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L’Archipel_Paris

April 1, 2016

Entweihte oder profanierte und dann umgenutzte Kirchen gibt es ja mittlerweile einige. Diese hier hat mich besonders beeindruckt. Gut versteckt und wenn entdeckt unglaublich schön. Die Entdeckung – freilich in einem Viertel, in dem ich in Paris sonst nie unterwegs bin – verdanke ich einer Einladung zu einer Veranstaltung der wichtigsten französischen Sozialfinanzinstitution LaNef am 17. März. Man betritt einen sehr nach Behörde aussehenden Vorraum und wird zu einer eher unscheinbaren Pforte linkerhand gewiesen, durch die man zwischen Bücherregalen hindurch plötzlich ein Kirchenschiff betritt. Es handelt sich um die im 19. Jahrhundert erbaute Kirche (oder Kapelle) des ehemaligen Klosters „Oblates de Marie-Immaculée“, die nicht mehr genutzt wurde, seitdem nebenan zwischen 1876 und 1900 eine neue Kirche namens Saint-André-de-l’Europe errichtet wurde (auf dem ersten Photo deutlich erkennbar, während der Eingang zum Altbau unscheinbar 30m links daneben erkennbar ist). Seit wann sie ungenutzt blieb, konnte ich nicht herausfinden.

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Auch in Deutschland werden vor allem seit 2000 viele kaum noch genutzte und daher aufgegebene Gotteshäuser zu Kitas, Fitnesscentern oder Sparkassen. Ein epochaler Umbruch? In Frankreich ist das Thema deutlich älter. Hier findet sich mit L’Archipel eine Kirche aus dem 19. Jahrhundert, die wohl noch im 19. Jahrhundert entweiht wurde und Teil einer Wohlfahrtseinrichtung wurde. Heutiger Träger dieses ehemaligen Klosters, das sich nun „Haus der kollektiven Innovation“ nennt, ist eine 1871 gegründete Wohlfahrtsvereinigung namens „Aurore„, die sich um die Wiedereingliederung von Arbeitslosen und Wohnungslosen kümmert.

Die ehemalige Kirche ist heute eine Bibliothek, das heißt wohl eine Art Offenes Bücherregal zum kostenlosen Einstellen und Entnehmen oder Entleihen von Büchern. Das Erdgeschoß und die Galerie wird von Regalen dominiert. Anstelle der in katholischen Kirchen häufigen Dankestafeln für göttliche Hilfe gibt es hier in einem der separaten Trakte neben dem Kirchenschiff Dankesschilder, die dies etwas persiflieren.

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Hier finden häufig Kulturveranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen und andere Veranstaltungen statt, die der Finanzierung der Notübernachtungsstelle dienen. Ferner bieten Nebenräume Betrieben und Selbstständigen der Sozial- und Solidarökonomie Möglichkeiten des Coworking, das heißt des Anmietens kollektiver Büroräume. Neben dem Büchertausch gibt es auch andere „TrocShops“, wie man in Frankreich den Austausch gebrauchter Waren nennt. Die Cafeteria linkerhand ist in einem ansprechenden Recycling-Stil eingerichtet.

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Selbst die Toiletten sind entsprechend gestaltet:

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Ein ähnlich spannend neu genutzter Raum ist das Schuhgeschäft im ehemaligen Kino Barbès Palace, das ich am gleichen Tag entdeckte.

Adresse: 26 bis rue de Saint Petersbourg, 75008 Paris

Verwendete Quelle: Wikipedia-Artikel Église Saint-André-de-l’Europe

L’Archipel_Paris © Ekkehart Schmidt

3 Kommentare
  1. Spannend. Eine ähnliche Geschichte weist die Pauliner Kirche in Göttingen auf. Sie ist ebenfalls eine ehemalige Klosterkirche und dient heute der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen als Veranstaltungs- und Ausstellungsraum.
    Spannend auch, weil ich am 17. März in Köln den Geusenfriedhof für mich entdeckte. Der wohl älzesze friedhof für evangelische Christen im Rheinland. Da war der 17. Mäez 2016 wohl der Tag der Entdeckungen 😉

    • Sehr schön! Ja, aber eigentlich entdeckt man ja jeden Tag spannende Dinge in der Außen- und Innenwelt, meist fehlt nur die Zeit, sich intensiver mit ihnen zu beschäftigen und sie in Wert zu setzen (durch Fotos, Gespräche oder Nach-Recherchen) 🙂

Trackbacks & Pingbacks

  1. Das neue Leben des “Barbès Palace” | akihart

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