Skip to content

Die buntesten Ecken Luxemburgs

Februar 4, 2016

Auf den ersten Blick fällt es nicht auf: In der route de Thionville, am Rand des ehemaligen Arbeiterviertels Bonnevoie gibt es so viele Kneipen und Restaurants, dass mir als täglich hier per Bus durch dieses südliche Stück der historischen Nord-Süd-Achse durch die Stadt einpendelnder Grenzgänger zwar immer wieder das „Gielen Eck“ in der Nummer 208 auffiel, ich es aber nicht in einem Zusammenhang mit dem „Rouden Eck“ in Nummer 75 sah, geschweige denn mit dem „Coin vert“ in Nummer 140 A. Erst als ich hier vorletzte Woche zum zweiten Mal zu Fuss unterwegs war, fiel der Groschen: Alle drei sind Eckkneipen in – natürlich – gelb, rot und grün gestrichenen Häusern des frühen 20. Jahrhunderts. Sie existieren sicher schon seit mindestens einem halben Jahrhundert und ähnelten sich früher wohl mehr als heute. 2016 allerdings ist die soziale Hierarchie geklärt: Das gelbe Eck macht optisch auf edel, das rote auf gutbürgerlich, während sich im grünen Eck noch immer die Arbeiter treffen. Der Optik entspricht auch das Speisenangebot.

Ausschlaggebend für diese Differenzierung war wohl neben dem Angebot auch die Lage: Der Standort des grünen Ecks auf der Westseite der Strasse ist deutlich ungünstiger als derjenige der beiden anderen: Hinter dem Haus endet im Übergang zur Eisenbahnanlage die Wohnbebauung, während das rote Eck für Kunden aus dem Stadtteil viel besser erreichbar ist und sich am weiter südlich gelegenen Standort des gelben Ecks, obschon ebenfalls auf der Westseite gelegen, mit Howald ein deutlich „besseres“ Wohnviertel anschliesst. Lustig ist: Es hat auch einmal ein „Bloen Eck“ gegeben. Also vier bunte Eckkneipen im Abstand von 300 Metern.

Den Gréngen Eck (auch: Coin vert) gegenüber dem Mambo Café hat sicherlich eine lange Geschichte, vielleicht schon fast hundert Jahre. Der aktuelle Inhaber José wird die Brasserie sicherlich von einem Luxemburger übernommen haben. Er ist ein lang ansässiger portugiesischer Luxemburger, was bei meinem ersten Besuch plötzlich zum Thema wurde, als ein Gast an der Theke anfing, über die Frage der Identität zu debattieren und sich bei mir, als ich zahlen wollte, für die Lautstärke entschuldigte. Kein Problem, merkte ich an, obwohl sein Erregungsgrad tatsächlich etwas nervig war. Es sei witzig gewesen, ein Gespräch in einer ständig wechselnden sprachlichen Mischung aus Französisch, Italienisch und Portugiesisch zu hören, sagte ich. Schon hing ich drin und kam kaum noch raus: Sein Vater sei Italiener, seine Mutter Französin. Inwieweit hänge die national-kulturelle Zugehörigkeit von den Eltern und dem Wohnort ab? Eine gute Frage in Luxemburg.

DSC_0158_800

DSC_0196_800

DSC_0197_800

DSC_0179_800

DSC_0178_800

Auch beim zweiten Besuch mittags gab es außer mir nur zwei bis drei andere Gäste, die wenig mehr als ein frisch gezapftes Bofferding konsumierten. „Krunnemëcken“ nennt man hierzulande jene Männer, die wie die Mücken rund um die Bierzapfanlage schwirren und sich einen Thekentratsch liefern, wie ich ihn erlebt habe. Der Begriff „Thekensteher“ ist eine eher unzulängliche Übersetzung, der mich beim googeln aber zu einer schönen SZ-Glosse geführt hat. Zu essen gibt es hier lediglich vorproduzierte Waren von „Dany Snack“, so Sandwichs und Hamburger für 3 – 4,50 Euro. Ich probierte ein Käsesandwich, das mir heiß serviert wurde, aber, wenngleich lecker, eher nur noch mehr Appetit machte.

Es war eisig kalt, wahrscheinlich wurde an der Heizung gespart. Ich hatte mich für meinen Espresso (1,50 Euro) in den hinteren Bereich zurück gezogen, wo es auch eine Ecke mit Internetzugang und einem Spielautomaten gab. Der Mosaikboden wirkte sehr klassisch 50er-Jahre, dazu dann eher wenig stilechte grüne und auberginefarbene Wände. Dominiert wird das Lokal von drei TV-Bildschirmen, einem über dem Eingang mit eingeschalteten italienischem Sender, einem ausgeschalteten Flachbildschirm in meiner Ecke und einem weiteren neben der Theke, der lediglich die Ziehungen der Zubito/ Lottospiele anzeigt. Neben der Theke werden zwecks Anregung die Gewinnsummen der letzten Glücksspielziehungen bekannt gegeben: „Ici un gagnant de …“ immerhin 2000, 618, 600 und 404 Euro.

Gut sichtbar wird Marilyn Monroe hinter dem Tresen vom Grossherzogspaar gespiegelt – ein untrügliches Zeichen für einheimische Inhaber. „Toiletten“ steht auf Deutsch über der Tür in den Keller, aber daneben warnt ein Schild auf Französisch vor den stufen: „Attention aux marches“.

DSC_0180_540

DSC_0176_540

DSC_0175_800

DSC_0177_800

DSC_0195_800

Das Café Um Ro’den Eck (oder auch: Rouden Eck) ist dagegen wirklich gediegen, hat aber seinen authentischen Charme verloren, den es sicherlich einmal gehabt hat. Inhaber Pit Esposito sagt mir, dass es um 1917 entstanden sei und wohl das älteste der vier Ecken sei. Innen ist die Farbe Rot in den Polstern der Stühle, einer Sitzecke und am Tresen präsent. Bei meinem ersten Besuch abends traf ich vor allem Pensionäre an, eher vom Typ Angestellter, denn Arbeiter, unter anderem ein Busfahrer. Sie sprachen Lëtzebuergesch. Auch hier gab es einen großen TV-Bildschirm, der wohl vor allem bei Radsportereignissen angeschaltet wird. Entsprechende Bilder an den Wänden neben und über der Theke zeigen, dass der Wirt und ein Teil der Stamgäste auch gerne Radsport betreiben oder betrieben haben. Anders als im Gréngen Eck gibt es hier viele Zeitungen, vom WORT über das Tageblatt bis zur BILD.

Mittags gegen 12 Uhr 30 war das Lokal so voll, dass ich keinen Platz fand. Das Stammessen wirkt konventionell fleischlastig, ist für 9,80 aber verhältnismäßig günstig. Auch um diese Uhrzeit schien das rote Eck vor allem von Mittelschicht-Luxemburgern besucht zu werden.

DSC_0170_800

DSC_0162_800

DSC_0173_540

DSC_0174_800

DSC_0177_800

DSC_0175_800

DSC_0196_540

Das Gielen Eck wirkt trotz Modernisierung ebenfalls, als hätte es schon eine sehr lange Geschichte. Bis etwa 2014 wurde das Lokal von Herrn Engel geführt. Nach seinem Tod übernahm es ein neuer Pächter, der das Haus vor einem Jahr saniert hat. Die Schankstube und die Kegelbahn erhielten eine moderne Wandverkleidung, in der Mitte des Lokals wurden Hochtische mit Barhockern eingefügt. Ferner wurden die Stühle vor der Tür auf ein Holzpodest gesetzt und aus dem Parkplatz hinter dem Haus ein Biergarten gemacht. Sogar eine Homepage gibt es.

DSC_0187_800

DSC_0188_800

DSC_0184_800

DSC_0179_540

DSC_0181_A_800

„Haut gett emol en labber Klatz géheit“ steht über der Kegelbahn, was immer das heissen soll. Bei meinem Besuch letzte Woche mittags gab es „Fish & Chips Sauce Tartare“, dazu ein Espresso für 12,80 Euro. Die junge Kundschaft wirkte, als wäre man aus einem der umliegenden Büros oder Autohäuser zur Mittagspause da. Vielleicht treffen sich hier abends noch Leute aus der Nachbarschaft, vielleicht auch zum Kelgeln – jedoch wohl kein Arbeitermilieu mehr.

DSC_0185_800

DSC_0182_800

03_800

Das schon erwähnte „Bloen Eck“ scheint nach übereinstimmender Auskunft verschiedener älterer Personen bis vor 25 Jahren in dem Haus existiert zu haben, das heute noch im oberen Bereich blau gestrichen ist, während unten jedoch die Farbe Weiß dominiert. Es beherbergt heute ein mittags sehr gut besuchtes italienisches Restaurant namens „La Veranda“. Ich bin mir da aber nicht ganz sicher, zumal mir gestern die Bedienung nichts dazu sagen konnte. Es gibt einige Häuiser weiter noch ein zweites Lokal in einem noch komplett blau gestrichenen Gebäude: Die Café-Brasserie „Mars One“.

DSC_0003_800

DSC_0189_800

Ich muss das jetzt bald klären, sonst wird es mir zur Mittagspausen-Obszession. „Am Trapeneck“ heisst übrigens eine andere Eckkneipe, viele Kilometer südlich auf der route de Thionville in Hesperingen. Was immer „Trapen“ heißt. Kneipen mit solchen Namen, wie beispielsweise auch das „De Jangeli“ in der gleichen Straße, sind tatsächlich fast die einzigen Orte, an denen die luxemburgische Sprache öffentlich sichtbar wird, abgesehen von sozialen Einrichtungen wie der „Stëftung Hëllef Doheem“, dem größten ambulanten Pflegedienstanbieter in Luxemburg, dessen Wagen einem überall begegnen.

Die buntesten Ecken Luxemburgs © Ekkehart Schmidt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: