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Pickard Café_Lebach

März 4, 2016

Nach der Schule noch gemeinsam auf einen Kakao in ein Café gehen? Das war einmal. Heute schalten alle Schüler sofort ihr Smartphone an und versinken auf dem Weg nach Hause alleine in virtuellen Realitäten oder whatsappen nebeneinander im Bus. Schweigsam. Meine Lebensgefährtin traf sich Anfang der 1990er-Jahre nachmittags in Lebach im einzigen Café am Bahnhof (außer wenn es Zeugnisse gab und nach drei Stunden Schulschluß war, dann sind sie in die „City“, also an den Markt. Das Pickard war damals ein echtes Oma-Café, aber ihre Freundinnen seien auch schon früh omamäßig drauf gewesen, erzählte sie heute: Sie interessierten sich für klassische Musik und so. Bei einem Kakao haben sie dort gemeinsam die Hausaufgaben erledigt. 2013 hatte sie mir bei einem Besuch dort schon davon erzählt, letztes Wochenende war ich erneut dort und versuchte mich in die damalige Zeit hinein zu versetzen, was angesichts einiger signifikanter Neuerungen nicht ganz einfach war.

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Da hängt jetzt draußen nicht nur ein Schild „Moneygram“, das für die Möglichkeit wirbt, Geld in alle Welt zu überweisen, was an einem Ort in dem sich die zentrale Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im Saarland befindet, natürlich eine kluge Idee ist. Am rückwärtigen Eingang hängt zudem ein Schild, das Kunden auf Englisch und Arabisch willkommen heißt und damit zeigt, dass  hier wohl kaum noch Lebacher Omis kommen. Wir haben jedenfalls keine gesehen. Sie werden jetzt wohl eher ins Eiscafé Mauro Constantin um die Ecke am Platz oder das Café-Bistro am Markt jenseits des die Stadt teilenden Flüsschens Theel gehen.

Ein Drittel des ansonsten etwa im 1970er-Jahre-Stil der letzten Sanierung original erhaltenen Cafés war schon 2013 mit Computern und Bildschirmen zugebaut:

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Das Café, das wohl jahrzehntelang die Café-Adresse in Lebach gewesen ist, stand wohl einige Jahre leer, ehe es etwa 2008 neu eröffnet wurde. Aber the times they are a changing, wie ein Yelp-Kritiker in einem längeren Post damals ernüchtert feststellte. Die mutmaßlich türkische Inhaberfamilie hat nicht nur der Versuchung widerstanden, das Lokal in „Bosporus-Cay Ev“ umzubenennen, sondern glücklicherweise auch die Original-Bestuhlung so belassen, wie sie sie vorgefunden haben. Aber es wurde in eine elektrische Kaffeemaschine investiert. Und auch die Kuchentheke existiert noch. Aber der Stil der Tischdecken entspricht nicht mehr unbedingt den Vorstellungen einer ländlich-kleinstädtisch-deutschen Kundschaft.

Der Name des Lokals irritiert dadurch noch stärker, ist doch „Pickard“ eigentlich ein angelsächsischer Familienname und zugleich ein Synonym für die französische Region Picardie. Warum die Straße so heißt, an deren Ecke zur Poststraße dieses Café liegt, konnte ich nicht herausfinden. Für Besucher Lebachs, die mit dem Bus oder Auto kommen, ist dieses markante Haus seit gut einem Jahrhundert ein vertrauter Anblick. Es entstand wahrscheinlich in den Jahren nach 1897, als Lebach mit seinem neuen Bahnhof zum Knotenpunkt an der Strecke Wemmetsweiler – Nonnweiler wurde bzw. 1911, als auch eine Eisenbahnstrecke von Völklingen hierher fertig gestellt wurde. Ob es damals schon ein Café gab? Vielleicht spätestens, als wenige 100 m entfernt 1936 die Graf-Haeseler-Kaserne erbaut wurde. 80 Jahre später sah das Lokal jedenfalls so aus:

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Für Interessierte am Kaffeehaussterben ist das Pickard jedenfalls sehr zu empfehlen. Die Inhaberfamilie wird sich auch über einen Besuch freuen, werden doch Moneygram und Internetzugang nicht wirklich viele Einnahmen in die Kasse spülen. Beim nächsten Besuch werde ich auch einmal die Kuchen probieren.

Adresse: Pickardstr. 2, 66822 Lebach, Tel.: 06881-9249290

Verwendete Quelle: Stadt Lebach: Die Geschichte Lebachs, lebach.de (ohne Datum)

Pickard Café_Lebach © Ekkehart Schmidt

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