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Eiscafé Capri_Saarbrücken

Februar 15, 2016

Es wurde wohl 1957/58 eröffnet und ist damit nach dem „Favretti“ in Burbach eines der ältesten Eiscafés des Saarlandes: „Capri“ – das klang zu damaligen Wirtschaftswunderjahren nach Sonne, Meer, Sommerurlaub und Dolce Vita – freilich eher für Wohlhabende (die anderen fuhren nach Rimini). Obwohl der Kellner, der mir letzte Woche als einzigem abendlichen Gast einen Espresso servierte, hier schon seit 29 Jahren arbeitet, war er sich nicht ganz sicher, wann genau das war. Jedenfalls sei der Neubau des Hauses nach den Kriegszerstörungen direkt mit der Nutzung des Erdgeschosses als Eiscafé geplant gewesen, sagt der hochgewachsene Kellner. Und der Name sei schon immer „Capri“ gewesen. Der Name war sehr beliebt: Zwischen Cuxhaven uind Wangen im Allgäu gibt es bundesweit noch immer gut 30 Eiscafées diesen Namens.

Eine Familie Toscani sei es gewesen, die als erste von mittlerweile drei Generationen von Betreibern in der damals florierenden Alt-Saarbrücker Eisenbahnstraße den Betrieb aufgebaut hat, ehe ihr von der St. Johanner Bahnhofstraße der Rang abgelaufen wurde und diesseits der Saar schleichend ein Abwertungsprozess einsetzte. Das von den Inhabern Da Ren – Da Ros geführte Eiscafé ist mit der Metzgerei Konrad, den Bäckereien Conrad und Drumm, der Stengel Apotheke, der Gutenberg Stube und Stempel Ernst einer der wenigen altansässigen Betriebe, der hier den Trend zu Billiggeschäften und Spielcasinos überlebt hat. Dieser soll mit der jüngsten Aufwertung im Rahmen des Projekts „Stadtmitte am Fluss“ umgedreht werden. Kritiker der Initiative Lusienviertel finden freilich, dass sich der Niedergang der Eisenbahnstraße auch durch mehrjährige Baumaßnahmen nicht hat aufhalten lassen: „Diese Baumaßnahmen wurden dann sinnigerweise auch noch Revitalisierungsmaßnahmen genannt. Realsatire pur, denn Baumaßnahmen haben den ‘Absturz’ dieser Straße eher beschleunigt. Bei dem vorherrschenden Leerstand in der Eisenbahnstraße kann man einen Trend nachvollziehen, der in allen Städten feststellbar ist. Die Verödung der Geschäftsviertel.“

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Das Eiscafé wirkt trotz Sanierung der Bürgersteige heute etwas eingequetscht und verloren unter den Kolonnaden zwischen zwei grossen Spielcasinos. Die Kolonnaden bilden – ähnlich der Bahnhofstraße – ein wesentliches Merkmal der 50er-Jahre-Architektur der Straße. „Sie sind das übergreifende städtebauliche Element, das der Eisenbahnstraße ihren ensemblehaften Charakter verschafft und die Straße prägt“, so das Amt für Stadtentwicklung in der Begründung für den Ensembleschutz im Rahmen des Projekts.

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Wenngleich kaum jemand an einem Winterabend Lust auf Eis hat (oder höchstens zum Mitnehmen, was einige machen), erstaunt es dennoch etwas, dass das Café bei dieser Lage überlebt hat. Vielleicht habe ich aber auch nur nie im Sommer hinein geschaut, wenn das Geschäft brummt? Immerhin ist jetzt ein hinterer Teil des Lokals abgetrennt worden, durch den im Sommer die doppelte Zahl an Gästen Platz findet. Anfang März waren wir noch einmal da. Ich wollte mal das Eis probieren, das offenbar einen sehr guten Ruf hat. Wir nahmen einen Walnuss- und einen Vanillebecher für 4,50 EUR:

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Der Walnussbecher mit Krokant passte nicht nur farblich perfekt zur Inneneinrichtung, sondern war tatsächlich sehr gut. Nächstes Mal probiere ich das Pizza-Eis. Eine Besonderheit sind auch die Eistorten Cassata und Troketto, die besondere sizilianische Spezialitäten zu sein scheinen.

Gut ein Dutzend Eiscafés gibt es in der Saarbrücker Innenstadt, und irgendwie hat es mich bislang immer eher zum „Jesolo“ in die Altstadt, die Eiscafés auf der Berliner Promenade, ins „Etna„am Nanteser Platz oder ins „Amore“ an der Johanneskirche gezogen. Die Eisenbahnstraße ist eben atmosphärisch alles andere als „italienisch“. Und zum Bummeln lädt die Ecke auch nicht ein. Aber das hat sich dort wohl früher durchaus anders angefühlt.

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die erste Eisdiele soll übrigens 1668 der Sizilianer Francesco Procopio de Coltelli, ein ehemaliger Koch des Sonnenkönigs Ludwig XIV. , in Paris eröffnet haben (nach anderen Angaben kam der 20jährige erst 1670 nach Paris). In Deutschland gibt es heute etwa 4.000 Eisdielen bzw. Eiscafés, von denen etwa 3.000 von italienischen Gelatieri geführt werden, von denen wiederum 3/4 aus dem Val di Zoldo in den Dolomiten stammen. Ursächlich hierfür war die um 1850 herrschenden Armut der dortigen Bevölkerung, die sich daraufhin auf das Eismachen als Einnahmequelle konzentrierte. Viele gingen nach Österreich und schließlich in der Zeit der Weimarer Republik auch nach Deutschland, wo ab den späten 1920er Jahren die Eisdiele zum Bestandteil der gastronomischen Stadtkultur wurde. Schon in den Jahren 1891-1903 wirkte aber in Braunschweig Vittorio Toscani als einer der ersten Inhaber einer Eisdiele. Der Grund für seine Innovation: Ein Gesetz verbot den Verkauf von Eis auf der Straße. Also eröffnete er einen Verkaufsraum.

Eiscafés bzw. Eisdielen wurden in den 1950er-Jahren in Deutschland als Gastronomieform regelrecht neu entwickelt, nachdem hier ursprünglich vor allem mobile Händler hausgemachtes Eis verkauften. Letztere gibt es immer noch, vor allem aus Autos heraus verkaufend, in Saarbrücken aber auch noch mit kleinen offenen Wagen (insbesondere am Stadn zu sehen). Die Betreiber des „Capri“ kehren – wie so viele andere Eiscafé-Inhaber – als wahre Pendelmigranten im November in die Heimat zurück und kehren erst im Februar wieder.

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Wie gesagt: Der Winter ist nicht die beste Jahreszeit, um über Eiscafés zu bloggen. Nicht nur, weil man im Lokal auch tagsüber etwas düster sitzt. Nach der – wahrscheinlich in den 1980er-Jahren – erfolgten Sanierung wäre eine Anpassung der Innenarchitektur an den heutigen Zeitgeist sicher empfehlenswert. Aber vielleicht sind die Stammgäste so völlig zufrieden. Dass der Stil früher anders war, erkennt man an den blau-gelben Mosaikwänden der Toilettenanlage im Keller.

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Fazit: Das „Capri“ ist so ein richtig unverfälschter Betrieb, wie ihn die Eisenbahnstrasse und das Luisenviertel ausmachen. So kann man das jedenfalls – wie das Stadtmarketing im Herbst 2016 – auch ausdrücken, statt etwas als „altmodisch herabzuwürdigen“. Eine sehr gelungene Kampagne, umgesetzt von Studierenden der nahen HBK. Und Herr Toscani bietet das schönste Motiv:

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Auf den Verpackungen des Cafés findet sich übrigens noch die Adresse eines Eiscafés Da Ren in Heusweiler, Inhaber Sven Da Ren. Eine Art Filiale offenbar? Ich muss also im Februar nochmal vorbei schauen.

Adresse: Eisenbahnstr. 47, 66117 Saarbrücken, Tel.: 0681-57957 

Verwendete Quellen: Amt für Stadtentwicklung der Landeshauptstadt Saarbrücken: Baukultur in der Praxis – Die modernen 50er in der Eisenbahnstraße; Donata Panciera, Paolo Lazzarin, Tarcisio Caltran: La storia del gelato. Dall’epopea dei gelatieri alla Mostra Internazionale del Gelato/Wie das Eis entstand. Vom Zeitalter der Speiseeiserzeuger zur Internationalen Speiseeismesse (ital./dt.). Cierre Edizioni. Caselle di Sommacampagna (VR), Italien 1999;  Rönneburg, Carola: Grazie mille! Wie die Italiener unser Leben verschönert haben, Herder, Freiburg im Breisgau, 2005, S. 15f.

Eiscafé Capri_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, SaarLorLux

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