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Midan Hussein_Kairo

Dezember 18, 2015

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Wer in Kairo lebt und sich wirklich für die heutige Stadt interessiert, kommt ausgerechnet hier sehr selten vorbei, wo sich in „normalen“ Zeiten die größte Dichte ausländischer Touristen im städtischen Raum findet. Der Midan Hussein, das heißt vor allem der angrenzende Basar Khan el-Khalili, ist eines der drei „must see“ jeder Billigbadetouri-Tour von Hurghada und anderen künstlichen Paradiesen am Roten Meer ins „echte ägyptische Leben“. Dieses kriegen solche Kurztrip-Reisenden freilich nur durch die Fenster ihrer klimatisierten Busse zu sehen, während sie möglichst ohne Zeitverluste auf der Ring Road zu den Pyramiden, dem Ägyptischen Museum und dem Khan el-Khalili transportiert werden, um nach einem oder höchstens zwei Tagen wieder zurück am Meer zu sein.

Reisende dagegen kommen nicht nur zum Souvenirshoppen hierher, sondern nehmen sich Zeit für die beiden bedeutenden Moscheen vor Ort, die Hussein-Moschee und die Al-Azhar Moschee, bummeln zur historisch bedeutsamen Kreuzung der beiden Hauptverkehrsachsen durch das alte Kairo, verlieren sich dort in den Gassen, entdecken weitere historische Bauten aus einer anderen Zeit oder Gassen voller Handwerksbetriebe. Sie laufen die Nord-Süd-Achse der Altstadt („Qasaba“) nordwärts zum Bab Futuh und südwärts zum Bab Zuweila, jenen faszinierenden Stadttoren aus fatimidischer Zeit.

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Auch für außerhalb des Viertels lebende Ägypter liegen die interessanten Gassen dieses ausgedehnten Basarviertels westlich und südlich des sehr eng strukturierten und auf Gold, Kunsthandwerk und Imitate sowie andere Souvenirs spezialisierten Khan el-Khalilis. Im Gesamtgefüge des Basars, der eigentlich aus vielen Basaren besteht, ist der „Touristenbasar“ Khan el-Khalili ein Fremdkörper. Vom Midan Ataba zu Fuß durch die Sh. Muski oder per Bus und Taxi über die Hochstraße über der Sh. al-Azhar kommend, zieht es sie selten zum östlich sich anschließenden Midan Hussein, es sei denn, sie kommen zum Freitagsgebet in die Hussein-Moschee oder streben zur Al-Azhar Moschee bzw. der gleichnamigen Universität, die gemeinsam als Synonym für den „Vatikan“ des sunnitischen Islam gelten. Westlich des Platzes kreuzen sich die Sh. Muski mit der Qasaba, jener tausendjährigen Nord-Süd-Achse durch die Stadt. Dort finden sich vor allem Gewürzläden und Anbieter von eher touristisch interessanter Bekleidung (von Bauchtanzkleidern bis coolen T-Shirts), weiter südlich in Richtung Al-Ghury Mausoleum sowie in der Sh. Muski dominieren Bekleidungsläden für Ägypter.

Die 970 gegründete Uni zählt zu den ältesten wissenschaftlichen Einrichtungen weltweit überhaupt, ist aber schwer zugänglich und für Besucher optisch-ästhetisch auch eher uninteressant. Am ehesten kann man für ihre Bedeutung ein Gefühl entwickeln, wenn man in der Moschee beobachtet, wie viele junge Menschen aus Südostasien und Afrika sich hier bewegen. Oder in das Viertel unmittelbar südlich läuft, wo sich in Richtung Darb el-Ahmar sehr viele Buchläden mit Schwerpunkt Theologie finden.

Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass sich der jeweilige Entwicklungskern Kairos in mehreren Etappen vom heutigen Viertel Mar Girgis im Süden über das Viertel an der Ibn Tulun-Moschee und schließlich 969 hierher verschoben hat, als die Fatimiden hier eine ummauerte Palaststadt namens „Al-Qahira“ errichteten, die vom Volk völlig getrennt war – ähnlich der „Verbotenen Stadt“ in Peking. Von dieser Stadt der Kalifen, die über die islamische Welt herrschten, ist abgesehen von der Al-Azhar fast nichts erhalten geblieben. Ein halbes Jahrtausend lang entwickelte sich hier bis hin zu den Mamelucken eine neue, eigene Stadt mit einem überregional bedeutsamem Basar als Knotenpunkt der Handelswege zwischen Europa, Indien und dem Sudan. Durch den Bau der Neustadt ab 1870 hat der Basar aber einen teil seiner Funktionen verloren, insbesondere die als Finanzplatz und als internationaler Großhandelsplatz.

Für die hier lebenden Ägypter sind im Alltag nur die Viertel südöstlich der Azhar-Moschee und nördlich der Hussein-Moschee relevant. Hier finden sie, was den Alltagsbedarf angeht – vom Bäcker über den Lebensmittelhändler zum Elektriker und Installateur bis zum Teehaus und kleinen Kosheri-Lokalen – alles, was sie brauchen. Nur Alkoholläden und bessere Restaurants gibt es hier nicht. Das Quartier zählt – im starken Kontrast zu manch hochpreisigen Läden – zu den ärmeren Wohngebieten der Stadt, dominiert von ländlichen Zuwanderern, seitdem ab dem Bau der Neustadt nach 1870 und noch moderneren Vierteln in den 1960er-Jahren fast alle Alteingesessenen fortgezogen sind. In das entstehende Vakuum zogen Menschen mit eher dörflicher Prägung. Darb el-Ahmar südlich des Büchermarkts an der Al-Azhar, war ein schwieriges Viertel geworden, in das man nicht ging, es sei denn, man wollte Drogen kaufen. Mit einem Projekt des Aga Khan hat sich hier vieles verbessert, vor allem wurde aus dem Schutthügel jenseits der Stadtmauer der sehr attraktive Azhar Park.

Der Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte Straßendurchbruch der Sh. Al-Azhar in Ost-West-Richtung (inklusive Hochstraße und Tunnel darunter) trennt die beiden Moscheen. Der Platz vor der Azhar-Moschee ist dadurch stark verkleinert worden. Er wird dominiert von Läden für religiösen Bedarf und Andenken (wie Bücher oder aufwändig gerahmte Koransuren). Verbunden werden beide Platzhälften durch drei parallele, extrem saubere Fußgängertunnel.

Vewendete Quellen: Krause, R.F.: Untersuchungen zur Basarstruktur von Kairo. Marburger Geogr. Schriften 99, 1985, S. 94ff.; Lewis, Bernard: An interpretation of fatimid history, Gräfenhainichen/ Kairo 1972, S. 288f; Schweizer, Gerhard: Die Stadt im islamischen Orient. In: Falaturi, Abdoljavaa (Hg.): Der islamische Orient. Grundlagen zur Länderkunde eines Kulturraumes, Köln 1990, S. 196-251, S. 219; Stewart, Desmond: Great Cairo. Mother of the World, Neuauflage der Erstausgabe 1961, Kairo 1981, S. 66ff

Midan Hussein_Kairo © Ekkehart Schmidt

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