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Café de la gare_Bettembourg

März 9, 2016

Sicherlich an jedem zweiten der gut 60 luxemburgischen Bahnhöfe gab es im 20. Jahrhundert ein „Café op der Gare“ oder „Café de la gare“ (siehe historische Aufnahmen aus Junglinster). Bezieht man die frühere Schmalspurbahn mit ein, waren es sogar deutlich mehr. Heute existieren noch etwa zehn. Nach Stillegung der „Jangeli“ genannten Schmalspurbahn und Umnutzung der Trassen als Radwege überlebten manche – bei gleich bleibendem Namen – sogar noch Jahrzehnte lang, obwohl weit und breit keine Gleise, geschweige denn ein Bahnhof mehr zu sehen ist. Viele dieser Cafés waren einfache Gaststuben, in denen der Arbeiter oder Angestellte auf dem Weg zum Stahlwerk oder Büro einen Kaffee und auf dem Weg zurück ein Bier trank. Oder zwei. Manche waren dagegen echte lokale Institutionen mit Kegelbahn und Speisenangebot. So wahrscheinlich in Bettembourg. Dort habe ich letzte Woche hinter dem Bahnhofsvorplatz im Osten einen alten Schriftzug entdeckt, mich ein wenig erkundigt und bin dann gestern zum Fotografieren wieder hingefahren

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Der Bahnhof an der Strecke Luxemburg – Metz entstand 1859, wenig später könnte auch das Café de la gare eröffnet worden sein. Es sei sicherlich schon seit 50 Jahren geschlossen, schätzt der Inhaber des benachbarten Lokals „Betebuerger Stuff“. Er seit damals 28 gewesen, als er sein Lokal eröffnete – und nun sei er schon weit über die 50. Schon damals, als er hinter dem Café sein Restaurant einrichtete, existierte ein Teil der sehr grossen rückwärtigen Anlage nicht mehr. Zumindest die langgestreckte Kegelbahn wurde abgerissen, heute finden sich dort ein Garten und ein Wohnhaus, erzählt er. Das Café ist also zumindest seit 25 Jahren geschlossen. Genaueres lässt sich nicht herausfinden. Ich wollte auch nicht in der Wohnung unten klingeln und nachfragen. Schliesslich war ich nur kurz in meiner Mittagspause in diese Kleinstadt im Süden gekommen und wollte schnell per Zug zurück.

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Ein „Café op der Gare“ existiert noch in Lintgen (Lëntgen), Küntzig, Hellange (Helléng), Helmsange bei Walferdange und in Capellen. Ersteres bietet in edler Atmosphäre portugiesische Spezialitäten, hat aber das nostalgische Eisenbahnflair verloren, das sich in der Brasserie „Beim Pätter Op Der Gare Zu Këntzeg“ (also in Küntzig bzw. Clemency) und in Capellen noch findet. Ein Café de la gare besteht noch am Bahnhof in  Munsbach , am stillgelegten Bahnhof von Rümelingen, an der abgerissenen Jangeli-Station in Gonderange, in Hellingen (im Oktober 2015 neu eröffnet) sowie in Bahnhofsnähe in Esch/ Alzette, während das Lokal „Bei der Gare“ am Hauptbahnhof in Luxemburg erst seit September 2017 diesen Namen trägt (vor der Renovierung hiess es „Brasserie Nonaro“. In ähnlicher Funktion als Bahnhofskneipe, aber mit anderem Namen sind noch zu erwähnen das „Buffet de la Gare“ bzw. heute „Den Neie Buffet“ im Hauptbahnhof in Luxemburg, das Restaurant/ „Pizzeria de la gare“ in Wecker, das „Owstellgleis“ in Rameldange und die beiden „Buffet de la gare“ in Mersch und Ettelbrück.

In Bettembourg gibt es – ebenfalls hier an der route de Mondorf östlich des Bahnhofs – einen weiteren Leerstand: das „Café des bons amis“. Die westliche Seite der durch die Eisenbahntrasse geteilten Kleinstadt hat sich – mit Blick auf Gastronomie und Geschäftsleben – besser erhalten. Die Ostseite ist abgesehen von der route de Mondorf ein reines Wohngebiet geblieben. Man kommt heute nicht mehr zu Fuss zum Bahnhof, sondern parkt direkt an den Gleisen bzw. verlässt dort den Bus. Das Café de la gare liegt dagegen etwas oberhalb auf dem Hügel über dem Bahnhof – ein Standort, der plötzlich ungünstig war. Mit der Automobilisierung der 1960er-Jahre schwand die Kundschaft. Und als dann eine weitgestreckte Brücke über die Gleisanlagen errichtet wurde, hatte endgültig sein letztes Stündlein geschlagen.

Siehe auch: Namen von Gastwirtschaften

Café de la gare_Bettembourg © Ekkehart Schmidt

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