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Café Oxygen / Coffee House_Kerman

September 1, 2016

Dieses Café in der wohlhabenden Neustadt von Kerman, ist neben dem Café Paeiiz in unmittelbarer Nachbarschaft seit etwa fünf Jahren einer der ganz wenige Orte im Süden des Iran, an dem man einen guten Espresso bekommt – falls einem das wichtig ist. Zugleich ist es eines der wenigen Lokale, in denen sich junge Leute geschlechterübergreifend treffen und ungezwungen Zeit miteinander verbringen können. Bei meinem ersten Besuch 2012/13 versuchte sich hier das „Café Oxygen“, intern auch „Odo“ genannt, zu etablieren. Inhaber Hamed führte das Lokal mit seinen zwei Etagen damals schon seit 6 Jahren, man bekam leckere Schokostücke zum Espresso, wobei im Hintergrund „Angie“ von den Stones und andere westliche Musik aus den 1970/ 80ern lief: „Somebody to lean on“, „Brothers in arms“ von Dire Straits, „Wild World“ von Cat Stevens oder „Lady Dabandil“.

Das missglückte, wie ich in den vergangenen zwei Wochen feststellte. Das Lokal konnte sich nicht halten. Vielleicht auch, weil es nur von 9-13 und 17-24 Uhr geöffnet war. Etwa seit 2014 wurde aus dem Oxygen das Coffee House, wurde ein – jedenfalls durch die Inneneinrichtung suggeriertes – hoch intellektuell anspruchsvolles Lokal mit schwarzen Stühlen und Schwarzweisspostkarten an Wänden und Decke zu einem, mit seinen weißen Stühlen und Blumentöpfen, fast kitschig-süßlich wirkendem Lokal. Jedenfalls in meiner Wahrnehmung. Damals war ich aber vor allem froh, überhaupt ein Café nach europäischen Vorstellungen zu finden.

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Im Gegensatz zum Zugeständnis, hier ein Bildnis von Khomeini und Khamenei aufzustellen, wurde 2013 während der Nowruz-Feiertage in einer Ecke eine durchaus widerspenstig-oppositionelle moderne Variante der „sieben S“ präsentiert, sieben Gegenständen, die traditionell seit Jahrhunderten auf einem Tisch angeordnet werden: eine CD (sidi), ein Schnurrbart (sebil), ein Stein (sang), ein Autoschlüssel (svitch/ von „auf switch schalten“), eine Uhr (saat), eine Zigarette (sigar) und eine Computerspeichercassette anstelle eines Buches (üblicherweise wahlweise der Koran oder ein Gedichtband von Hafez) – das alles umrahmt von grünem Konfetti:

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Der Kaffee war gut und ich habe mich wohl gefühlt, wenngleich es kaum eine Kommunikation mit anderen Gästen gab. Vor zwei Wochen fand ich hier dann aber das „Coffee House“ vor: mit superedlem Schild, noch besserem Espresso, zubereitet von einem jungen Mann, der in Teheran sogar eine Barista-Fortbldung absolviert hat und sein Handwerk fast schon übertrieben ernst nahm, interessante Gäste für Unterhaltungen und eine völlig veränderte Inneneinrichtung.

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Damals wie heute führt eine Treppe in die obere Etage, in der sich vor allem Frauen zu treffen scheinen – eine Art „Familienbereich“, wie man ihn aus Restaurants kennt, mit dem unzüchtiger Kontakt unter den Geschlechtern unterbunden werden soll. Zwar hörte ich einmal von oben viel weibliches Gelächter, Frauen saßen aber – vor allem abends – auch unten unter Männern.

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Das „Coffee House“ wird von einem jungen Geschwistertrio geführt, zwei Brüdern und einer Schwester unter 30. Zu den überperfekten Auffälligkeiten zählte, dass mein Kolompeh (Dattelkeks) zum Espresso mit einem Heizstrahler am Tisch gewärmt wurde und ich bei einem anderen Besuch vor dem Espresso eine Schale mit etwas dunkelbraunem auf das Tischlein gestellt bekam, in das ich in Erwartung, es sei ein brownie-ähnliches Schokogebäck, hineinbiss – wobei es sich als die genutzte Espressokaffeemasse herausstellte, die nach dem Kochen übrig bleibt… Gedacht war es als Masse, in der ich meine Zigarette ausdrücken könne. Das gebe einen angenehmeren Geruch, wurde mir erklärt.

Sollte ich hier in den nächsten Jahren noch einmal vorbei kommen, würde es mich wundern, wenn auch das neue Lokal überlebt hätte: Es fehlt einfach an einer größeren Stammkundschaft von Leuten, die mittags und/ oder abends kommen, um Gleichgesinnte zu treffen und dabei ausreichend konsumieren.

Adresse: Boulevard Hamza, Kerman

Café Oxygen / Coffee House_Kerman © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Iran

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  1. Café Paeiiz_Kerman | akihart

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