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MURAL Festival_Montréal

Juni 4, 2016

Wandmalereien zählen zu den ältesten künstlerischen Ausdrucksformen der Menschheit. Es gab sie schon in der Frühzeit, vor allem aber im pharaonischen Ägypten, im antiken Griechenland oder in Byzanz. An Außenwänden waren sie aber immer schon selten, bis in den 1920er-Jahren in Mexiko und später in sozialistischen Ländern erste großflächige Malereien an Hauswänden entstanden, letztere im Stil des „sozialistischen Realismus“ meist zu propagandistischen Zwecken. Ähnliches gilt für die berühmten „Murals“ in Derry und Belfast / Nord-Irland. Als Graffitikunst kenne ich solche Malereien oder Graffitis, die riesige Flächen bedecken, aus dem Schwarzenviertel Watts in Los Angeles, das ich 1982 besucht habe und über die ich viel über die Befreiungsbewegung der Schwarzen verstanden habe. In L.A. gibt es über 1000 dieser riesigen Malereien auf Häuserwänden, die meist aus der Sicht von Schwarzen und Migranten von Arbeitslosigkeit, Rassismus, Einsamkeit, Drogen und Tod, neben diesen Schmerzen aber auch von Sehnsüchten und unstillbarer Lebenslust, Liebe, Musik und Poesie erzählen.

In den letzten Jahren sind mir in Bonn, Berlin, Paris, London, Kiew oder Kairo immer wieder vereinzelte „Murals“ begegnet – manche illegal angebracht, meist aber als Auftragsarbeiten. Während Michelangelo noch Jahre brauchte, um die Sixtinische Kapelle in Rom auszumalen, braucht man mit Spraydosen heute nur noch ein paar Tage.

Noch nie aber habe ich außerhalb von Watts so viele Murals auf kleinem Raum entdecken können, wie Mitte Mai in Montréal, als ich den Saint-Laurent Boulevard von der Innenstadt nordwärts lief. Auf dem Weg von der Flughafenbus-Haltestelle begegnete mir am Nordrand von Chinatown an der Kreuzung der Boulevards Réné-Levesque und Saint-Laurent neben dem in Sanierung befindlichen Eingangstor ein erstes Riesen-Mural:

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Auf dem Weg zu meinem Hotel bin ich den Boulevard Saint-Laurent hoch und kam durch ein Viertel mit mehreren sehr interessanten Ecken mit Streetart in mehreren Varianten: Graffiti am Haus des freakigen Boutique-Cafés Eva B. und aufgeklebten Fotos an leerstehenden Häusern (unter anderem einem ehemaligen Theater und einem Lebensmittelgeschäft). Dann tauchte auf der Seitenwand eines anarchistischen Buchladens ein weiteres Mural auf, das an vermisste und ermordete autochthone Frauen erinnert.

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Natürlich finden sich hier auch klassische, nur halbe Wände bedeckende Graffitis, meist in sehr guter Qualität:

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Ich fand mein Hotel, lernte bei der Lektüre diverse Reiseführer, dass es kein Zufall ist, dass sich hier so viele Murals finden: Seit 2013 findet in dieser Straße ein Festival statt, bei dem Künstler Hauswände bemalen oder besprayen (dürfen). Die beiden bemalten Hauswände waren wohl Ergebnisse früherer Festivals, das zumindest in Nordamerika ziemlich einmalig zu sein scheint. Dieses Jahr findet das MURAL Festival vom 9. – 19. Juni statt. In einer Selbstdarstellung heißt es:

„MURAL festival is THE North-American destination for all things urban art. We are the merging point of creative spirits. We are the festive and innovative soul of a city burning with artistry. Located in the heart of Saint-Laurent boulevard, MURAL’s mission is to democratize urban art. Our program is bold and daring and offers the public the opportunity to witness the making of murals in real time, to attend exclusive musical events and unique seminars, to enjoy outdoors exhibitions, various installations and sublime gastronomy, all of it in the streets during the 11 days of the festival. MURAL opens a portal to new artistic dimensions and unites the community around an authentic vision.“

Ein Überblick über die 2016 eingeladenen Künstler findet sich hier. Ich bin dann abends und in den nächsten Tagen den Boulevard Saint-Laurent, der ursprünglich den französischen vom englischen Teil der Stadt trennte, nordwärts bis zum Boulevard Mont Royal gelaufen und entdeckte ein gutes Dutzend Murals. Das erste fand ich in der Querstraße , die in den 1970er-Jahren als Zentrum der hiesigen Hippie-Welt galt. Weiter nordwärts folgte dann alle 50 Meter ein Mural nach dem anderen:

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Die Murals auf Backsteinbauten haben durch die schwierige Grundlage im Vergleich zu Betonwänden ihre ganz eigene Wirkung, spielen viel besser mit dem baulichen Kontext.

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Die meisten, wohl bei den drei früheren Ausgaben des Festivals entstandenen, Murals finden sich hier, im ehemaligen jüdischen Viertel, an fensterlosen Gebäuden an Einmündungen von Straßen.

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Daneben gibt es freilich auch großflächige, illegal entstandene Pieces kleineren Formats:

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Bei manchen anderen, kleineren Murals am trendigen Boulevard Mont Royal vermute ich stark, dass sie zwecks Marketinggründen von Geschäften bestellt wurden:

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In Nebenstraßen entdeckt man noch andere, die zwar bestellt wirken, aber nicht für schnöden Kommerz, sondern zum Beispiel eine Art Volks-Uni:

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Aber der Boulevard bietet noch viele weitere authentische Murals ohne einen solchen Hintergrund:

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Zurück südwärts zum Hotel bin ich dann durch die Rue Saint Denis, eine Parallelstraße des Boulevard Saint-Laurent, in deren Umfeld sich noch einige eher konventionelle Murals finden:

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Zwar sind einige Murals klar signiert als Produkt des Festivals, aber für mich war bei den meisten nicht erkennbar, ob sie in diesem Kontext entstanden sind oder nicht. So auch bei dem folgenden Werk, das am Marché Jean Talon, einige Kilometer weiter nördlich entstanden ist – ich dokumentiere es hier, um die Vielfalt der Urban Art in Montréal zu dokumentieren:

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Ähnliches gilt für das Quartier Latin / Le Village am zentralen Busbahnhof, wo mir neben einem Mann unter’m Mond ein Posterwerk nicht durch seinen halben Abriss gut gefiel, sondern weil da diese Leidenschaft spürbar wird, die ich in Watts so beeindruckend fand, soziale Fragen zu thematisieren, statt nur bunte Effekthascherei zu betreiben:

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Verwendete Quellen: Fridmann, Candice Maddy: Public Figures, in: Atmosphere No. 7, november 2015 – april 2016, Bordmagazin von Air transat; Mural Festival 2016; Vautier, Mireille/ de Nanxe, Aline: Die zweite Dimension. Wandmalereien in Los Angeles, Die bibliophilen Taschenbücher Nr. 448, Dortmund 1984; Wikipedia-Artikel „Wandmalerei„;

MURAL Festival_Montréal © Ekkehart Schmidt

 

From → Québec, Street Art

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