Skip to content

Ratshof_ Bad Sobernheim

September 8, 2016

Manchmal braucht man als sich modern fühlender Großstädter Provinz. Gerade weil diese hart erarbeitete Identität es erfordert, alles Provinzielle weit von sich zu weisen, ist es erhellend, sich in einem solchen Kontext zu spiegeln. Entweder um sich erneut die Sicherheit zu bestätigen, dass man tatsächlich kosmopolitisch und weltgewandt ist bzw. sei. Oder – weil das Leben eben nicht entweder Schwarz oder Weiß, sondern oft Grau ist – um die verborgenen Seiten des ostentativ Abgelehnten in sich zu entdecken. Leider ist es nicht immer einfach, spontan in die Provinz zu gelangen, wenn man in einem Zentrum lebt. Als ich heute aber zum etwa hundertsten Mal in den vergangenen 22 Jahren per Zug die Strecke zwischen Saarbrücken und Mainz (bzw. Bonn, Köln und Frankfurt/ Flughafen) fuhr, kam mir die Idee, zwischendurch auszusteigen und dann mit dem nächsten Zug eine Stunde später weiter zu fahren. In Idar-Oberstein, Bad Kreuznach, Kirn und Bad Münster am Stein war ich schon einmal ausgestiegen. Warum jetzt also nicht Bad Sobernheim?

Den Zusatz „Bad“ trägt dieser alte Ort zwischen Hunsrück und Nordpfälzer Bergland erst seit 1995. Das von großem Selbstvertrauen und Wunsch nach Modernität zeugende Bahnhofsschild aus den 1970ern trägt dem daher noch nicht Rechnung. Keine 200 m weiter nördlich taucht man in eine durchaus reizvolle Kleinstadt v 6000 Einwohnern ein, vor Augen die Vision alter Kursäle mit altmodischen Cafés. Aber die auf Skoliose und andere Wirbelsäulen-Erkrankungen spezialisierten Therapie-Einrichtungen liegen alle abseits des Ortskerns. Das halbe Dutzend Cafés und Kneipen rund um den Markplatz versucht optisch den Spagat zwischen den Bedürfnissen der Einheimischen und denen möglicher fremder Gäste, die beide Gemütlichkeit suchen.

dsc_0289_800

dsc_0270_800

Ich entscheide mich – nicht ohne zu überprüfen, ob es eine Espressomaschine gibt – für den Ratshof, der als Hotel-Restaurant-Café firmiert, was man durch tief hängende Geranien kaum entziffern kann. Der Kontrast zwischen den plastikstuhlmodernen Sitzplätzen in Lilarosamalvenfarben draußen unter den Geranien und hinter prachtvoll mediterran sprießendem Oleander sowie der höhlenartig dunkelbraungelben Gaststube könnte kaum größer sein. Das zieht mich an. Das Namen gebende Rathaus kann ich freilich nicht sehen, weil die drei Wagen des heutigen Donnerstags-Marktes die Sicht versperren.

dsc_0285_540

dsc_0286_800

dsc_0284_540

dsc_0283_540

dsc_0282_800

Seit 1955 betreibt die Familie Kassel hier ihr Lokal, das sicherlich ein Sommer- und ein Winterleben hat, ein Leben draußen und eins drinnen. Da ich natürlich das eicherustikale Interieur dokumentieren möchte, bin ich an diesem heißen Nachmittag der einzige Gast drinnen.

dsc_0271_800

dsc_0271_a_800

dsc_0274_540

dsc_0280_800

dsc_0272_800

dsc_0275_540

dsc_0281_800

Das auffälligste und authentischste in diesem Lokal sind die blumenförmigen Lampen, mit aufwändiger, kunstvoller Halterung des Lampenschirms in Metall sowie einem weiteren Schirm, der verhindert, dass das Licht zu stark die Decke beleuchtet. Diese an Weinranken erinnernde Metallverzierungen finden sich auch an den Abtrennungen der einzelnen Sitzecken. Vielleicht war das Lokal mitten im Weinanbaugebiet der mittleren Nahe ursprünglich vor allem eine Weinschänke? Frau Kassel, den ihr gleichfalls heute kellnernder Sohn (oder ist es ihr Mann?) „Chefin“ nennt, sagte mir, dass sie zu den Lampen nichts sagen könne. Das habe der Architekt damals entschieden, als aus einem Wohnhaus ein Lokal gemacht wurde.

Heute lebt man wohl vor allem von Busgesellschaften, für die es mehrere Nebenräume von 10 bis 70 Plätzen gibt.

dsc_0279_800

dsc_0287_540

Ein in blau-wei8-braunen Tönen gehaltener Nebenraum:

dsc_0273_540

dsc_0277_800

dsc_0278_540

dsc_0276_800

Nach einer halben Stunde Aufenthalt bin ich zurück zum Bahnhof, nicht ohne nach den „Fremdenzimmern“ zu fragen: Für das Einzelzimmer mit Dusche im Zimmer zahlt man 46 Euro, inklusive Frühstück. Ausgerichtet ist das Haus neben Wanderern aber eher auf Busgesellschaften, die hier mittags essen.

Im Speisenangebot finden sich neben einer schwäbischen Maultaschensuppe und einer ungarischen Gulaschsuppe Opas Rinderroulade und Omas Schweineschnitzel, ein Radfahrerteller, aber auch ein Salatteller „Hildegard von Bingen“, die nicht weit von hier gewirkt hat. Einen Pfälzer Saumagen suche ich vergebens, finde dafür Ochsenfleisch mit Frankfurter Grüner Sauce sowie Schinderhannes Wildbratwürste für Preise zwischen 7,50 und 19,90 Euro. Klingt nicht nach meinem mir selbst aufgezwungenem Ernährungsstil. Aber ich muss zugeben, dass ich hier gerne, unbeobachtet von meinem grossstädtischen Über-Ich, zugeschlagen hätte. Wäre es nicht mit 16.15 Uhr die völlig falsche Zeit gewesen.

Adresse: Marktplatz 10, 55566 Bad Sobernheim, Tel.: 06751-2310, Homepage

Ratshof_ Bad Sobernheim © Ekkehart Schmidt

 

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: