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Kill Kill Kill

März 21, 2016

Aggressionen sollte man rauslassen. Oder tunlichst unterdrücken. Ersteres ist gesünder, letzteres wird als gesellschaftlich geboten vermittelt. Manchmal kann die Wut groß sein, riesengroß. Sogar so groß, dass man töten könnte. Wirklich töten oder nur im übertragenen Sinne. So schrie das Publikum Ende der 1980er-Jahre in der bewußt skandalisierenden politisch unkorrekten TV-Show von Morton „Mort“ Downej Jr. immer dann „Kill, kill, kill!“, wenn eine der beiden Seiten einer Debattierrunde dem Publikum nicht mehr gefiel. Und „Mort, Mort, Mort“ – woraufhin Downej dann den Kandidaten beschimpfte und aus der Runde warf.

Die folgenden Fotos der Häuser rue de la gare 8 und 10 im luxemburgischen Esch an der Alzette drücken den Gedanken an solche Affekthandlungen aus, zeigen allerdings nur etwas sehr banales: Das vor knapp 90 Jahren gegründete Geschäft Paul Kill Elektro in Nr. 8 verkauft Haushaltsgeräte, die 1945 von einem Cousin gegründete und heute von dessen Nachkommen Marcel und Claude geführter Patisserie Kill in Nr. 10 leckere Süsswaren. Ich dachte mir, dass es einen familiären Hintergrund dieser scheinbaren Zufälligkeit zweier Geschäfte und dreier Schilder dieses englisch wirkenden Begriffs nebeneinander gibt.

„Kill“ bedeutet hier nicht „Töte!“, sondern ist ein luxemburgischer Familienname, dessen bekannteste Trägerin die Frauenrechtlerin Kathérine Schleimer-Kill war, die sich in den 1920er-Jahren für die politische Einmischung von Frauen engagierte, nach dem 2. Weltkrieg jedoch resigniert zu haben schien. Vielleicht unter dem Einfluss von zu viel Kill Kill der Männerwelt?

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Besonders schön ist der zungenbrecherische Werbespruch: „Elektro Kill bitt vill“ (man bietet viel). Und handgeschriebene Preisschilder, heute wahrlich eine Seltenheit. Bei meinem nächsten Besuch in Esch an der Alzette werde ich nach den familiären Bezügen der Geschäfte fragen. Und einen Blick in das sehr belgisch wirkende Café Chez Nadia werfen.

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Ein erstes Feedback zu diesem Blog kam von einer Frau aus Esch, die beide Läden aus ihrer Kindheit kennt: „Pâtisserie Kill hat die besten Rieslingspasteten in der Gegend, … und als Kind hab ich mir vor dem Schaufenster von Elektrokill die Nase platt gedrückt um die Sendungen im Fernseher anzuschauen 🙂 ein bisschen Nostalgie halt…!“ Rieslingspasteten?

Ein zweites kam im Tageblatt vom 4. Januar 2019: Elektro Kill wird in naher Zukunft schließen. Den kleinen Geschäften in Esch gehe es nicht gut, sagte Paul Kill, der dem Ruhestand entgegenblickt, gegenüber der lokalen Tageszeitung. Das vor knapp 90 Jahren 1928 von seinem Großvater gegründete Geschäft könne insbesondere mit der wachsenden Konkurrenz des Internethandels nicht mehr mithalten. Der 77jährige zahlt seit Jahren aus der eigenen Tasche, um seinen Laden am Laufen zu halten. aber so könne das nicht ewig weitergehen.

Konkret und die familiären Bezüge erklärend, wurde es im Tageblatt vom 8. März 2019 in einem Bericht über einen Abschiedscocktail am 2. März: „Im Jahr 1928 fing alles an als der Großvater des heutigen Besitzers – auch er hieß Paul – in der Brillstraße einen ersten elektrofachhandel eröffnete. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernam sein Sohn Francosi das Geschäft an der heutigen Adresse…, bevor dann der aktuelle Besitzer Paul Kill den Betrieb übernahm. Obwohl niemand dem ebenso dynamischen, jovialen Geschäftsmann verübeln kann, dass er jetzt mit 77 Jahren endlich in den wohlverdienten Ruhestand gehen möchte, schmerzt diese Entscheidung viele Escher doch ungemein…“

Traurig sind nicht nur diejenigen, die auf dem eiligen Weg zum Bahnhof von den stets exakt gehenden Uhren im Schaufenster Hilfe bei der Frage bekamen, wie viele Minuten sie noch bis zur Abfahrtszeit ihres Zuges hatten. „Kill“ war eine Art Kult-Adresse, der letzte Name in einer ganzen Reihe von Elektrogeschäften von Clees, Marnach, Lingen über Demy Lorenz, Ricci, Bolz bis Thilmany und Michno, die allen ein Begriff waren. „Jammerschade“ sei der Verlust – ausgelöst durch die Konkurrenz spezialisierter Super- und Hobbymärkte – des persönlichen Kontakt mit guter Beratung, schrieb jüngst Guy van Hulle. Und mehr noch: Esch sei dabei, duch diesen und andere Verluste dabei, seine Seele zu verlieren.

In Luxemburg-Stadt entdeckte ich 2019 dann aber aus dem Bus heraus „Fleurs Kill“ im Stadtteil Howald. Ob dieser Blumenladen mit den Elektroläden verwandt oder verschwägert sind?

Verwendete Quellen: DER SPIEGEL: Fernsehen. Müll rausschleimen, Nr. 15/ 43. Jg., 10.04.1989; Pautsch, Misch: Einzelhandel in Schwierigkeiten, Tageblatt, 04.01.2019; van Hulle, Guy: „Tout doit disparaître, Tageblatt, 08.03.2019

Kill Kill Kill © Ekkehart Schmidt

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  1. Café Chez Nadia_Esch-sur-Alzette | akihart

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