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Tuben sammeln

Juli 22, 2016

Es gibt weltweit wohl nur ein Produkt, dass von einem Großteil der Menschen im Norden seit etwa 80 – 90 Jahren täglich benutzt wird: Zahnpasta. Die 1897 von Colgate in den USA erfundene, 1907 aber von dem sächsischen Apotheker Dr. Ottomar Heinsius besser vermarkteten Tuben gehören auch zu den frühesten global gehandelten Industrieprodukten. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts brachte die leicht transportable, lange haltbare Ware Zahnhygiene auch in die Städte des Südens und später bis ins hinterste Dorf. Sie verdrängten aber auch jahrhundertelang genutzte Zahnputzmittel wie Kauhölzchen, Süßholz oder Aschemischungen. Seit etwa zwei Jahrzehnten verdrängen jedoch Weltmarktführer wie Colgate, Signal oder Crest als westliche Prestigeprodukte auch die mittlerweile einheimisch produzierten Zahnpasten in Asien, Afrika und Lateinamerika. Für mich war diese Erkenntnis vor 30 Jahren auf Reisen ein Impuls zum Sammeln.

In Ländern wie Albanien oder Äthiopien sind schon seit vielen Jahren, wenn nicht schon immer, keine im Lande hergestellten Zahnpasten erhältlich. In anderen Ländern wie den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien sterben solche Marken allmählich aus, werden aus unterschiedlichsten Gründen durch westliche Importware verdrängt. Am Preis lag es wohl selten, eher an Inhaltsstoffen wie Fluoriden, dem Image besserer Qualität und Effektivität sowie an Marketingversprechungen wie „Frische“, „antibakteriell“, „beugt Karies und Zahfleischbluten vor“ und natürlich „extraweiss“ bzw. „whitening“. Der Weltmarkt wird beherrscht von Pharmakonzernen wie Procter & Gambler, Colgate oder Unilever (alle USA), die Marken wie Colgate-Palmolive, Close Up, Crest, Pepsodent, Sensodyne oder Signal bis in das kleinste und entlegenste Dorf in Afrika oder Lateinamerika vermarkten.

Auf Reisen hege ich immer die Hoffnung, in Geschäften einer fremden Kultur etwas Interessantes als Mitbringsel zu finden. Keins der üblichen Souvenirs, sondern Alltagsgegenstände, die ich tatsächlich unterwegs gebrauchen kann (wenn es auch selten wirklich aus Notwendigkeit geschieht). Zahnpasta- und Rasiercremetuben sind mir da neben Tomatenmarkdosen, Hennapackungen und Suppenwürfeln von Knorr oder Maggi zu Klassikern geworden. Dazu schräge Sachen wie plattgefahrene Coladosen oder sanitary bags und Erinnerungen an Cafébesuche: Espressotassen und Streicholzschachteln.

Am meisten habe ich aber Zahnpastatuben angesammelt. Natürlich war da auch diese serielle, globale Gleichförmigkeit der Größen, Farben und Designs ein interessanter Sammelaspekt, vor allem, wenn mir eine gelbe und eher medizinisch wirkende Tube aus Thailand mitgebracht wurde, oder wenn auf einer ägyptischen Tube auf der Vorderseite in Englisch  „Signal“ steht und auf der Rückseite „Sichnaal“ auf Arabisch:

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

Die in Afrika, Asien und den arabischen Ländern seit Jahrhunderten verbreiteten Kauhölzchen säubern die Zähne übrigens genauso gründlich wie eine Zahnbürste. Darauf wies im Jahr 2000 eine Studie von Christine D. Wu hin. Die Stäbchen, die in Form und Dicke einem Bleistift entsprechen, werden bis auf die Fasern zerkaut. Mit den Fasern lassen sich dann die Zwischenräume zwischen den Zähnen säubern und das Zahnfleisch massieren. Keine werden durch antibakterielle Substanzen abgetötet, die beim Kauen freigesetzt werden. Kauhölzchen in Namibia enthalten beispielsweise sechs verschiedene Antibiotika. Hergestellt werden sie aus einheimischen Bäumen und Sträuchern, etwa von Diospyrus Iycioides. Wu plädiert dafür, sie im Süden verstärkt für die Mundhygiene zu empfehlen. Gestützt wird dieser Gedanke durch eine Studie der Weltgesundheitsorganisation, die zeigt, dass bei regelmässiger Nutzung weder Karies, noch Entzündungen  des Zahnfleischs auftreten.

Als Ersatz für eine auf Reisen (vor allem beim Wildcampen) vergessene Zahnbürste eignen sich übrigens dünne Weidenstöckchen oder junge Eichenästchen, auf denen so lange herumgekaut wird, bis sie sich auffasern und so die Zähne reinigen. Besonders Kundigen sei Süßholz angeraten, welches schon im Mittelalter gleichzeitig zur Zahnreinigung und dessen intensiver Lakritzgeschmack als Munderfrischer gern genommen wurde. Leider sieht man selten Süßholz im Verkauf, ich kenne es nur von Ständen in religiösen islamischen Läden oder vor wichtigen Moscheen. In Indien wird eine Mischung aus Fenchel, Anis und Koriander im Mund zerkaut, die nach ein paar Minuten wieder ausgespuckt wird.

Meine Sammlung, die einen Zeitraum etwa seit Mitte der 1980er-Jahre bis heute umfasst, darf ich heute in der „10. Nacht der schönen Künste“ in Saarbrücken präsentieren. Neben Zahnpastatuben zeige ich in der Manufaktur der schönen Künste (Großherzog-Friedrich-Str. 95) von 19 bis 1 Uhr auch Rasiercremetuben und Tomatenmarkdosen. Leider habe ich nur noch 4 von etwa 40 Tomatenmarktuben finden können).

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

An der linken Wand hängen 120 Zahnpastatuben aus 28 Herstellungsländern:

Deutschland (65), Türkei (6), Österreich (3), Osteuropa unklar (2), Ägypten, Kroatien, China Grossbritannien und Iran (je 2) und Portugal, Jugoslawien, Dänemark, Spanien, Niederlande, Slowenien, Schweiz, Belgien, Italien, Ukraine, Vietnam, Thailand, Brasilien, Vereinigte Arabische Emirate, Nigeria, Südafrika, Indien, Peru und Sri Lanka (je 1). Einige der letzteren habe ich in Migrantenläden in Paris und London gekauft, andere auch mitgebracht bekommen. Darunter auch manche Pröbchen und Kleinsttuben aus Flugzeugen und Hotels.

Prachtstücke sind uralte deutsche Tuben eines kleinen Formats, die ich in den 1980er-Jahren auf dem Sperrmüll gefunden habe und wohl aus den 1960er- oder 70er-Jahren stammen (oben links). Der Hersteller ist Colgate aus den USA, wie die daneben hängenden anderen Exemplare aus späteren Jahren.

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

Dominante Farben sind Weiss (für Sauberkeit), Grün (für natürliche Zutaten) und Blau (für Frische), Rot (Zahnfleischbluten) und sehr selten Gelb. Entsprechend habe ich die deutschen Tuben gehängt. Rechts daneben die Tuben aus anderen Ländern.

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

19 Rasierschaumtuben aus 9 Ländern:

Deutschland (6), Türkei (4), Spanien und Ägypten (je 2) sowie Bosnien, Grossbritannien, Kroatien, Portugal und Russland. Global verkaufte Marken sind Palmolive (3), Gilette (2) und Wilkinson (1). Dazu kommen deutsche Marklen wie Nivea, Weleda und Lavera (je 1). Palmolive und Gibbs sind auch globale Zahnpastamarken. Vorherrschende Farben sind Grün, Blau und Weiss.

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

Man erlaube mir abschließend einen kleinen historischen Exkurs zu frühen Zahnpasten: Vorläufer der Zahnpasta waren Zahnpulver zum Abreiben des Zahnbelages mit feinen Putzkörpern. Durch archäologische Zahnbefunde und schriftliche Quellen sind sie für viele Kulturen nachweisbar. Die Römer zum Beispiel benutzten den Begriff Dentifricium („Mittel zum Abreiben der Zähne“), Plinius d. Ä. gibt auch Inhaltsstoffe an: pulverisierte und zu Asche verbrannte Knochen, Horn oder Muschelschalen, Bimsmehl, Natron, mit Myrrhe versetzt. Celsus empfiehlt zerriebenes Salz. Sogenanntes Zahnsalz wird auch heute noch als Zahnreinigungsmittel verwendet. Mehr Mutmaßungen zum griechischen und römischen Zahnputzverhalten bietet das englische Wikipedia:

„The Greeks, and then the Romans, improved the recipes for toothpaste by adding abrasives such as crushed bones and oyster shells. In the 9th century, the Persian musician and fashion designer Ziryab invented a type of toothpaste, which he popularized throughout Islamic Spain. The exact ingredients of this toothpaste are unknown, but it was reported to have been both „functional and pleasant to taste“. It is not known whether these early toothpastes were used alone, were to be rubbed onto the teeth with rags, or were to be used with early toothbrushes, such as neem-tree twigs and miswak. Toothpastes or powders came into general use in the 19th century.

Tooth powders for use with toothbrushes came into general use in the 19th century in Britain. Most were homemade, with chalk, pulverized brick, or salt as ingredients. A 1866 Home Encyclopedia recommended pulverized charcoal, and cautioned that many patented tooth powders that were commercially marketed did more harm than good.“ (Quelle: Wikipedia)

Zahnpulver des 19. Jahrhunderts enthielten als Putzkörper zum Beispiel Marmorpulver, Bims- oder Ziegelmehl, Magnesiumcarbonat, pulverisierte Eier-, Sepia- oder Austernschalen, Holzkohlenpulver und Ähnliches. Diese Pulver wurden schon in Fabriken oder vom Apotheker gemischt und in Papiertüten oder Dosen verkauft. Zum Gebrauch steckte man einen nassen Finger, ein Holzstäbchen oder ein Schwämmchen in das Pulver und beförderte so die benötigte Menge in den Mund. Mit dem Finger oder einer geeigneten Bürste wurden dann die Zähne „mechanisch von dem anhängenden Schleim“[9] befreit.

Ab 1824 wurde auch Seifenpulver zugesetzt, welches aber durch Luftfeuchtigkeit leicht verklumpte. Deshalb war das Putzkörper-Seifegemisch als „Zahnseife“ meistens ein Klotz, auf dem die nasse Zahnbürste so lange hin- und hergeschrubbt wurde, bis sich Schaum bildete. Alternativ gab es dünnflüssige Zahnseife in Flaschen, in denen sich aber die Putzkörper unten absetzten.

Dann kam 1907 der Apotheker Dr. Ottomar Heinsius von Mayenburg, der davon überzeugt war, dass nur regelmäßige Zahnpflege mit Bürste und Zahncreme wirksamen Schutz für die Zähne bieten könnte, auf eine Idee: Auf dem Dachboden seiner Apotheke in Dresden mischte er eine spezielle Zahncreme und füllte diese in Metalltuben. Die amerikanische Firma Colgate hatte das zwar schon zehn Jahre zuvor umgesetzt – aber der Apotheker von Mayenburg verkaufte dies einfach als seine Idee zu verkaufen und brachte sein Produkt als Weltneuheit mit dem Namen „Chlorodont“ auf den Markt.

Ich hatte noch nicht so richtig die Zeit, meine Sammlung wissenschaftshistorisch einzuordnen und zu schauen, ob und was ich an Erkenntnissen beizutragen habe. Es bleibt noch viel Arbeit…

Verwendet Quellen: hka: Kauhölzchen so gut wie Zahnbürsten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.04.2000; Osterhammel, Jürgen/ Petersson, Niels P.: Geschichte der Globalisierung, Verlag C.H.Beck, München 2003; Wikipedia-Artikel „Toothpaste„; zeitklicks.de: Wer hat eigentlich die Zahnpasta erfunden?

Tuben sammeln © Ekkehart Schmidt

2 Kommentare
  1. cooles projekt!

    • Danke! Aber ich brauchte Durchhaltevermögen …(erst wenn eine ordentliche Menge an Exemplaren angesammelt ist, ist es nicht mehr nur weird, sich auf so was zu kaprizieren)

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