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De Jangeli_Luxemburg

Januar 19, 2016

Eigentlich wollte ich mir gestern nur ein Bild der vielen portugiesischen Restaurants und Café-Bistros in der route de Thionville machen, durch die ich seit siebeneinhalb Jahren jeden Morgen per Bus in Luxemburg einfahre. Nie bin ich irgendwo eingekehrt, hier im Viertel Bonneweg (Bonnevoie), ausser in der „Stuff“ – aber die liegt im besser situierten Kern dieses Multikulti-Viertels, nicht hier in der Hauptstraße, die zugleich und eigentlich nur eine Tangente ist: westlich von hier finden sich bis zu den Eisenbahn-Anlagen nur eine ehemalige Giesserei und andere Fabriken, aus denen große Autohäuser geworden sind. Das Viertel südlich des Hauptbahnhofs zählt zu den Quartieren mit der höchsten Migrantenbevölkerung und Bevölkerungsdichte der Stadt.

„De Jangeli“ klang freilich schon sehr lëtzebuergesch, an die bis 1955 hier mitten auf der Strasse verkehrenden Schmalspurbahn. Ich kenne den Namen von mehreren Radtouren auf ehemaligen Trassenabschnitten, die zu wunderbaren Radwegen an die Mosel, nach Echternach oder ostwärts ausgebaut worden sind.

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

„Zenter 2008“ steht am Fenster über einer imposanten Holzkanone auf der Fensterbank – es besteht also seitdem ich von Saarbrücken nach Luxemburg pendele. Und war für mich immer – nach den Lokalen „Uelzechtdall“, „Um Lomperang“ und „Bei der Uelzecht“ weiter unten in Hesperange – so ein erfrischend spannender Name, der mir anzeigte, dass ich wirklich in einem anderen Land bin. Ich wusste nicht, dass „De Jangeli“ gar nicht soo alt ist und vor 2008 ein Bordell war.

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Meinen Espresso zuzubereiten dauerte etwas länger. Vielleicht war die Maschine mangels Nutzung noch nicht heiß genug. Neben dem Inhaber und seiner Frau gab es außer mir nur einen Gast, der eher etwas Alkoholisches zu sich nahm. Für die Mittagszeit sollten es etwas mehr Gäste sein, will man auf seine Kosten kommen. Aber vielleicht ist es hier abends belebter? Das sehr rustikal eingerichtete Lokal ist natürlich nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Restaurant im edlen Thermalbad von Mondorf-les-Bains, dessen Küchenchef im neuesten Restaurantführer Gault&Millau eine Auszeichnung als bester Küchenchef des Landes erhielt.

In dieser kleinen Kneipe („Bopebistro“ sagen die Luxemburger dazu) gibt es gar nichts zu essen. Dafür hat das Lokal anderes zu bieten. Überraschend ist vor allem der hintere Schankraum, der zugleich Arbeits- und Ruhezimmer zu sein scheint. Offenbar setzt sich kaum ein Gast an einen Tisch. Das halbe Dutzend Barhocker vorne scheint auszureichen. Dafür sendet hier im hinteren Teil des Lokals, in das ich mich zurückzog, um unbeobachtet fotografieren zu können, ein Fernseher mit einem russischsprachigen Programm ins Leere (während auf dem zweiten Gerät im vorderen Raum das ZDF läuft). Zudem gibt es hier eine Reihe bekannter Fotos des „Jangeli“ und Ölgemälde, die vielleicht auf die frühere Nutzung des Lokals und der oberen Etagen verweisen sollen.

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

Zum ehemaligen Bordell sagte mir der Wirt, dass es geschlossen worden sei, nachdem die Inhaberin wegen eines Mordes an einem Brasilianer verurteilt worden sei. Ich gebe das hier nur wieder, ohne dafür einen Beleg gefunden zu haben. Ich muss also unbedingt noch einmal auf einen Espresso kommen (der übrigens sehr gut war). aber erst muss ich mich um die „buntesten Ecken der Stadt“ kümmern, die ich in der Nachbarschaft entdeckt habe.

Nachtrag vom April 2016: Die Mordgeschichte stimmt tatsächlich. Die heute 62jährige Luxemburgerin Brigitte D. (ehemalige Inhaberin dieses oder eines anderen Lokals) und ihre Freundin, die 54jährige Brasilianerin Tania M. sowie deren Sohn Diego M., der den Ehemann von Brigitte D., den damals 71jährigen Brasilianer Henri Z., am 25.10.2011 in Brasilien von zwei engagierten Personen ermorden ließen, sind dafür am 15. Juli 2015 verurteilt worden. Motiv war das Erlangen der Erbschaft des Immobilienhändlers. Brigitte habe Henri letztlich auch aus wirtschaftlichen Überlegungen geheiratet. Tania und ihr Sohn hatten bei ihm hohe Schulden. Und Tania’s Bar lief auch nicht gut (ich konnte noch nicht herausfinden, wem der beiden Frauen diese Bar gehörte).

Vom 12. Januar bis 8. März lief in Luxemburg der Berufungsprozess, weil nach Sicht von Brigitte die Haftstrafe von 30 Jahren (für beide Frauen) für sie zu hoch ausgefallen sei. Fraglich blieb bislang, ob sie oder die Mutter des Mit-Täters den Mord geplant haben. Das Gericht bestätigte jedoch das Urteil von 30 Jahren Haft für Brigitte, reduzierte allerdings die Haftstrafe für Tania auf 24 Jahre.

Adresse: 154, route de Thionville, 2611 Luxemburg

Verwendete Quellen: Armbosti, Fabienne: „Tania a toujours fait pression, Le quotiden, 13.01.2016; Armbosti, Fabienne: Pas de pardon en appel, Le quotidien, 09.03.2016″Kass, Carlo: „Alles drehte sich nur um’s Geld“. Prozess. Brasilianischer Auftragsmord in Berufung, Tageblatt, 13.01.2016; SH: Ziemlich beste Feindinnen, Wort, 13.01.2016

De Jangeli_Luxemburg © Ekkehart Schmidt

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