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Jürgen Blenck: „Kairo ist wie Köln“

November 24, 2016

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Ohne seine Impulse hätte ich diesen Blog nie begonnen. Sondern weiter davon geträumt, mein Kairo-Buch zu schreiben und es doch nie zustande gebracht. Er schaute immer „von oben“ und „vom Ursprung her“ auf Städte und Regionen wie Köln, Kapstadt, Kuba oder Kairo, arbeitete bei Exkursionen die sich hinter spezifischen geografischen Phänomenen verbergenden Begründungszusammenhänge heraus, machte dann aber auch gerne – bevorzugt an den unscheinbarsten Standorten – so genannte „Tiefenbohrungen“, bei denen man die großen Zusammenhänge ganz konkret und erst durch seine Erläuterungen, sehen und erfahren konnte. Meist ging es da um fast banal offensichtliche Themen, die nur auf den zweiten Blick erkennbar sind. Oder besser gesagt durch einen wissenden Blick, der einem Zuhörer seiner Ausführungen derart die Augen öffnete, dass ihm an der Färbung einer Mauer, dem Standort eines ungewöhnlichen Geschäftes, seiner angebotenen Ware, der Ausrichtung eines Gebäudes oder der Besucherstruktur eines Cafés jahrtausendealte Dynamiken und Entwicklungen der Stadtgeschichte sichtbar wurden.

So habe ich angefangen, nicht nur diese Exkursionstage als Stadtrundgänge zu beschreiben, sondern auch einzelne Cafés, Restaurants und Hotels in Kairo im Detail zu beobachten und mit Blick auf ihr Besonderes zu fotografieren. 2012 zum Beispiel das Café Simonds, in dem wir Assistenten – neben mir auch Hannah Scharlau, Martina Nies und Meike Schiek – uns nach Abschluss jedes zweiten Exkursionstages in Kairo zum Chill out mit ihm trafen. Oder das Café Slovenija, das Kosheri-Lokal an der Zitadelle und das Café am Baum an denen wir Mittagspause gemacht haben. Später begann ich das dann auch hier an meinem Wohnort Saarbrücken und meinem Arbeitsort Luxemburg und so entwickelte sich der Blog von Kairo heraus in alle Himmelsrichtungen mit bald 600 Texten. Kairo war aber der Anfang.

2006 hatte ich an einer Tagung der GTZ (heute giz) in Stuttgart teilgenommen, bei der es um Stadtentwicklungsprojekte in Kairo ging. Es waren 14 Jahre vergangen, seitdem ich an der Universität zu Köln meine Diplomarbeit über die Dynamik der Stadtentwicklung der ägyptischen Hauptstadt fertig gestellt hatte und es dürstete mich nach Anerkennung für die dabei geleistete Forschungsarbeit. Ich betrat den Vortragsraum und setzte mich neben einen weißhaarigen Herrn, den ich da erstmals in seinem Outfit erlebte, das sich im folgenden Jahrzehnt nie mehr ändern sollte: Blue Jeans und blauer Pollunder über blau-weiß gestreiftem edlem Hemd. Ich nutzte die sich 2 – 3 Mal ergebende Gelegenheit, „kluge“ Fragen zu stellen, die allen Anwesenden demonstrieren sollten, dass hier ein echter Kenner sitzt und beeindruckte damit wohl den Herrn neben mir, der mich nach der Veranstaltung ansprach. Er sei Dozent der Ruhr Universität Bochum (RUB) und plane eine erste Kairo-Exkursion. Ob ich mir vorstellen könnte, ihn dabei fachlich zu unterstützen? Diese Frage war die schönste Anerkennung, die ich seit Jahren erfahren hatte.

Trotz mancher beruflicher Erfolge im Bereich der Forschung und Öffentlichkeitsarbeit zu Fragen der Migration und Integration hatte es in mir genagt, mein Kairo-Wissen nicht anwenden oder weitergeben zu können. Ich sagte sofort zu und erlebte, wie er sich meine Diplomarbeit besorgte, en détail studierte und ein paar Monate später, im Februar 2007, flogen wir mit gut 15 Studierenden an den Nil. Und schon standen wir vor der Moschee von Ibn Tulun. Das erste Mal. Die Fotos unten zeigen das vierte und letzte Mal 2013. Es ging darum, die Verlagerungen der ägyptischen Hauptstadt von Memphis über Bab el-On, Fustat über Al Qatai, der Residenz der Tuluniden, immer weiter in nordöstlicher Richtung bis nach Al Qahira zu erklären: Dem Thema des nächsten Tages der 14tägigen Exkursionen, erläutert anhand einer historischen Karte aus der Zeit der napoleonischen Eroberung.

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Jürgen Blenck wurde als ältestes von drei Kinder am 2. März 1938 in Brzeg (dtsch.: Brieg) in Niederschlesien an der Oder geboren, das damals zum Deutschen Reich gehörte, heute zu Polen. Nach dem zweiten Weltkrieg flüchtete die Familie nach Friedberg in die Bundesrepublik. Eckehard, ein Bruder von Jürgen, wurde – wie er – stark vom Zeitgeist geprägt, viele konventionelle Wahrheiten der alten Bundesrepublik der Wirtschaftswunderjahre ganz grundlegend zu hinterfragen und sich einzumischen. Radikaler als Jürgen, der in Heidelberg Geographie studierte.

Während Eckehard Anfang der 1970er-Jahre in Kontakt mit der RAF kam und 1974 als Mitglied des Heidelberger Sozialistischen Patientenkollektiv in einem Amsterdamer Unterschlupf festgenommen wurde, wie DIE ZEIT und der SPIEGEL berichteten, schrieb Jürgen 1971 seine Doktorarbeit über landwirtschaftliche „Sonderkulturen“ auf der Insel Reichenau (mit einer mutigen These, die sich als falsch erwies, wie man im Südkurier 2015 nachlesen kann) und begann dann seine Universitätskarriere an der RUB. Da eckte er wohl auch mit progressiven Ideen und Forschungsthemen an, wodurch er wohl bei den institutsinternen Richtungsstreitigkeiten der eher konservativen Geographen in die Minderheitenecke geriet, was vielleicht der Grund war, weshalb ihm die Professorenkarriere versagt blieb. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er Opfer der Sippenhaft des Radikalenerlasses von 1972 wurde: Eine Professorenstelle in Vechta hatte er bereits sicher, als es dann plötzlich hieß, er könne sie nicht antreten. Wohl wegen seines Bruders.

In den 1970er wurde er zu einem der Mitbegründer des „Geographischen Arbeitskreises Entwicklungstheorien“ und betonte „Das wissenschaftliche Arbeiten in der Geographie muß beim Menschen und nicht beim Raum ansetzen. Es gibt keine Probleme des Raumes an sich, sondern lediglich Probleme von Menschen.“ Damit wurde er zu einem der prägenden Vertreter einer interdisziplinären und theorieorientierten Geographischen Entwicklungsforschung, wie es seine Nachfolgerin Anke Seckelmann formulierte.

Er heiratete, bekam zwei Töchter (Katja und Silke) und ging in entwicklungspolitischem Auftrag etwa 1973 erst nach Indien und forschte über Slums und Slumsanierung, dann nach Südafrika, wo ihm das Homeland der Ciskei zum Thema wurde, 1988 schließlich nach Harare/ Simbabwe, wo er zu Problemen der Agrarentwicklung arbeitete, ehe er 1991 an die RUB zurück kehrte. Dort hat er als akademischer Oberrat am Lehrstuhl von Prof. Heiner Dürr mehrere Generationen der RUB-Geographen durch seine Einführungsvorlesungen zur Entwicklungspolitik stark für eine modernere Sicht auf Nord-Süd-Fragen beeinflussen können. Entwicklungsländerforschung hieß damals nur Forschung in Entwicklungsländern, aber nicht Forschung zugunsten der Entwicklung dieser Länder. Mit einem seiner Schüler, Christoph Beier, dem späteren Vorstandssprecher der giz, hat er dazu auch publiziert. Ihm zufolge stand bei Jürgen Blenck immer der Mensch im Mittelpunkt, der den Raum prägende Mensch, nicht der Raum an sich. Ein weiteres Verdienst ist wohl, über die Disziplin hinausgedacht zu haben, die Geographie interdisziplinär geöffnet zu haben.

Er wollte eigentlich nicht online auffindbar sein. Und ist es auch kaum, nur in manchen Publikationen wie Verkaufsangeboten des Historisch-Topographischen Atlas der Stadt Köln den er 2001 mit herausgegeben hat. Dafür in der realen, analogen Welt in seinem Engagement für Studierende, denen er nicht nur die Welt öffnete, sondern durch seine gute Vernetzung als Mentor auch Wege ins Berufsleben öffnete, gerne half und unterstützte. Das studentische Wohl hatte er immer zuerst im Blick.  Migrantenkinder zu fördern war beispielsweise ein Teil seiner Agenda – an die Sonderkulturen der Insel Reichenau denkend.

Ich setze mich hier über seine Internetscheu hinweg und hoffe, dass er mir das verzeihen würde. Neben Forschungen über Köln, die Insel Reichenau und die Publikation der Fischer Länderkunde Südasien hat er zahlreiche Aufsätze publiziert. Es war aber die Lehre, in Exkursionen und Seminaren, in denen er aufging. Zuletzt hielt er Seminare zur regionalen Geographie Kubas und der Metropolregion Köln. Den phonetischen Vierklang Köln, Kuba, Kapstadt und Kairo habe ich oben nicht nur erwähnt, weil er dorthin Exkursionen organisierte, sondern weil er dort etwas wichtiges, grundlegendes vermittelte.

„Kairo ist wie Köln“ sagte er oft. Oder, angesichts des Nils: „Wir kommen nun an den Rhein“. Das war kein merkwürdiger Humor, sondern durch die Brille des Geographen ernst gemeint: Beide Flüsse haben mit Blick auf den Handel oder andere Fragen stadt- und wirtschaftsgeographisch durchaus sehr ähnliche Funktionen und beeinflussen den städtischen Raum. Oder ein bedeutsames religiöses Gebäude wie der Dom oder die Azhar Moschee. Darauf wollte er hinweisen. Grundlegende geographische Phänomene können sich kulturübergreifend stark ähneln, wenn man sich von optischen Störfaktoren löst.

Was ihm ebenso gefiel, war, die Studierenden in extreme Kontraste zu bringen: Zum Beispiel mit dem Staub aus dem altstädtischen Slum von Giza zu Kaffee und Schokotörtchen das Four Seasons Hotel betreten. „Ein Geograph muss lernen, sich auf allen Parketten bewegen können“, sagte er dann, der auch in Köln zur Zeitungslektüre gerne feine Konditoreiprodukte genoss, bevorzugt im Café Fromme, sich aber nicht zu schade war, auch durch so genannte soziale Brennpunkte zu laufen.

Ein anderer gern wiederholter Spruch war: „Ich bin nach Köln geheiratet worden“. In Harare hatte er seine zweite Frau, Dorothea Irmler, kennen gelernt. Ab 1991 führten sie eine interkontinentale Fernbeziehung. Die Psychotherapeutin und Ethnologin kehrte 1995 nach Deutschland zurück, fand aber in Köln Arbeit im Therapiezentrum für Folteropfer in Köln, wo sie das Kinder- und Jugendprojekt leitete. Jürgen folgte seiner 12 Jahre jüngeren Frau an den Rhein und pendelte seitdem per ICE nach Bochum. Zur Betreuung traumatisierter Flüchtlinge hat Dorothea 2011 das Buch „Leben mit Trauma“ publiziert. Ferner betreute sie für das Therapiezentrum für Folteropfer – Flüchtlingsberatung der Caritas Köln (TZFO) – telefonisch von Köln aus – Betreuer traumatisierter Personen in Afrika. 2003 ging Jürgen in Ruhestand, organisierte aber weiter Exkursionen. Mit Simbabwe blieb Jürgen insbesondere durch den Kontakt mit dem Bildhauer Zephania Tshuma verbunden, dessen fast karikaturesk wirkenden Holzskulpturen er sammelte.

Seit einem Unfall während einer Kairo-Exkursion 2009, bei dem er sich in einer Festung bei einem Sturz ein Bein stark stauchte, hat Jürgen nie mehr schmerzfrei längere Zeit laufen können. Dazu kamen Probleme mit den Augen und eine Gürtelrose am Kopf. Er organisierte trotzdem, auch im hohen Alter von deutlich über 70, weiter Exkursionen. Und ich war glücklich, dass er immer wieder vorsichtig anfragte, ob ich mir dafür Zeit nehmen könnte. Er konnte dann nur noch halbe Tage mitlaufen. Und bat dafür um Entschuldigung.

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Er war sich bewusst, dass er körperlich angeschlagen war, äußerte aber immer wieder, wie froh er für sein gelebtes Leben war: „Alles was jetzt kommt, ist Bonus“, sagte er öfters. Jürgen starb am 10. November in Köln an den Folgen einer Hirnblutung. Übermorgen wird er dort auf dem Friedhof Melaten begraben, einem Raum, über den er für den Köln-Atlas geforscht hat. Ich werde ihn niemals vergessen. Er ist als Mensch und Lehrer ein untrennbarer Teil meines Lebens geworden. Er hat meinen Blick auf die Welt verändert. Und mir gezeigt: Es zählt vor allem, was man persönlich weiter gibt. So lebt er in mir fort. Danke!

Nachruf auf der Homepage der RUB

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  1. Café Reichard_Köln | akihart

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