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Pourquoi Pas Espresso Bar_Montréal

Juni 18, 2016

Es nimmt eindeutig Suchtcharakter an: Immer wenn ich in eine fremde Stadt reise, checke ich vorher ausgiebig, ob es dort interessante Cafés gibt. Wegen des Geschmacks, des Bedürfnisses nach wohliger Verheimatung, aber vor allem wegen des Kicks, authentische Lokale zu finden, über die ich bloggen kann. So auch in Montréal vor einem Monat. Nachdem ich vor zwei Jahren in Québec erstaunt feststellen musste, dass es in Kanada offenbar kaum Cafés europäischen Stils gibt, bin ich hier doch in einem eher unscheinbaren Café von einer neuen Entwicklung überrascht worden, von der ich in Europa noch nie gehört hatte: „Third Wave Coffee“.

Zunächst wunderte es mich, dass ich hier wie überall in der Stadt bei der Espresso-Bestellung gefragt wurde, ob ich ihn „court“ oder „allongé“ (kurz oder verlängert) möchte. In der Stadt scheint man besonderen Wert auf gut zubereiteten Kaffee zu legen. Woran das liege, fragte ich die Barista. Sie konnten es mir nicht sagen. Vielleicht wegen des Hafens? Oder werden hier – wie in Bremen und Hamburg für Deutschland – die Kaffeefrachter für den kanadischen Bedarf gelöscht? Nein. Das wüssten sie nicht. Es sei halt die „third wave“. Ich lernte, dass sich in den USA schon seit Ende der 90er Jahre und später auch in Kanada eine umfassende Bewegung entwickelt hat, die jeden Schritt der Kaffeebohne – vom Anbau, über den Handel und das Rösten bis zur Zubereitung – mit größter Sorgfalt und unter Beachtung von Nachhaltigkeit und Fairness beachtet. Das kenne ich ansatzweise aus Äthiopien, wo man nicht nur im berühmten Tomoca Coffee House, sondern noch im unscheinbarsten Lokal einen unglaublich geschmacksintensiven Kaffee gezaubert bekommt. In Deutschland scheint dieser Trend gerade erst im Kommen zu sein.

Bevor ich dazu etwas lernte, schien das „Pourquoi Pas“ einfach nur ein kleines, einfaches und studentisches, jedenfalls völlig unprätentiös wirkendes Café in einer Seitenstraße am Rand des Gay Village zu sein. Es waren jedenfalls keine Hipster zu sehen, nur ganz normale Leute vor und hinter der Theke. Montréal scheint aber tatsächlich – anders als Vancouver, Toronto oder Québec City, ein Standort mit gut ausgebildeten Baristas zu sein, die entsprechend die Cafés prägen.

Pourquoi Pas Espresso Bar_Montréal © Ekkehart Schmidt

Pourquoi Pas Espresso Bar_Montréal © Ekkehart Schmidt

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Tyler, Tony und Emma scheinen die Coffee-Freaks hinter dem PQPas zu sein. Bei meinem Besuch waren da „nur“ zwei junge, freundlich-zuvorkommende Frauen, die zudem in Zubereitungsfragen derart gut informiert schienen, dass ich sehr erstaunt war. Friendly Baristas begegnet man ja öfters, perfektem  Schaum in der Tasse auch, genauso wie Specials wie Latte mit homemade Mandelmilch oder Angeboten ungewöhnlichen Espressos der Woche, oder auch einmal einem Äthiopientag. Aber das Grundgefühl, dass hier wirklich ernsthaft großer Arbeitsaufwand für einen wirklich guten Kaffee geleistet wird: das war mir ein neues Erlebnis. Die Baristas werden hier tatsächlich mindestens einmal im Jahr fortgebildet, zuletzt im Dezember 2014 und November 2015 durch Tyler Mastanluono:

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Wenn es eine „third wave“ gibt, was waren dann die ersten und zweiten Wellen der Kaffeezubereitung? Während der so genannten ersten Welle von 1930-1960 wurde der abgepackte gemahlene Kaffee zum Standard, der in den 1950er und 1960er Jahren erstmals in jedem Supermarkt zu finden war. Plötzlich konnte sich jedermann ein Getränk leisten, das vorher nur der Oberschicht vorenthalten war. Die zweite Welle von 1960-1990 bezeichnet das boomende Außer-Haus-Geschäft, das durch die weite Verbreitung meist italienischer Espressomaschinen in den 1980er Jahren seinen Lauf nahm. Dieser Hype um dunklere Kaffeesorten gipfelte im ToGo-Geschäft und Kaffeegetränken mit viel Milch, Sirup und künstlichen Aromen, die den eigentlichen Kaffeegeschmack kaum noch erahnen lassen, wodurch im Übrigen billigen Bohnen Tür und Tor geöffnet wurden, was über ein cooles Marketing übertüncht wurde. Starbucks ist ein Synonym für diese Entwicklung. Auch schnell produzierter Pad-Kaffee war ein Kind dieser Entwicklung.

„Die neue Generation von Kaffee-Baristas stellt den eigentlichen Kaffeegeschmack, oder besser gesagt die Geschmacksvielfalt verschiedenster Kaffeesorten in den Mittelpunkt. Kaffee wird wieder als ein Genussmittel wahrgenommen und für den Konsum nimmt man sich Zeit – genau wie für einen guten Wein“, heißt es im Blog Green Cup Coffee. Diese so genannte dritte Generation hat freilich die ersten beiden nicht ersetzt, sondern ist (und wird dies wohl bleiben) eine Randerscheinung von echten Liebhabern und Genießern, statt außerhalb von Berlin oder Hamburg eine Revolution auszulösen. Jedenfalls war das mein Empfinden, als ich einen zwar sehr intensiv geschmackvollen Espresso aus kenianischen Bohnen probierte, aber nach ein paar Schlücken trotz alledem Schwierigkeiten hatte, die Tasse mit Genuss auszutrinken. Auf die andere Spezialröstung des Tages aus dem Kongo, von der man auch mehrere Geschmacksvarianten bekommen konnte (Kirsche, Vanille etc.) hatte ich dann keine Lust mehr.

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Pourquoi Pas Espresso Bar_Montréal © Ekkehart Schmidt

Pourquoi Pas Espresso Bar_Montréal © Ekkehart Schmidt

Pourquoi Pas Espresso Bar_Montréal © Ekkehart Schmidt

Pourquoi Pas Espresso Bar_Montréal © Ekkehart Schmidt

Pourquoi Pas Espresso Bar_Montréal © Ekkehart Schmidt

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Man kann hier auch einen „normalen“ Espresso bekommen und all diese Fragen ignorieren. Das Fensterpodest ist zum Beispiel perfekt for people watching, wenn hier draußen auch nicht so viele Leute vorbeilaufen, wie in der nahen rue Ste Catherine. Aber man kann auch gerade so zur Ruhe kommen, wenn draußen gar nicht so viel passiert und man sich einfach nur für sich gemütlich einrichtet und seinen Muffin, einen sonstigen Cookie wie einen banana-chocolate square oder einen Brownie zum Kaffee geniesst. Free Wifi könnte noch eine Argument sein oder die aktuelle Gemäldeausstellung, die allerdings wohl meist erstaunlicherweise eher kitschig ausfällt.

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Der Laden läuft wohl nicht immer wirklich gut, so dass man öfters Aktionen wie Kaffeetrink-Contests gemacht hat, um die Besuchsfrequenz zu steigern.

Adresse: 1447 rue Amherst, Montréal, QC, H2L262

Verwendete Quellen: Third Wave Coffee – Die dritte Kaffeegeneration, im Blog Green Cup Coffee; die Fotos der Baristas stammen von der Facebook-Seite des Cafés.

Pourquoi Pas Espresso Bar_Montréal © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Québec

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