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Vatergefühle

September 13, 2016

Ja, Männer haben auch Gefühle. Doch wirklich: Hunger und Durst zum Beispiel. Haha. Ich erlebe am intensivsten Gefühle, wenn man mich entweder herabwürdigt und sofort ohnmächtige Wut über eine Erniedrigung hochkommt, oder wenn es um emotionale Nähe als Sohn zum Vater oder als Vater zu den eigenen Söhnen geht. Meist geht es dabei um den Wunsch nach intensiverer Nähe und auch darum, sich im Gegenüber zu erkennen. Stolz und Anerkennung sind hierbei wichtige Gefühle, wie ich in manchem Kinofilm erlebt habe, bei denen mich plötzlich Tränen der Rührung überwältigt haben. Zum Beispiel bei „Billy Elliot“, „Das Leben ist schön“ oder dem „Club der toten Dichter“.

Heute hatte ich ein Erlebnis, bei dem mir klar wurde, dass ich als Mann in den 50ern gleichzeitig Sohn meines Vaters bin und bleibe und als solcher emotional reagiere, wie ich auch selbst Vater von drei Söhnen bin und in der Aufgabe lebe, ihnen zu geben, was sie jetzt von mir brauchen: Genau das, was ich von meinem Vater immer noch nicht so richtig bekommen habe. Es ist eben keine Abfolge: Erst Sohn, dann Vater sein. Sondern es ist die Gleichzeitigkeit, Sohn und Vater zu sein, die mich so überrascht hat. Eltern wirken ja immer wie ein Spiegelbild, Kinder, gerade des gleichen Geschlechts, aber ebenso. Und eigentlich ist diese so banal wirkende Erkenntnis ja sehr aufbauend, weil ich ja also – als unbefriedigter, mich noch sehnender Sohn – genau nachvollziehen kann, was sich meine Söhne von mir (meist unbewußt) wünschen. Ich sehe mich in zwei Richtungen gespiegelt.

Die Erkenntnis kam bei der Lektüre des autobiographischen Romans von Mathias Kopetzki: „Teheran im Bauch“, der dies so in Worte fasste. Vor allem aber, als er, der nach der Geburt sofort zur Adoption freigegebene Sohn eines deutsch-persischen Techtelmechtels, 30 Jahre später dem zehnjährigen Drängen des im Iran lebenden Vaters endlich – und jetzt es wirklich wollend –  nachgibt und ihm sagt, ihn besuchen, sehen und erleben zu wollen. Der Vater ist davon völlig überwältigt. Der Sohn auch. Und mir schießen die Tränen in die Augen, weil ich auch gerade zwei Söhne im Iran habe, die nicht verstehen, warum der Papa nicht da ist.

From → Iran

2 Kommentare
  1. Ein gefühlvoller und persönlicher Text, der mich sehr neugierig auf das Buch macht. Danke dir. Neben dem klassischen Vater-Sohn-Vater Thema spielt ja sicherlich auch die verschiedenen kulturellen Rollenerwartungen mit eine Rolle.

  2. Kulturelle Rollenerwartungen sind eher nicht das Thema, sondern das sich Wiederfinden von Vater und Sohn nach einer Adoption, wogegen sich der Sohn erst wehrt…

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