt, dass der Eigentümer Hans Kanter Jude gewesen sei, dem das Leben zunehmend schwer gemacht worden sei, bis er enteignet worden sei. Die Brauerei sei gezielt in den Konkurs getrieben worden. Und ich erfahre, dass der Brauereigründer Friedrich Christian Schmidt nach seiner Walz als Brauereigeselle in Frankreich in den Jahren 1830 bis 1840 in Walsheim einheiratete – er ehelichte 1840 eine gewisse Elisabeth Maria Lugenbiel.

Die Brauerei wurde abgerissen – bis auf den Brauereikeller, in dessen Gewölbekeller sich jetzt eine von vier Gastronomien des Dorfes befindet (u.a. das Hofstübchen), sowie den Eisweiher, in dem früher die Fässer gekühlt wurden, das allerdings 1974 durch ein Freibad ersetzt wurde. Die Markenrechte der Brauerei erwarb die Karlsberg-Brauerei, die noch lange in Frankreich ein Bier namens „Walsheim“ vertrieb. Größter Arbeitgeber in Walsheim ist heute das eingangs erwähnte „Haus Sonne„, eine Heil- und Erziehungsanstalt für behinderte Menschen. Ferner gibt es noch zwei Vollerwerbsbauernhöfe, eine Töpferei, eine große Imkerei, eine Sensenwerkstatt sowie ein Hochbaufachbetrieb, ein Dachdeckerunternehmen, eine Schreinerei und einen Forstbetrieb.

Mitten im Ort, 80 m vom Gasthaus Lugenbiel entfernt, findet sich auf dem Hauptplatz ferner der so genannte Duppstein. Das ist ein zwei bis drei Meter langer dunkelgrauer Fels mit undefinierbarer Form. Obwohl er ganz unscheinbar aussieht, handelt es sich um eine geologische Besonderheit: Er ist ein Muschelkalkgestein, das erst vor 10.000 Jahren entstanden ist, womit er sich von der geologischen Umgebung, die mindestens 200 Millionen Jahre alt ist, deutlich unterscheidet.

Gasthaus Lugenbiel Walsheim

„De Lugge“, wie das Lokal auch genannt wird, ist tatsächlich auch Restaurant und Hotel, auch wenn das jetzt außerhalb der Saison nicht so wirkt, wenn sich die Einheimischen das Lokal zurück erobert haben. Samstags gibt es immer  „Friehschobbe“. Und dann natürlich Anlässe wie der „Tanz in den Mai“, in denen man sich nahe kommen kann. Im Oktober ist Kerb – und da scheint es auch hoch her zu gehen, wie ein auf der Facebook-Seite des Lokal gepostetes Video zeigt.

„De Lugge“, der Duppstein und die Brauerei: Drei schöne Anlässe für Recherchen und „Tiefenbohrungen“ in die Historie, die ich hier in der Tiefe des Saarpfalz-Kreises nicht unbedingt erwartet hätte.

Adresse: Pirminiusstr. 10, 66453 Walsheim, Tel.: 06843-488

Verwendete Quellen: Gieseler, Albert: Bayerische Brauerei-Gesellschaft vorm. Schmidt & Guttenberger; Mayer, Karin: Walsheim: Sommer, Sonne, Campingplatz und Spuren einer Brauerei. In: SR3, Treffpunkt Ü-Wagen, Saarbrücken 2005; Wikipedia-Artikel Walsheim (Gersheim) und Walsheim-Brauerei.

Gasthaus Lugenbiel_Walsheim © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Hotels, SaarLorLux

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  1. Zum Hofstübchen_Walsheim | akihart

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