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Café Bar Le Titanic_Paris

März 23, 2016

Wenn es einen Ort gibt, an dem man in die französische Kolonialgeschichte eintauchen kann, dann ist es hier. 2006 habe ich in diesem einzigen Café der rue Dejean erstmals einen Espresso getrunken, spätere Versuche scheiterten an dessen frühen Schließzeiten. Der Mann maghrebinischer Herkunft hinter der Theke konnte mir letzte Woche nicht sagen, wie alt das Lokal ist. Es existiere schon mindestens 20 Jahre unter diesem Namen. Davor gab es hier sicherlich mindestens seit den 1930er-Jahren ein Café, wohl unter anderem Namen. Hinter ihm hängt ein hölzerner Rettungsring über den Spirituosen, auf dem ein Aufdruck „Titanic – London 1912“ suggeriert, dass es sich um ein Original handele. „Nein, sicher nicht“, sagt der Barkeeper zu meiner entsprechenden Frage. Bei „Titanic“ denkt man nicht nur an grandios gescheiterte Technikgläubigkeit, sondern auch ans Überleben. Das Lokal wirkt insofern ein wenig wie ein Überbleibsel aus einer Zeit, als der hiesige Marché Dejean noch nicht so stark von Schwarzafrikanern und Maghrebinern dominiert wurde. Während hier in den 1950er-Jahren europäische und maghrebinische Zuwanderer lebten, kamen ab den 1970er-Jahren die Westafrikaner aus dem Senegal, Togo oder Kongo dazu. Das alte französische Inhaber-Ehepaar des Hotels „Chateau Rouge“, in dem wir 2006 übernachtet haben, schimpfte damals in dem Sinne darüber, als dass man sich als weißer Franzose hier im Viertel immer mehr an den Rand gedrängt fühle.

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Das Café ist das einzige in Paris, das ich kenne, in dem weiße Franzosen und solche westafrikanischer oder maghrebinischer Wurzeln miteinander sitzen. Als Bewohner von Barbès Rochechouart/ La goutte d’or, dem ältesten und emblematischsten Einwandererviertel der Metropole. Es gibt hier viele Cafés, aber meist trifft sich dort eine Ethnie. Hier dominiert vor allem eine Altersgruppe: Die der Älteren mit viel Zeit, egal welcher Herkunft. Ab und an kommen aber auch jüngere schwarze Frauen herein, die bei ihren Einkäufen in den Gemüse-, Fisch- und Fleischgeschäften dieser kurzen Marktstraße eine Pause einlegen.

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Neben dem wunderbaren Mosaikfussboden und der in gelbgrünlichem Marmor gefassten Bar ist sicherlich die lange lederne Sitzbank in ähnlichem Grünton unter einem den Raum optisch stark vergrößernden Spiegel das beeindruckendste Element der Inneneinrichtung. Er wirkt wie ein Überbleibsel aus Zeiten, in denen die Klientel höhere Ansprüche hatte, als es heute der Fall ist. Immerhin kostet hier der Espresso am Tisch 2 Euro, während er am Tresen schon für 1,20 Euro zu haben ist.

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Am besten sitzt man am Ende der Sitzbank direkt in der Nische am Fenster. Oder gleich draußen, in deren Verlängerung. Denn natürlich lebt das Café heute von der Möglichkeit, in aller Ruhe das bunte Markttreiben zu beobachten oder von diesem eine Auszeit zu nehmen und dennoch mittendrin zu bleiben.

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Das Hotel von 2006 existiert übrigens nicht mehr. Das Gebäude wurde aufgekauft und saniert. Hier sollen Wohnungen des sozialen Wohnungsbaus entstehen, sagte mir ein Nachbar auf der Caféterrasse. Das alte Ehepaar hatte gut schimpfen, hätte aber auch etwas mehr mit der Zeit gehen können, um ihr preiswertes Hotel überleben zu lassen, dachte ich schon damals. Montmartre ist zwar sehr nahe, aber die Ansprüche von Reisenden haben sich verändert. Dafür hatten sie in ihrem gleichwohl charmant-antiquierten Haus kein Gespür oder keine Investitionsmöglichkeit. Jetzt bleibt hier in der Straße nur noch das Grand Hotel Barbès.

Adresse: rue Dejean, 75018 Paris

Verwendete Quellen: Paris méconnu: Le marché Dejean, Brigitte Rasoloniaina: Marche dejean du xviiie arrondissement de paris. Un espace public percu et vécu2012

Café Bar Le Titanic_Paris © Ekkehart Schmidt

3 Kommentare
  1. Schön beschrieben! Barbes und Chateau Rouge sind eine kleine Welt für sich

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  1. Café Hotel de l’Univers_Paris | akihart
  2. Das neue Leben des “Barbes Palace” | akihart

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