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Blinde Flecken der Flüchtlingsdebatte

Dezember 20, 2015

Wirklich erstaunlich in der seit September andauernden Debatte über die „Flüchtlingskrise“ ist das einseitige – natürlich durch die Aktualität verursachte – Starren auf steigende Zuwanderungszahlen von bisher über einer Million Menschen. Dabei werden vier Punkte völlig übersehen:

  1. Neben Flüchtlingen wandern auch Familienangehörige hier lebender Arbeitsmigranten, Ehegatt/innen, Aussiedler, jüdische Kontingentflüchtlinge, Studierende, Geschäftsleute, EU-Ausländer und Deutsche zu. Ihre Zahl lag in den vergangenen Jahren jährlich bei fast einer Million (so kamen 2014 von 1,46 Mio Zuwanderern allein aus der EU 880.000, aber nur 173000 Asylbewerber). Von ihnen hört man 2015 nichts.
  2. Die Zahl von 1 Million zugewanderter Flüchtlinge in 2015 ist falsch. Es sind zwar 1 Million Flüchtlinge bei der Einreise registriert worden, die Zahl der insgesamt in die EU eingereister Flüchtlinge ist jedoch kaum höher, was bedeuten würde, dass alle nach Deutschland gekommen und dort geblieben wären. Übersehen wird, dass viele nur im Transit durch Deutschland in andere EU-Länder durchgereist sind, wie vorher durch Österreich oder Ungarn. Allein Schweden nahm 2015 gut 163.000 Flüchtlinge auf, die fast alle über Deutschland kamen. In Deutschland einen (Erst-)Asylantrag gestellt haben – als einzige gesicherte Zahl – nur 441.900 Menschen (davon 36 % Syrer). Gleichwohl schreiben manche Medien unreflektiert von „1 Million Asylbewerbern“.
  3. Neben den Zuzügen gibt es in ähnlich hoher Zahl auch Fortzüge, wie die Grafik unten anschaulich (aber nur bis 2010) zeigt. Beispielweise kamen 2014 rund 1,5 Millionen Zuwanderer nach Deutschland, während 1.1 Millionen abwanderten: zurück in die Heimat oder in ein anderes Land. Insgesamt sind in den fünf Jahren von 2010-14 rund 5,7 Millionen Menschen zugezogen und 3,9 Millionen Menschen abgewandert.
  4. Der Wanderungssaldo (also Zuzüge minus Fortzüge) ist in den vergangenen fünf Jahren zwar stetig angestiegen, liegt aber nur im Bereich von jährlich zwischen 120.000 und 550.000 Menschen.

 

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Beispielhaft für die gleichzeitige Zu- und Abwanderung können Migranten mit polnischer Nationalität (197.000 Zuzüge bei 125.000 Fortzügen in 2013), Italiener (60.600 Zuzüge bei 28.000 Fortzügen) und US-Amerikaner (31.000 Zuzüge und 32.000 Fortzüge) genannt werden. Die Zahl der Deutschen an den Fortzügen schwankte von 2010 – 2014 zwischen 140.000 und 160.000.

Und noch ein Punkt: Will man neben der Dublin II – Verordnung nicht auch die Konsequenz eines abgelehnten Asylantrags ignorieren, werden in den nächsten Jahren jährlich viele Hunderttausend Menschen zur freiwilligen Ausreise aufgefordert werden müssen, auf die – bei Nichtbefolgung – dann mehr oder weniger zwingend die Abschiebung folgt.

Die Debatte über Grenzen der Zuwanderung würde jedenfalls deutlich entspannter und weniger hysterisch verlaufen, würde man diese Fakten, die bislang eher blinde Flecken bilden, stärker einbeziehen. Was freilich wirklich historisch und eine epochale Herausforderung bleibt, ist die vorläufige Unterbringung und sozio-ökonomische Integration der Flüchtlinge des Jahres 2015. Bei den meisten anderen der Millionen Nicht-Flüchtlings-Zuwanderer der letzten Jahre war dies im Wesentlichen deren Privatsache. Gleiches gilt für deren Rückkehr, für deren Gelingen Deutschland ebenfalls – jedenfalls bei den angeworbenen Arbeitsmigranten – eine soziale Verantwortung trägt, der man kaum gerecht wird.

Verwendete Quellen: Statistische Angaben des Statistischen Bundesamtes, Infografiken von tageschau.de: Bildergalerie: Woher kommen die Zuwanderer? o.D. (2015); Demografie-Blog: Datenjournalismus und Demografie. Einwanderung nach Deutschland: Mehr Netto vom Brutto, 22.12.2011;

 

From → Interkulturelles

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