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Brasserie du Casino de Bonnevoie_Luxemburg

Februar 17, 2016

Es muss wohl ein schleichender Prozess gewesen sein, Gewerkschaften wie etwas Antiquiertes zu empfinden. Vielleicht seit 1990. Jedenfalls hatte ich bei den etwa 50 Gelegenheiten, in denen ich seit 2008 auf dem Weg über die „Passerelle“ vom Bahnhofsviertel nach Bonneweg gelaufen bin, bei denen mir das markante Gebäude des „Casino Syndical“ hinter den Rotunden immer gegenwärtig war, so gut wie nie den Gedanken, in der dortigen Brasserie einen Kaffee zu trinken oder Essen zu gehen. Das 1956 entstandene Gebäude der Eisenbahnergewerkschaften wirkte verschlossen, nicht öffentlich zugänglich für Leute, die nicht dazu gehören. Gut, dass ich diese Woche zwei Mal dort hinein gegangen bin, um diese fremde Welt zu erkunden.

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Bei einem ersten Besuch in den erstaunlich großen Räumlichkeiten trank ich nur einen Kaffee, bei einem zweiten Besuch aß ich eine Roulade mit Nudeln, die zwar lecker war, aber extrem fleischlastig und ohne Gemüse serviert wurde. Arbeiterküche eben, hoher Kalorienbedarf wegen körperlicher Arbeit, dachte ich zunächst.

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Ich hatte eine Art Gewerkschaftskantine erwartet und war überrascht, eine normale Brasserie vorzufinden. Das Lokal serviert portugiesische, französische und luxemburgische Speisen zu einem Preis, der nicht wirklich günstig ist. Die Rouladen für 9,50 EUR, Bouche à la Reine für 11 EUR oder Steak à Cheval für 13 EUR – das ist ein normales Preisniveau in dieser wohlhabenden Stadt. Letzteres ist übrigens schlicht ein Stück Rindfleisch mit einem Spiegelei auf dem Rücken, keineswegs Pferdefleisch! (mehr zu diesem interkulturellen Missverständnis in einem englischsprachigen Blogtext). Lediglich der Espresso für 1,70 EUR wirkt vergleichsweise preiswert. Das Lokal wirkt freilich überdimensioniert. Mittags ist vielleicht ein Zehntel der Sitzplätze belegt – und auch nicht von Arbeitern, sondern eher von Angestellten der Mittelschicht und offenbar auch vielen pensionierten Eisenbahnern.

Neben der breiten, portalähnlichen Tür geht es unter den Augen von Marilyn Monroe hinunter zu den Toiletten. Durch die Tür gelangt man in einen Flur gegenüber des Eingangs zu einem Veranstaltungs- und Festsaal, an dessen Wänden eingerahmte alte Fahnen von Eisenbahngewerkschaften hängen, welche einem bewusst machen, wie sehr sich die Zeiten geändert haben.

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Im Keller gibt es noch eine Kegelbahn („Jeu de Quilles“). Oben im Lokal bieten ein elektronisches Dartspiel, ein Glücksspielautomat von „La belle net“ und ein Computer mit Internetzugang (12 min für 1 EUR) Möglichkeiten zum einsamen oder gemeinschaftlichen Amüsement. Das Angebot an Zeitungen ist mit Bild (Saarland-Ausgabe), Luxemburger Wort, Tageblatt und der kommunistischen  Zeitung vum lëtzebuerger Vollek erfreulich vielfältig. Die Brasserie öffnet erst spät, gegen 12 Uhr,  schließt um 14.30 Uhr wieder und ist dann abends von 18 bis 23.30 Uhr erneut geöffnet. Zu der Uhrzeit sitze ich längst im Bus zurück nach Saarbrücken, kann das abendliche Kneipenleben also ebensowenig beurteilen wie den Einfluss gewerkschaftlichen Engagements des Hauses auf das Lokal.

Es scheint hier tatsächlich interessante Veranstaltungen zu geben, neben Aktivitäten der linken Gewerkschaft OGBL, Partei-Veranstaltungen der sozialdemokratischen LSAP oder der sozialistischen Déi Lenk auch einige Vorträge oder Fortbildungen zivilgesellschaftlicher Organisationen wie zum Beispiel der von 4motions organisierte Université populaire oder Veranstaltungen gegen TAFTA/ TTIP. Und natürlich Hochzeiten und andere Familienfeste.

Am interessantesten war aber wohl – jedenfalls nach Einschätzung zweier Journalisten von Tageblatt und Journal – eine „legendäre Kellnerin“ namens Renata, die „mit einer für ihre geringe Körpergröße schier unbegreiflichen Übersicht“ den Laden schmiss.

Nachtrag vom 22. Januar 2019: Und wieder ist ein Verlust zu beklagen, wie schon 2014 mit der „Buvette Bonny“ im damals benachbarten Supermarkt, der gleichzeitig wie das Casino 1956 als einer der ersten Supermärkte des Landes als „Coopérative des cheminots“ entstanden war: Nicht, dass nun ein zeitgemäß-modernes Gebäude entstanden ist, das sowohl der Arbeitnehmerkammer (Chambre des salariés) für ihr Lifelong Learning Center, als auch dem FNCTTFEL-Landesverband ein modernes Zuhause bietet. Die 2017 begonnene und mit einer Neueinweihung am 7. Dezember 2018 abgeschlossene Sanierung des Casino-Gebäudes schloss auch das Lokal mit ein. Leider wurde es Opfer einer Komplettsanierung, der das gesamte oben dokumentierte Mobiliar und die Fenster (nun durchsichtig) zum Opfer fielen.

Sicherlich ist da für die neue Kundschaft des Hauses angemessen. Ehe ich nicht noch einmal dort eingekehrt bin, werde ich mich dazu auch nicht wertend äußern. Falls ich rein darf. Denn es ist nicht nur wieder etwas authentisch Historisches verloren gegangen, sondern offenbar steht die neue Brasserie außerhalb von Veranstaltungen auch nicht mehr jedem offen. aber ich kann ja mal fragen, auch nach der Kegelbahn, die wohl ebenfalls verloren gegangen ist.

Brasserie du Casino de Bonnevoie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Casino de Bonnevoie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Adresse: 63, rue de Bonnevoie, L-1260 Luxemburg, Tel.: 26 19 05 28 Homepage

Verwendete Quellen: Schneider, Robert: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Kommentar: Brasserie im Bonneweger Casino, Tageblatt, 10.12.2018; Steinwachs, Pascal: Obgepikt. Renata, Letzebuerger Journal, 11.12.2018; Welsch, Annette: Das Casino Syndical wird royal, Luxemburger Wort, 07.12.2018; Wolwert, Claude: Bonneweger Notizen aus den Jahren 1952 – 2002, in: Nouvelles de Bonnevoie, No. 151, Dezember 2018, S. 1-3

Brasserie du Casino de Bonnevoie_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

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