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Das neue Leben des „Barbès Palace“

März 29, 2016

Vom Kinosterben wurde auch Paris nicht verschont. Aber einige Kinos der 1920er-Jahre erlebten eine unerwartete Auferstehung. Bevor Barbès Rochechouart zum Einwandererviertel wurde, gab es hier vier Kinos: das „Barbès Palace„, das „Delta„, das  „Gaité Rochechouart“ und das „Louxor„. Sie alle schlossen in den 1980er-Jahren. Während letzteres mit seiner auffälligen Fasssade in den vergangenen Jahren aufwändig saniert wurde und seit 2013 wieder eine gut besuchte Attraktion ist, gerieten die ersteren beiden in Vergessenheit. Mitte März erinnerte ich mich bei einem Kurzbesuch in Paris daran, in der 2014 erschienenen Sammlung anekdotischer Erlebnisse der Filmregisseurin und Schriftstellerin Jeanne Labrune „Visions de Barbès“ im Rahmen einer traumähnlichen Handlung von einem Kinosaal gelesen zu haben, aus dem ein Billigkaufhaus für Schuhe geworden ist.

Ich war gerade von der Café-Bar Le Titanic am Marché Dejean aufgebrochen, um auf dem Weg zur Metro kurz am Grand Hotel Barbès und dem Café Hotel L’Univers vorbei zu schauen, und dann einen Blick auf den Moscheeneubau zu werfen, als mir vor dem Pax Hotel eine breite, fensterlose und weiße Querfront ins Auge fiel, an der ich schon mindestens ein Dutzend Mal in 20 Jahren vorbei gelaufen bin. Immer schon war da ein vergleichsweise kleiner, tagsüber geöffneter Eingangsbereich, aber ich habe mich bislang nie herein getraut. Bis vor Kurzem hingen dort noch mehrere Leuchtreklameschilder „Kata“, aber ohne Hinweis auf die Art der feilgebotenen Waren. Bis 2012 muss es hier auch noch Fahnen und eine imposante Markise gegeben haben. Heute gibt es keinen Hinweis mehr, dass man hier ein Geschäft oder Ähnliches betritt.

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Im markanten Kontrast zur breiten weißen Wand außen, bot sich innen ein buntes Bild, allerdings ein zunächst irritierendes: Über riesigen Kisten voller Schuhe, offensichtlich billigster Ware von 15 bis 60 Euro, schaute ich linkerhand auf eine gut hundertjährige Theaterbühne oder Kinoprojektionswand (was sich auf den ersten Blick nicht direkt erschloss), rechts auf eine breite Treppe, die zu einer Galerie hinauf führt, an deren Seite historische Werbeplakate im Stil von Toulouse-Lautrec (u.a. für Likör) und Gemälde der Belle Epoque hingen. Während die Wände und Decken so erhalten blieben, wie sie vom Architekten Léon Garnier konzipiert wurden, die die Gemälde keine Originale.

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Witzig wirkt der aufgemalte moderne Bulldozer, der zwischen dem roten Plüschvorhang hindurch fährt und eine Ladung  Schuhe in den 1914 entstandenen Saal im neoklassischen Stil schüttet. Das Haus im Stil eines italienischen Theaters bot 1200 Plätze, war vergleichsweise luxuriös ausgestattet und zählte zu den bestbesuchten Kinos der Stadt!

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Es wirkt so, als hätte man den Saal erst saniert, eher er als Schuhkaufhaus ein neues Leben begann. Und so war es wohl auch. Vielleicht als Übergangslösung, auf dass man jederzeit wieder ein Kino installieren könnte? Nach dem ersten halben Dutzend Fotos wies mich eine Verkäuferin darauf hin, dass das hier nicht gestattet sei. Dies sei ein privates Geschäft, kein „Monument national“. Der Inhaber möge das nicht. OK. Ich erzählte ihr länger von den Schilderungen des Kinos in den „Visions de Barbès“, von denen sie noch nie gehört hatte, obwohl die Autorin keine 100 m entfernt wohnt. Ich machte dennoch noch eins, weil der zum Boulevard Barbès führende „Schlauch“ (die ehemalige Lobby, die das Kinogebäude durch das Nebenhaus mit dem Boulevard verbindet) mich optisch beeindruckte.

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Erst draußen fiel mir auf, was ich schon drinnen hätte sehen können: Der Laden nennt sich „Kata“ oder genauer und passender „Espace Kata“ und wirkt vom Boulevard her sehr edel. Nichts deutet auch auf ein ehemaliges Kino hin.

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Erst auf einer Luftaufnahme bei Google Earth wird ersichtlich, wie sich die Kinohalle in den Häuserblock einfügt:

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Später erfuhr ich, dass das Kino in den 1960er-Jahren von mehreren nordafrikanischen Besitzern geführt wurde, die zunächst mit B-Movies und Karatefilmen, später sogar mit einem Adult-Programm versuchten, das Kino im Fernseh- und Videozeitalter profitabel zu erhalten, bis am 31. Juli 1985 endgültig die Projektoren ausgingen. Unklar bleibt, was mit dem Saal passierte, bis Kata ihn 1988 übernahm. Ach ja: In der Geschichtensammlung „Visions de Barbès“ hat die Autorin dort Blickkontakt mit einer Bettlerin oben auf der Galerie, welche sie deswegen beschimpft. Es endet in einem Gespräch mit Polizisten, die darüber philosophieren, welches Recht in diesem Einwandererviertel hier denn nun gültig sei. Doch wohl eher das „common law“ dieser Parallelgesellschaft?!

Was das zweite eingangs genannte, in Vergessenheit geratene Kino anging: Auch der Saal des „Delta“ ist erhalten geblieben, ebenfalls als Verkaufsraum eines Händlers von Second Hand Kleidung. Wollen wir hoffen, dass der Denkmalschutz ein Auge auf beide hält.

Ein ähnlich neu genutzter Raum ist das Kulturzentrum  L’Archipel in einer ehemaligen Kirche.

Adresse: 34, Boulevard Barbès, 75018 Paris

Verwendete Quellen: Célérier, Philippe: Barbès (18ème), sallesdecinema.blogspot, 19.12.2009 (mit vielen guten Fotos) und Delta (9ème), 08.07.2010; Delamare, Xavier: Barbes Palace, cinematreasures.org, ohne Datum; Labrune, Jeanne: Visions de Barbès, Grasset, Paris 2014, Kapitel: Un magasin extraordinaire, S. 121-128; Paris-bise-art: Cinema Barbès Palace, 14.09.2012 (auch mit guten Fotos).

Das neue Leben des „Barbes Palace“ © Ekkehart Schmidt

2 Kommentare
  1. Sehr schön geschrieben! Deshalb liebe ich Paris, es bietet immer wieder tollste Entdeckungen 😀

Trackbacks & Pingbacks

  1. L’Archipel_Paris | akihart

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