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Shirini-ye Rayen

Januar 8, 2016

Rayen, eine kleine Gebirgsfuss-Oase 90 km südlich von Kerman, etwas abseits der überregionalen Straße, die über Bam durch Steinwüsten nach Belutschestan und Pakistan führt, ist ein staubig-trockenes Nest aus überwiegend Lehmbauten, zugleich aber auch ein kleines grünes Paradies, wie man sie im Iran  öfters findet. Kein Vergleich zu Mahan mit dem Garten Bagh-e Schahzadeh und dem Mausoleum von Schah Nematollah Vali, etwa 60 km weiter nördlich im gleichen Tal zwischen zwei Gebirgszügen mit Gipfeln von über 4000 Metern Höhe. Dafür durch und durch dörflich. Djoubs führen Quellwasser durch die beiden wichtigsten Alleen der Ortschaft, die sich an einem städtisch wirkenden Kreisverkehr mit Mausoleum in der Mitte kreuzen. Hier haben wir beim Besuch einer Tante im März 2013 eine Konditorei entdeckt, die neben dem kleinen Grabbau im Komplex einer benachbarten Moschee steht und ein für dortige Verhältnisse ungewöhnlich großes Angebot hat.

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Wenngleich die Fayencen an den Wänden des beigefarbigen Gebäudes optisch suggerieren, dass sie zum Moscheekomplex gehört, ist dies aber nicht der Fall. Es heißt, früher habe sich hier unter anderem ein Metzger befunden. Das Geschäft hat weder einen erkennbaren Namen, noch werden die Waren vor Ort produziert. Konditoreien werden in dem Falle“Shirini“ genannt. Produzieren sie selber, nennt man sie „Shirini Pasi“. Die aus Mitteleuropa bekannte Mischung aus Bäckerei und Konditorei gibt es im Iran nicht. Es gibt Bäcker („Nunwai“), die Brot als Grundnahrungsmittel verkaufen. Und es gibt Gebäckproduzenten, die ihre Ware an Läden wie diesen verkaufen, wie eine andere Tante mit ihren Kolompeh.

Ismail Mirzai, der Inhaber des Shirini, ist mit 25 Jahren noch sehr jung, zumal sein Laden namens „Ghanadeh Nader“ schon einige Jahre alt ist, wie ein Onkel für uns im Januar 2016 für uns erfragte. Ghanadeh bedeutet „Zuckerbäcker“. Er erzählt, dass sich vor ihm niemand in der Familie in dieser Branche betätigt hat. Sein ältester Bruder ist jedoch Inhaber eines grossen Restaurants auf der östlichen Anhöhe vor der Stadt.

Die Backwaren werden sicherlich vor allem zum iranischen Neujahr, zu Hochzeiten und für wichtige Familienfeste oder Besuche nachgefragt – wahrscheinlich vor allem von Kunden eines weiten dörflichen Umkreises, für die Rayen in Bezug auf das Angebot eine Großstadt ist.

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Es gibt im Iran noch nicht lange Konditoreien mit so breitem Angebot. Noch in den 1980er-Jahren gab es kaum Schokoriegel oder Kuchen, lediglich Honig und Bonbons. Lediglich zu Nowruz kaufte man in größeren Mengen gebackene Süßigkeiten, aber selten mit (teurem) Kakao. Den gab es – als Getränk – lediglich auf Beerdigungen, erzählt mir meine Frau, deshalb habe sie Beerdigungen geliebt: Es gab ihn ohne Milch, also sehr kräftig schmeckend sowie mit Rosenwasser und Zucker. Zum Ende des Ramadan gab es lediglich frittierte Solubiya. Süssigkeiten („Shirini“) waren ein Luxusartikel und sind es auf dem Dorf größtenteils noch heute.

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Früher hätte man solches Gebäck zu Hause selber hergestellt und wegen der vermuteten schlechteren Qualität niemals auswärts gekauft. Aber auch im Iran hat man mittlerweile aufgrund der beruflichen Mobilität und der Notwendigkeit, dass Mann und Frau beide arbeiten, dazu keine Zeit mehr.

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Die rote Neon-Leuchtschrift „Schokolat“ spiegelt sich seitenverkehrt innen auf den Fenstern der Vitrinen, in denen sich jedoch meist schokoladenfreie Ware findet. Schokoladiges ist fast immer ein Industrieprodukt und muss gekühlt werden. Kekse mit Schoko-Kuvertüre ist hier – am Rande der Wüste – sehr selten. Man ist hier noch nicht so verwöhnt und schon mit sehr zuckriger Ware glücklich. Die diesbezüglich berühmteste iranische Stadt ist Yazd mit seinen „Zuckerbäckern“ (pers.: Ghanadeh), von denen Hadj Khalife Ali Rahbar der seit 1916 als bester des Landes gerühmte ist.

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Als schokoladenverwöhnte Europäer wählten wir uns vor allem cremige Törtchen und Windbeutel, die hier etwas anders, aber keineswegs schlechter schmeckten. Nach Gaz Kermani, Ghottab, Baqlava, Halva, Loz, Pashmak – und wie die anderen Leckereien sonst noch heißen, war uns damals nicht.

Mich erinnerte dieser so überraschend üppig ausgestattete Laden an meine Kindheit in Teheran Ende der 1960er-Jahre, als wir Jungs einmal meiner Mutter ein paar Toman entwendet hatten, zum nächsten Kiosk gingen und dafür Kaugummi verlangten: Wir bekamen gleich eine ganze 20 x 15 cm große Kaugummidose, trugen sie stolz nach Hause – hatten sie dann allerdings unter Schimpf und Schande wieder zurück zu bringen (auch der Händler bekam vom mütterlichen Ärger seinen Teil ab).

Nachtrag: Im August 2016 war ich wieder hier und musste erschrocken feststellen, dass man die schöne Fassade mit einem riesigen Namensschild „Nadery Confectionary“ verunstaltet hat. Schade.

Shirini-ye Rayen © Ekkehart Schmidt

Shirini-ye Rayen © Ekkehart Schmidt

Shirini-ye Rayen © Ekkehart Schmidt

From → Iran

One Comment
  1. Oh was für tolle Leckereien!

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