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Vatan Café_Frankfurt/Main

August 5, 2016

Wenngleich das verruchte, für Kenner aber auch in weiten Teilen soziologisch einfach nur zutiefst normal menschelnde Frankfurter Bahnhofsviertel seit einiger Zeit starken, auch gentrifizierenden Wandlungsprozessen unterliegt, gibt es unveränderte Konstanten. Geschäfte und Lokale, die ich heute fast unverändert angetroffen habe wie 1984, als ich in Frankfurt nach dem Abi sechs Wochen ein Zeitungspraktikum machte, wie auch in den Jahren 1994-2008, in denen ich hier beruflich immer wieder vorbei kam und zum Beispiel im Billig-Hotel „Apollo“ in der Münchner Straße übernachtete. Meine Aufmerksamkeit galt nie tiefergehend der Drogen- oder Prostitutionsszene des Hauptbahnhofs oder der Kaiserstraße, sondern immer den Migrantenbetrieben dieser Parallelstraße. Sicher zwei, vielleicht drei Mal habe ich schon vor 20 Jahren in diesem äußerlich denkbar schmucklosen Lokal mit dem riesigen Namenszug – der damals freilich noch nicht das Logo der Warsteiner-Brauerei neben sich trug – einen Tee getrunken.

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Heute früh gegen 10 Uhr habe ich im „Vatan“ einen eigentlich unverzeihlichen Stilbruch begangen, indem ich statt eines „Cay“ einen Espresso bestellte. Den bekommt man in diesem urtypisch türkischen Teehaus mittlerweile tatsächlich, wenn auch in Mokkatassen.

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Frankfurt (c) Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Das Lokal ist rund um die Theke L-förmig aufgebaut und verfügt auch über eine obere Galerie, vielleicht der in Restaurants im Orient übliche Familienbereich?

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

Vatan Café_Frankfurt/Main © Ekkehart Schmidt

„Vatan“ läßt sich mit den deutschen Begriffen „Vaterland“, „Zuhause“, „Heim“ und „Heimat“ übersetzen, ist aber natürlich vor allem ein Gefühl, besser gesagt erzeugt ein Gefühl. Der türkischstämmige Migrant tritt hier vom Frankfurter Bürgersteig über eine winzige Schwelle, hinter der er sich emotional sofort völlig anders fühlt, wohlig aufgenommen in seinen Erinnerungen an das heimatliche Dorf, die Kleinstadt, ja selbst an Metropolen wie Ankara, Istanbul oder Izmir, in denen das Cay Ev – also das Teehaus – eine unumstösslich feste Institution der Männerwelt war. Hier wird vor allem „Okey“ gespielt, eine Art Domino. Und es darf erstaunlicherweise noch geraucht werden. Wenn gespielt wird, werden die Aschenbecher auf den kleinen Beitisch gestellt, erklärt mir ein Pensionär, der hier vormittags arbeitet. Man beachte den blauen Kehrbesen auf über 20 Aschenbechern…

Er hat hier in seiner Pensionärzeit einen 400 EUR-Job, erzählt er. Das Lokal ist 24 Stunden geöffnet, er betreut die Frühschicht in der es hier sehr ruhig ist. Erst ab halb 2 oder halb 3 werde es hier voller, wenn die Leute von der Arbeit kommen. Heue früh kamen nur spielsüchtige (seine Worte) junge Männer, die hinten daddelten. Er selber hat 25 Jahre an der Gepäck-Abfertigung des Flughafens gearbeitet, nachdem er 1970 aus Nevsehir bei Kappadokien nach Deutschland gekommen war. Das bedeutete, täglich viele Tonnen zu heben und hoch zu hieven. Sie seien meist zu viert gewesen: ein Fahrer und drei Arbeiter, die unter Zeitdruck pro Flieger bis zu 400 Koffer vom Gepäckwagen über ein Rollband hoch zu wuchten hatten. Heute sei das viel einfacher: die Koffer würden in Container gepackt und per Hydraulikheber hoch geschafft.

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