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Vom Bann über meinen ungelesenen Klassikern

Juli 3, 2016

Ja liegt denn ein Bann über all den ungelesenen Romanen in meinen Regalen? Warum greife ich nicht zu ihnen, wo ich sie doch vor vielen Jahren und Jahrzehnten – meist antiquarisch – erstanden habe, weil sie in meinem Empfinden zum Kanon der Literatur gehörten, die ich glaubte – da sich ein entsprechender Anspruch entwickelt hatte – einmal lesen zu müssen? Die ersten habe ich bei meinem Austauschjahr 1981/82 bei Bouquinisten in Paris erstanden, dann sehr viele als Student 1985-88 bei einem jüdischen Antiquar in Marburg. Ich habe damals tatsächlich fast alle erworbenen Werke von Alain, Böll, Bowles, Buber, Camus, Durrell, Frisch, Gide, Giono, Härtling, Hemingway, Heym, Kerouac, Kunert, Plenzdorf, Rochefort, Sartre, Tournier, Walser und Zweig gelesen. Später auch die von Aitmatov, Ben Jelloun, Goytisolo, Handke, Hornby, Kadaré, Kemal, Khadra, Izzo, Mahfouz, Mankell, Mora und Salich (wobei ich nur die nenne, von denen ich mindestens drei Werke besitze).

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Dagegen hat sich mir das meiste von Baudelaire, Beauvoir, Becker, Brecht, Dostojewski, Hauff, Genet, Ginsburgh,  Goethe, Grass, Hesse, Hoeg, Kafka, Kempowski, Kirsch, Kiš, Kleist, Thomas Mann, Henry Miller, Moravia, Nietzsche, Ören, Özdamar, Pirinçci, Rushdie, Schiller und Shakespeare angeschaffte irgendwie verweigert, wurde aber gleichwohl von Umzug zu Umzug in immer neue Regalsituationen gesteckt, ohne dass da ein Impuls kam, einmal hinein zu gucken. In späteren Jahren waren es Allende, Harig, Houellebecq, Kapuscinski, Kermani, Khider, Kureishi, Nadolny, Pamuk, Z. Smith, Swartz und Trojanow, die zwar mit gutem Vorsatz gekauft, aber nicht wirklich gelesen wurden. Das hat auch damit zu tun, dass der Anreiz viel stärker ist, eine Werkfolge auch wirklich zu lesen, wenn ich dem/r Autor/in bei einer Lesung begegnet bin und mir dort mehrere Bücher gekauft habe, auch um sie signieren zu lassen, was in den 1980er- und 1990er-Jahren schlicht viel häufiger der Fall war als heute – von Härtling über Kunert, Plenzdorf und Tournier bis Ben Jelloun könnte ich ein Dutzend Namen nennen.

Stattdessen lese ich seit 25 Jahren fast ausschließlich neuere Erwerbungen, während die Alterwerbungen wie eine Sammlung von mir nur noch von weitem in der Gesamterscheinung der Bücherregale wahrgenommen werden. Bei den seit den späten 1990ern gelesenen Büchern handelt es sich meist um einzelne Werke zeitgenössischer Autoren. Einzelstücke von Brussig, Kehlmann, Labrune, Mercier, Modiano, Regener, Ruge oder P. Smith. Singuläre Sachen wie „Der Nachtzug nach Lissabon“. Ich habe also nicht mehr das Gefühl, von einem/r einmal bewunderten Autor/in jetzt möglichst alles lesen zu müssen. Wenngleich sich der Wunsch, die Klassiker kennen zu lernen, verflogen hat, bin ich freilich weiterhin offen für Neuentdeckungen, von denen ich dann gerne alles lesen würde. Da passiert aber – abgesehen von Handke und Kermani – auch deshalb nicht mehr viel, weil ich mich seit einem Jahrzehnt ernsthaft am Riemen reiße, nicht immer mit drei bis vier Büchern aus einem (meist dem Saarbrücker) Buchladen heraus zu gehen. Und weil ich viel stärker Sachbücher kaufe (aber das ist noch ein ganz anderes Thema).

Das Thema hier soll die Buchsammelsucht zum Zwecke des intellektuellen Protzens sein. Da gab es immer wieder diesen Kick, eine preiswerte Beute zu machen, ein vielversprechendes Fundstück der Sammlung einzuverleiben. Manchmal, in einsamen Wochen, waren es monatlich Dutzende Bücher, ja Trophäen, die ich voll Besitzerstolz in der „richtigen“ Reihenfolge ins Regal fügte (das in Marburg nur aus gestapelten Supermarktkartons bestand). Die einmal definierte Stelle blieb unverändert, auch nach Umzügen: Während alles von Buber bei den jüngeren Philosophen eingeordnet ist, gibt es für die thematisch sehr unterschiedlichen Arbeiten von Kermani einen Ort bei der zeitgenössischen deutschen Literatur  und einen zweiten im riesigen Orientregal (noch ein anderes Thema). Besucher sollten verstehen, mit welch belesenem Menschen sie es zu tun haben. Also nicht nur generell belesen, sondern vor allem mit welchen Interessen: Da zeigte ich mich sehr bewusst „wie ein offenes Buch“.

Vielleicht müsste ich mir einen nach dem anderen diese scheinbar wichtigen Autoren/ Bücher vornehmen, zu lesen beginnen und dann definitiv entscheiden, ob das ins Antiquariat bzw. Offene Bücherregal gehört oder weiter auf die Lektüre wartet. Gestern habe ich mit Jean Genet begonnen: „Notre Dame des Fleurs“: Unleserlich und für mich uninteressant. „Funeral rites“ ließ sich besser lesen, aber ich legte es mit auf den Haufen für die offene Büchertelefonzelle am Schloss. Mit zwei Taschenbüchern von Ionesco, die eine Dame dort sofort mitnahm: „Von dem wollte ich schon immer mal etwas lesen“, sagte sie.

Heute war ich wieder bei der Telefonzelle und nahm mir „Eine kirgisische Kindheit“ von Aitmatov mit, was ich dann auch gleich zu lesen begann. Aber auch „Biedermann und die Brandstifter“, das mir aus Schulzeiten verloren gegangen war und das ich einfach – weil gelesen und durchgearbeitet – im Regal haben möchte. Denn das ist noch so ein Thema: Ich könnte niemals ein bereits komplett gelesenes Buch, das mir also wichtige Inhalte vermittelt hat, weggeben. Irgendwie glaube ich, ich müsste mir die Möglichkeit offen halten, in solche Bücher noch einmal hinein zu gucken. Wenn ich ehrlich bin, geht es aber auch um eine Demonstration, es (natürlich) gelesen zu haben. Wahrscheinlich ist das wichtiger als der Inhalt. Der „Biedermann“ ist hier allerdings ein falsches Beispiel, war es doch in meinem Empfinden eher uncool, diesen Schulklassiker immer noch behalten zu haben (es gibt so Leute, deren Regal nur aus Schulbuchlektüre plus Krimis und Schmonzetten besteht. Während bei mir…

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Egal wie, ist das eine durchwachsene Bilanz: 4 weggegeben, 2 neue mitgebracht. Aber OK: Trotz kleinem Rückfall: Die Aufgabe ist verstanden. Meinen Söhnen kann ich nicht zumuten, in 20-30 Jahren selber entscheiden zu müssen, was aufgehoben wird (zum Beispiel wegen einer Widmung des Autors) und was ins Altpapier kommt. Da hab ich jetzt was zu tun.

Ich muss mich befreien und Ballast abwerfen. Jeden Tag ein Buch auszusortieren, hieße, jetzt wirklich konsequent zu sein. Solche Aufgaben gefallen mir. Also los:

5. Juli: „Der Rumpf“ und „Yin“ von Pirinçci weggegeben („Felidae“ natürlich behalten und auch „Tränen sind immer das Ende“, weil mir der Autor das damals 1994 bei einem Interview geschenkt hat, als er noch halbwegs bei Sinnen war), kein neues irgendwo aufgegabelt.

6. Juli: „Baal. Drei Fassungen“ von Brecht, antiquarisch erstanden 1985 wegen der irrigen Vermutung, es handele sich bei der Hauptperson dieses Theaterstücks um jene, ehedem im Libanon angebetete Gottheit, der der phantastisch erhaltene Tempel von Baalbek gewidmet ist.

7. Juli: „La Guerre de Toie n’aura pas lieu“ von Jean Giraudoux habe ich 1986 in Marburg erstanden und tatsächlich gelesen. Dennoch: Das Theaterstück (dtsch.: Der trojanische Krieg findet nicht statt) mag damals, 1935, unter dem Eindruck der wachsenden Kriegsgefahr in Europa wichtig gewesen sein, indem es die Bereitschaft der Menschen, hier der Trojaner alias der Franzosen, zum Krieg anprangert, aber das sind Fragen, die ich mir – ernüchtert nach den vom Westen in den letzten Jahren initiierten illegitimen oder einfach nur dummen Kriegen nicht mehr stelle.

8. Juli: „Desideria“ von Alberto Moravia, ebenfalls 1985 erstanden, immer wieder hineingeschaut, auch wegen eines faszinierenden, sehr dezent erotischen Titelfotos, aber inhaltlich zog es mich doch nie an, etwas über die Lebensgeschichte „eines um Liebe und Geborgenheit betrogenen Mädchens, getrieben zwischen Sexualität und Politik, von ihrer Adoptivmutter inzestuös begehrt, einem Revolutionär verfallen…“

10. Juli: „L’automne du patriarche“ von Gabriel Garcia Marquez, als frz. Fassung etwa 1996 antiquarisch in Lissabon erstanden: Sicher ein bedeutendes Werk, aber statt in frz. Übersetzung  würde ich es jetzt – wenn – dann doch in dtsch. Übersetzung lesen wollen (der Kaufimpuls damals war wohl nur erklärbar in einer mutigen Selbstüberschätzung bzw. im großen Wunsch, wieder so gut Französisch lesen zu können, wie anfangs der 1980er, vielleicht auch einfach in einer einsamen Stunde ein Kauf als Akt für den Akt, also als mir nötig erscheinender Konsumabschluß nach einem längeren Herumstöbern).

11. Juli: Elmar Engel: Wer zuletzt lacht… Ein saarländischer Heimatkrimi, den ich 2003 als Zugereister von einem lieben Freund mit der Widmung geschenkt bekam: „Damit wir aus Dir noch einen echten Saarländer machen“. Die schräge Geschichte eines vor dem ersten Weltkrieg ausgewanderten Saarländers, der mit einem geheimnisvollen Koffer aus Amerika nach Nunkirchen zurückkehrt, hab ich zu einem Viertel gelesen und danach nie mehr hinein geguckt. Geht im offenen Bücherregal sicher schneller weg, als alles andere oben, denke ich sarkastisch.

15. Juli: „Material. Texte und Kommentare“ von Heiner Müller, erstanden 1992 und obwohl 1990 erschienen, noch mit DDR-Preis im Impressum (weshalb mir das bislang so wertvoll erschien), ist ein Buch, das mich wegen der Aura und Intellektualität des Autors faszinierte und Besonderes zu geben versprach – aber ach – es beinhaltete scheinbar nur die Verarbeitung von Gewalt, apokalyptischer Schrecken und Verstörungen. Nicht heiteres. Und war einfach unlesbar. Das brauchte ich damals nicht und heute noch weniger. Ich habe es in Esch/ Alzette in Luxemburg beim Mesa ins „Troc“-Regal gelegt.

28. September: Heute wurden 17 große Kisten mit Fachliteratur zum Thema Migration und Integration von einer Speditionsfirma abgeholt und zum CDMH gebracht, einem Zentrum der Dokumentation der menschlichen Migrationen in Luxemburg. Durch einen beruflichen Kontakt kam ich mit ihm in Verbindung und entschloss mich, die gesammelte Literatur des isoplan-Instituts zu diesem Thema (die ich in private Hand übernommen hatte, nachdem wir die Nachfolgefirma isoplan CONSULT 2008 schließen mussten) nicht weiter aufzuheben, sondern dorthin zu geben, wo eine nachhaltige Verwertung sicher gestellt ist.

3. Februar 2017: Eine Premiere: Ich habe spontan ein Kunstbuch aussortiert, ein 1989 von Anni Carlsson geschriebenes Werk „Edvard Munch. Leben und Werk“, das ich im einsamen ersten Jahr 1994 in Saarbrücken erstanden habe. Ja, er malt nicht, was er unmittelbar sieht, sondern eher von innen heraus. Aber seine Sachen gefallen mir nicht, vielleicht abgesehen vom „Kranken Kind“ und dem „Sturm“.

14. Februar 2017: „Nekrassov“ von Sartre, im französischen Original, ist sein erstes Werk, dass ich aussortiere: ein Theaterstück, das mir heute nichts mehr geben kann.

Work in Progress

 

3 Kommentare
  1. Sepp, diese Entscheidung traf ich vor 10 Jahren. Anlass war die Bibliothek meines Vaters. Es tat weh sie aufzulösen. Seither stelle ich für jedes neue Buch drei betagte in einen Bücherschrank, schicke sie auf Reisen und gebe sie seit neustem einen kleinen Buchhändler auf Lombok.
    Aber auch mit anderen hübschen Nichtsnutzen im Haushalt verfahre ich so.
    Und meine Haltung gegenüber eBooks hat sich ins positive gewandelt. Weniger Balast und vergänglich wie mein Leben 😉

    • Ja, davor fürchte ich mich auch. 1:3 ist eine gute Quote. Aber E-Book s kann ich mir nicht vorstellen, ich brauche das haptische Erlebnis und muss mir meine Markierungen per Hand machen…

      • … das kenne ich wiederum auch 😀 Ich brauchte schon recht lange bis ich mit Tastatur und Cursor so souverän und vor allem so nachhaltig arbeiten konnte, wie mit Stift und Papier. Wir sind heute halt die Generation old fashioned 😀

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